Heilig, heilig, heilig Gott (O.Sperling; 200)

Heilig, heilig, heilig Gott                                                          

„Gewaltig viel Noten, lieber Mozart“, soll Kaiser Joseph II. über die erste der großen Wiener Opern, die „Entführung“, gesagt haben, und Mozart antwortete: „Gerade so viel, Eure Majestät, als nötig ist.“ Diese Anekdote fiel mir ein, als ich Oliver Sperlings Melodie zu „Heilig, heilig, heilig“ aus dem neuen „Gotteslob“ sah. Für 68 Silben Text benötigt er immerhin 88 Noten. Also sozusagen 30% „Überschuss“. Genauso viel wie in August Harders Melodie zu „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ im Evangelischen Gesangbuch (vor 1813), mit der unser Lied zum Sanctus nicht nur die Tonart D dur gemeinsam hat, sondern auch die Modulation nach der Dominante A dur, die Sperling sogar zweimal verwendet. Auch die Schlusswendung mit den bis zum Grundton absteigenden sechs Noten der D dur-Tonleiter ist dort vorgebildet. Die Stelle „der da kommt“ ist sogar eine wörtliche Übernahme von „suche Freud“. Es ist bemerkenswert, dass ein Komponist unserer Zeit sich auf eine Melodie aus dem frühen 19. Jahrhundert bezieht. Auch an anderen Stellen werden Spuren abendländischer Musiktradition sichtbar. In der ersten Zeile steigt die Melodie stufenweise an, um bei „Herr“ zum ersten Mal den höchsten Ton zu erreichen. Ebenso beziehungsreich bildet die Melodie in der dritten Zeile den Gegensatz zwischen „Himmel“ und „Erde“ ab, bei der die Melodie wieder den Grundton berührt. Überraschend wirkt die Verwendung des Oktavsprungs im Auftakt bei „Hosanna“ in der vierten Zeile. Aber bereits im 12. Jahrhundert erscheint in der Prosula „Clangat hodie“, einem Zusatz zum Sanctus des Ordinariums IV, ein Oktavsprung zur betonten Silbe bei der Textstelle „Heute erschalle unsere Stimme im Einklang der Melodien“. Ich wünsche dem Lied zum Sanctus, dass es in den katholischen Gemeinden mit der gleichen Begeisterung und Präzision wie das Lied „Geh aus, mein Herz“ in den evangelischen Kirchen gesungen wird.

Anton Stingl jun.

Seliger aus unsrer Mitte (Anhang Freiburg/Rottenburg 910)

Seliger aus unsrer Mitte

Vorhandenen Liedmelodien neue Texte zu unterlegen, also neue Adaptationen zu schaffen, ist ein schwieriges Unterfangen, bei dem so manche Fallstricke lauern. Ist doch die Vorlage für das neue Lied für Bernhard von Baden eine „Altlast“ aus dem früheren Gesangbuch Magnificat von 1929, das ohne Melodie in der Auflage von 1960 wieder abgedruckt wurde. Zum Glück konnte ein erneuter Abdruck des Liedes im Beiheft zum Gotteslob 1985 verhindert werden. Denn eine Formulierung wie „Großer Führer“ ist seit dem Dritten Reich nicht mehr sangbar. Leider hat der neue Textdichter Harald Volz die drei Strophen des Originals zu fünf Strophen aufgebläht, indem er vier Zeilen, also die Hälfte einer Strophe, für alle fünf Strophen verwendet. Man darf also die Dreiklangsumkehrungen des dritten, siebten und dreizehnten Taktes und die Schlusswendung insgesamt fünfmal genießen. Es ist leider keine gute Idee, „Seliger“ mit „Heiliger“ zu tauschen (Meinrad Walter), denn in beiden Fällen liegt eine unbetonte Endsilbe unter einer betonten Note. Das passiert in der ersten Strophe noch einmal bei verteidi-gen. Die Formulierung „sei gegrüßt“ im Einleitungsteil ist eigentlich dem Gruß des Engels an Maria vorbehalten und wirkt deshalb hier befremdlich. Der Kreuzreim der Einleitung wird im zweiten Teil der Strophe leider aufgeben, obwohl die Melodie entsprechend gebaut ist. Der selbst auferlegte Zwang, in der letzten Zeile die ersten drei Silben beizubehalten, führt in der dritten Strophe zu einer Wiederholung aus der dritten Strophe und in der vierten und fünften Strophe zu missverständlichen Formulierungen.

Lob sei Gott (GL 901)

Der Auftragstext aus dem Diözesananhang Freiburg/Rottenburg des „Gotteslob“ (Nr. 901) von Georg Thurmair, der mit vier Strophen auskam, entging leider auch nicht der Heiligen-Falle und verwendet ebenfalls unverständliche Formulierungen wie „Bernhard, der ans Kreuz geschlagen seinen Namen wie sein Herz“. Die Melodie von Berthold Hummel nimmt auch dreimal ihre Zuflucht zu Grunddreiklängen. Weder die Gemeinschaftsarbeit von 1960 noch die Mischung 1920/2010 führen zu einem guten Ergebnis. Wie wäre es mit einem Lied im Stile von „O Bernardo, o principe Santo tu che fosti si puro e si buono ti ricordi di quelli che tanto hanno fede e amore per te…“ aus Moncalieri?

Anton Stingl jun.

Kunst und Kitsch im Kirchenlied

Als mein Vater Anton Stingl in der Zeitschrift „Werkblätter“ im 11. Jahrgang, 1938/39, Heft 4/5 einen Artikel mit dem Titel „Kunst und Kitsch im deutschen Kirchenlied“ veröffentlichte, war die Gesangbuchsituation in Deutschland noch eine andere als heute. Jede Diözese besaß noch ihr eigenes Gesangbuch. Im Jahr 1916 hatte die Fuldaer Bischofskonferenz beschlossen, 23 vom Cäcilienverein ausgewählte Lieder in den deutschen Diözesen als sogenannte Einheitslieder einzuführen. Nur Bayern widersetzte sich diesem Beschluss. Mein Vater unterzog nicht nur die Einheitslieder, sondern auch die Gesangbücher der Diözesen von Freiburg (1919) und Münster (1932) einem „Geschmackstest“. Im Freiburger „Magnifikat“ fand er unter 182 Liedern 68 gute, 62 gleichgültige und 52 kitschige. Von 176 Liedern des Münsteraner Gesangbuchs bewertete er 76 als gut, 59 als gleichgültig, 14 als bedenklich und 25 als kitschig. Dieses Ergebnis fand er wenig ermutigend, sodass er sich „nach dieser anstrengenden Arbeit einfach Luft machen musste“.

Das neue „Kirchenlied“

Die Neuerscheinung des „Kirchenlied“ im Jahr 1938 betrachtete er mit sehr kritischen Augen. Doch die Auswahl der Lieder überraschte ihn positiv. Viele Lieder gehörten zur Gruppe „gut“. „Auch die neugeschaffenen Lieder haben prächtige Texte und mit einigen Ausnahmen sehr gelungene und lebendige  Melodien“. Und er bekennt: „So freue ich mich von Herzen, einmal nicht kritisieren, sondern loben zu können.“

Das neue „Gotteslob“

Wenn nun am ersten Advent 2013 das neue Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ in den Pfarrgemeinden eingeführt wird, geben die neuen Lieder Anlass zu Lob oder Kritik. Das soll im kukikblog in loser Folge geschehen.