Holz auf Jesu Schulter (291)

Holz auf Jesu Schulter

Das Wort Holz, mit dem das Lied eröffnet, lässt ganz unterschiedliche Assoziationen zu: aus Zellulose und Lignin bestehende Masse eines Baumes, ein kleiner Wald, eine geografische Bezeichnung für Orte, eine Bezeichnung der Kegel im Kegelsport oder die Gesamtheit der Holzblasinstrumente im Orchester. Wenn wir aber über die Konstitution eines Menschen reden, aus welchem Holz er geschnitzt sei, müssen wir das durch ein Attribut näher erklären. Die Autoren vergangener Zeiten fügen, wenn sie das Wort Holz im Zusammenhang mit der Passion gebrauchen, immer eine Erklärung bei: Holz der Passion Christi bei Tertullian (150–130), Süßes Holz bei Venantius Fortunatus (540–610) oder Holz des Kreuzes (Karfreitagsliturgie). Holz auf Jesu Schulter lässt an eine Situation denken, in der ein Zimmermann Holz auf seiner Schulter zur Baustelle trägt. Jesus wird ja auch als Zimmermann bezeichnet (Mk 6,3). Dem Lied mit dem niederländischen Originaltext Met de boom des levens wurde bereits auf 29 Seiten einer Doktorarbeit eine ausführliche semiotische Analyse zuteil (Willem Marie Speelman, The Generation of Meaning ln Liturgical Songs, Kampen 1995). Das Problem ist aber die Übertragung ins Deutsche. Die erste Strophe heißt bei Willem Barnard:

Met de boom des levens wegend op zijn rug
droeg de Here Jezus Gode goede vrucht
R. Kyrie eleison wees met ons begaan,
doe ons weer verrijzen uit de dood vandaan.

Mit dem Baum des Lebens, lastend auf seinem Rücken,
trug der Herr Jesus Gottes gute Frucht
Kyrie eleison, nimm dich unser an,
lass uns erneut aufstehen aus dem Tod.

Den Anfang Mit dem Baum des Lebens könnte man so übernehmen. Aber in der Folge lässt sich eine wörtliche oder sinngemäße Übersetzung in Verbindung mit Reimen nicht verwirklichen. Selbst wenn man neue Inhalte wie z.B. von der Welt verflucht einfügt, kann es schiefgehen. Für mich ist das Paar verflūcht – Frŭcht ein unsauberer Reim. Mit Verzicht auf die Reime könnte man den „virtuosen Wortspielen der Urfassung“ (Meinrad Walter) näherkommen: 

Mit dem Baum des Lebens auf dem Rücken schwer
trug der Herr(e) Jesus Gottes gute Frucht.
Kyrie eleison, nimm dich unser an, 
lass erneut uns auferstehen aus dem Tod.

In der dritten Strophe Denn die Erde fragt uns nach der Saat des Todes, aber der Himmel trägt uns auf dem Atem Gottes werden die starken Bilder des Autors durch nichtssagende Allgemeinplätze wie bei Tag und Nacht und Alles ist vollbracht ersetzt. In der fünften Strophe gerät durch den Reimzwang ein völlig falscher Sinn in das Lied: Doch der Himmel fragt uns: Warum zweifelst du? heißt im Original: Doch der Himmel trägt uns, Liebe wird nie müde.

Bei Kyrie eleison zitiert die Melodie das gregorianische Kyrie der XI. Messe des Graduale Romanum. „Ein genialer Einfall!“ (Franz Karl Prassl). Noch genialer wäre es gewesen, wenn der Komponist auch in der letzten Zeile die auf Kyrie folgende Melodie des eleison übernommen hätte. Dann hätte das etwas einfallslose Rauf- und Runtersteigen der Tonleiter im Quintraum vermieden werden können.

Kyrie XI

Die Frage nach dem Sinn des Atemzeichens in der ersten Zeile wird spätestens in der dritten Strophe akut. Dass man Denn die Erde klagt uns / an bei Tag und Nacht nicht durch eine Atempause trennen kann, war für das Evangelische Gesangbuch (Nr. 97) keine Frage und es setzte an dieser Stelle kein Atemzeichen. Eigentlich braucht man es auch in der vierten Zeile nicht, wenn man das Lied im Allabreve-Tempo singt.

Auch die Betrachtung weiterer Stellen führt ebenfalls zu der Erkenntnis, dass es kaum möglich ist, einen Text aus einer fremden Sprache auf die Originalmelodie so anzupassen, dass das Originalaussage vollständig erhalten bleibt. Wäre es da nicht besser, einen neuen Text mit einer neuen Melodie zu schaffen? Dazu ein Beispiel aus „Kirchenlied II. Teil“ (Freiburg 1967):

 

Heil'ges Kreuz

Zugegebenermaßen ist der Text von Albert Höfer nicht so eingängig und seine Sprache etwas altertümelnd. Doch verwendet er ausdrucksstarke Bilder, die auf Texten der Bibel und der Liturgie  fußen.

Anton Stingl jun.