Atme in uns, Heiliger Geist (346)

346 Atme in uns

„Die Synkope ist ein musikalisches Gestaltungsmittel, welches das Betonungsschema eines Taktes aufbricht, indem es eigentlich unbetonte Schläge betont und somit rhythmische Spannung erzeugt.“ Die Synkope als rhythmische Verschiebung im ersten Takt ist im französischen Originaltext «Esprit de Dieu, souffle de vie» bereits vorgegeben und wirkt deshalb ganz natürlich. In der deutschen Übertragung dagegen lässt die Synkope dem Wort „atme“ keine Luft. Die Betonung wird unwillkürlich auf die Endsilbe verlagert, was unangenehme Erinnerungen an die Zeile „Die Erde ist schön, es ‚lippt‘ sie der Herr“ auslöst. Besser wäre es gewesen, wenn man die beiden Wortblöcke vertauschte: „Heiliger Geist, atme in uns“. Damit hätte man auch die Gefahr der unangemessenen Betonung der letzten Silbe von „Heiliger“ vermieden und wäre näher beim Original geblieben. Die ganze Note am Ende des Refrains und der Strophen macht bei den kurzen Silben „komm“ und „dich“ keinen Sinn. Im Original laden «sanctifies» und «t’attendons» durchaus zum Verweilen auf der letzten Silbe ein.

Die Strophen bleiben viel näher als der Refrain am Aufbau des französischen Textes. Der hält allerdings den Rhythmus mit «Viens, Esprit de Sainteté, viens, Esprit de Vérité, viens, Esprit de Charité» auch in der zweiten Strophe konsequent durch, während dem Übertragungsteam bei „Wahrheit“ und „Liebe“ eine Silbe fehlte.

F#m–E–F#m–E–C#m–F#m ist das einfache Begleitschema des Liedes. „All you need to write a country song is three chords and the truth“ (Songwriter Harlan Howard). Es reiht sich nahtlos in die Familie der „100 Songs für 3 Akkorde: Gitarre selber lernen in Rekordzeit. Oldies, Hits, Traditionals aus aller Welt, deutsche Volks-, Spaß- und Kinderlieder“ ein. Wenn man das Buch „Gitarrenspiel zum Gotteslob“ dagegenhält, das 1977 von Kunibertas Dobrovolskis unter Mitwirkung meines Vaters Anton Stingl bei Benziger/Herder herausgegeben wurde, muss man feststellen, dass die Ansprüche an die Gitarrenspieler doch sehr gesenkt wurden.

N.B. Da die Begleitung für Refrain und Strophen dieselbe ist, kann man das Lied auch als zweistimmigen Kanon singen wie das  bekannte Halleluja aus Taizé.

Für das Kirchenlied II (1967) durfte ich einen Text von Albert Höfer vertonen, der vielleicht nach Meinung anderer „die Bitte um den Geist weitläufig zerredet“  (Meinrad Walter). Das Lied versucht jedenfalls den Geist „in Demut zu ehren“.

Anton Stingl jun.

 Lob des Heiligen Geistes

2. Wir rühmen dich und deinen Geist, der glühend uns zusammenschweißt, das Band der Einheit windet: O komm, der alle Völker eint, und mach zum Freunde uns den Feind, gib Liebe, die uns bindet!

3. Du Gottesglut, du Feuerbrand, des Vaters und des Sohnes Band, des Höchsten heilig Leben: Der du hervor aus beiden gehst und wie ein Sturm das Herz durchwehst, lass rühmend dich erheben!

4. Du Beistand, der vom Himmel kam und der vom Reichtum Christi nahm, um unser Herz zu füllen: Wie hast du uns mit heil’ger Macht Verlangen nach dem Heil entfacht, es überreich zu stillen!

5. Du bist uns in das Herz gebrannt als Siegel und als Unterpfand, als Angeld aller Gaben: So lass, du Born der Herrlichkeit und nüchtern-heil’ger Trunkenheit, an deinem Strom uns laben!

6. Komm, unsres Gottes Pracht und Glanz, komm, unsres Lebens Siegeskranz, den uns der Herr verliehen! Komm, der die Erde neu erschafft: O, mögest du mit heil’ger Kraft in Gottes Reich uns ziehen!

Jesus lebt, mit ihm auch ich (336)

Noten Jesus lebt 

„Zu der Verachtung der geistlichen Gesänge überhaupt tragen unstreitig die vielen schlechten Lieder dieser Gattung nicht wenig bei. Viele wackere und fromme Männer haben es gewagt, geistliche Lieder zu dichten, und ihren Eifer für die Geschicklichkeit zur Poesie angesehen. Aber wie die Frömmigkeit demjenigen, dem es an Kenntnissen der Staatskunst fehlet, nicht die Geschicklichkeit erteilen wird, in öffentlichen Geschäften glücklich zu arbeiten: so wird auch ein frommer Mann, bloß darum, weil er fromm ist, noch nicht mit Glücke in der Poesie arbeiten, wenn er mit ihren Regeln nicht bekannt und mit keinem poetischen Genie begabt ist. Man kann ein sehr gutes Herz, auch Verstand und Wissenschaft, und doch einen üblen Geschmack besitzen. Man kann sich unnatürlich, unrichtig, abenteuerlich ausdrücken, wenn man von den heiligen Wahrheiten in der Sprache der Poesie reden will; und man kann es doch sehr gut meinen.“

Diesen Standpunkt vertrat Christian Fürchtegott Gellert, der Textdichter des Osterlieds „Jesus lebt“, in der Vorrede zu seinen geistlichen Oden und Liedern (1757). Wenn man in diesem Zitat das Wort Poesie durch Musik ersetzte, würde die Liste der schlechten geistlichen Lieder noch länger werden. Welche der Komponisten Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Adam Hiller und Joseph Haydn, die Gellerts Oden und Lieder vertonten, der Autor besonders schätzte, ist nicht bekannt. Jedenfalls waren alle drei Tonsetzer von Rang und Namen. Die Melodie des Liedes „Jesus, meine Zuversicht“ (Berlin 1653), worauf er seinen Text dichtete, spricht für seinen guten Geschmack. Gellert hat sicherlich mit Bedacht gerade diese Melodie mit den zwei Halben am Anfang gewählt, auf denen sich das Wort „Jesus“ entfalten kann. Im Evangelischen Gesangbuch sind beide Lieder abgedruckt (Nr. 115 bzw. 526).

Jesus lebt (EG)

„Du sollst den Namen Gottes nicht achtlos aussprechen“ möchte man Albert Höfer, dem ehemaligen Stadtpfarrer von Günzburg (1844–1857) zurufen, wenn er „Jesus lebt“ auftaktig mit zwei Achteln auf gleicher Tonhöhe und anschließendem Quartsprung singen lässt. Diese Art des Melodiebeginns pflegte auch Hans Baumann in seinen jugendbewegten Liedern „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ und „Gute Nacht, Kameraden“. Und weiter geht’s im punktierten Marschrhythmus wie im Lied der Franken „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein“. Fröhlich gleitet die Melodie auf einer fallenden Sexte nach unten wie im schwäbischen „Rosestock, Holderblüh“. Signal-Quarte und Abschwung-Sexte werden, nachdem sie so erfolgreich verwendet wurden, auch in der zweiten Zeile eingesetzt. Dort bereichern zwei Achtel die Melodie, sodass bei den folgenden Strophen „alle-he“ und „Einga-hang“ zu hören sind. Auch in der dritten Zeile stehen zwei – diesmal wirklich – überflüssige Achtel bei „auferwe-hecken“. Den Abgesang eröffnet ein überraschend ernsthaft aufwärts gehender Quartgang mit jeweils zwei Vierteln auf gleicher Tonhöhe, den der Autor leider durch eine trällernde Achtelfigur seiner Wirkung beraubt. Der höchste Ton, den die Melodie von 1653 vorsichtig auf eine unbetonte Silbe setzt, steht bei Höfer nach einer aufwärtsgehenden Dreiklangsumkehrung auf der Akzentsilbe von „Zuversicht“, in der Wirkung ähnlich wie in Mendelssohns „Abschied vom Walde“ (1843) an der Stelle „schlag noch einmal die Bogen“.

Mit der Wahl der Melodie von Höfer hat man leider die Chance vertan, dass bei Begräbnissen evangelische und katholische Christen gemeinsam dieses Lied singen können. Hat vielleicht die Diözese Augsburg, in deren Gesangbuch „Laudate“ das Lied seit 1859 stand, mit dem Austritt aus der deutschen Bischofskonferenz gedroht, wenn die Melodie aus Schwaben nicht in den Stammteil aufgenommen wird? Oder wollte man den kulturellen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch an diesem Lied dokumentieren? Ganz deutlich spürt man jedenfalls den Geschmackswandel innerhalb eines Zeitraums von 100 Jahren.

Den Osterjubel kann man auch auf ganz andere Weise zum Ausdruck bringen, wie meine Vertonung eines Textes des Grazer Religionspädagogen Albert Höfer zeigen möchte. Der Text wurde ursprünglich auf die Melodie des Liedes „Lobe den Herren“ gedichtet. Das Lied selbst wurde im „Kirchenlied, Teil 2“ (1967) veröffentlicht.

Anton Stingl jun.

Lob der Auferstehung