Jesus lebt, mit ihm auch ich (336)

Noten Jesus lebt 

„Zu der Verachtung der geistlichen Gesänge überhaupt tragen unstreitig die vielen schlechten Lieder dieser Gattung nicht wenig bei. Viele wackere und fromme Männer haben es gewagt, geistliche Lieder zu dichten, und ihren Eifer für die Geschicklichkeit zur Poesie angesehen. Aber wie die Frömmigkeit demjenigen, dem es an Kenntnissen der Staatskunst fehlet, nicht die Geschicklichkeit erteilen wird, in öffentlichen Geschäften glücklich zu arbeiten: so wird auch ein frommer Mann, bloß darum, weil er fromm ist, noch nicht mit Glücke in der Poesie arbeiten, wenn er mit ihren Regeln nicht bekannt und mit keinem poetischen Genie begabt ist. Man kann ein sehr gutes Herz, auch Verstand und Wissenschaft, und doch einen üblen Geschmack besitzen. Man kann sich unnatürlich, unrichtig, abenteuerlich ausdrücken, wenn man von den heiligen Wahrheiten in der Sprache der Poesie reden will; und man kann es doch sehr gut meinen.“

Diesen Standpunkt vertrat Christian Fürchtegott Gellert, der Textdichter des Osterlieds „Jesus lebt“, in der Vorrede zu seinen geistlichen Oden und Liedern (1757). Wenn man in diesem Zitat das Wort Poesie durch Musik ersetzte, würde die Liste der schlechten geistlichen Lieder noch länger werden. Welche der Komponisten Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Adam Hiller und Joseph Haydn, die Gellerts Oden und Lieder vertonten, der Autor besonders schätzte, ist nicht bekannt. Jedenfalls waren alle drei Tonsetzer von Rang und Namen. Die Melodie des Liedes „Jesus, meine Zuversicht“ (Berlin 1653), worauf er seinen Text dichtete, spricht für seinen guten Geschmack. Gellert hat sicherlich mit Bedacht gerade diese Melodie mit den zwei Halben am Anfang gewählt, auf denen sich das Wort „Jesus“ entfalten kann. Im Evangelischen Gesangbuch sind beide Lieder abgedruckt (Nr. 115 bzw. 526).

Jesus lebt (EG)

„Du sollst den Namen Gottes nicht achtlos aussprechen“ möchte man Albert Höfer, dem ehemaligen Stadtpfarrer von Günzburg (1844–1857) zurufen, wenn er „Jesus lebt“ auftaktig mit zwei Achteln auf gleicher Tonhöhe und anschließendem Quartsprung singen lässt. Diese Art des Melodiebeginns pflegte auch Hans Baumann in seinen jugendbewegten Liedern „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit“ und „Gute Nacht, Kameraden“. Und weiter geht’s im punktierten Marschrhythmus wie im Lied der Franken „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein“. Fröhlich gleitet die Melodie auf einer fallenden Sexte nach unten wie im schwäbischen „Rosestock, Holderblüh“. Signal-Quarte und Abschwung-Sexte werden, nachdem sie so erfolgreich verwendet wurden, auch in der zweiten Zeile eingesetzt. Dort bereichern zwei Achtel die Melodie, sodass bei den folgenden Strophen „alle-he“ und „Einga-hang“ zu hören sind. Auch in der dritten Zeile stehen zwei – diesmal wirklich – überflüssige Achtel bei „auferwe-hecken“. Den Abgesang eröffnet ein überraschend ernsthaft aufwärts gehender Quartgang mit jeweils zwei Vierteln auf gleicher Tonhöhe, den der Autor leider durch eine trällernde Achtelfigur seiner Wirkung beraubt. Der höchste Ton, den die Melodie von 1653 vorsichtig auf eine unbetonte Silbe setzt, steht bei Höfer nach einer aufwärtsgehenden Dreiklangsumkehrung auf der Akzentsilbe von „Zuversicht“, in der Wirkung ähnlich wie in Mendelssohns „Abschied vom Walde“ (1843) an der Stelle „schlag noch einmal die Bogen“.

Mit der Wahl der Melodie von Höfer hat man leider die Chance vertan, dass bei Begräbnissen evangelische und katholische Christen gemeinsam dieses Lied singen können. Hat vielleicht die Diözese Augsburg, in deren Gesangbuch „Laudate“ das Lied seit 1859 stand, mit dem Austritt aus der deutschen Bischofskonferenz gedroht, wenn die Melodie aus Schwaben nicht in den Stammteil aufgenommen wird? Oder wollte man den kulturellen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch an diesem Lied dokumentieren? Ganz deutlich spürt man jedenfalls den Geschmackswandel innerhalb eines Zeitraums von 100 Jahren.

Den Osterjubel kann man auch auf ganz andere Weise zum Ausdruck bringen, wie meine Vertonung eines Textes des Grazer Religionspädagogen Albert Höfer zeigen möchte. Der Text wurde ursprünglich auf die Melodie des Liedes „Lobe den Herren“ gedichtet. Das Lied selbst wurde im „Kirchenlied, Teil 2“ (1967) veröffentlicht.

Anton Stingl jun.

Lob der Auferstehung

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