HALLELUJA, HALLELUNEIN

An diesen Titel einer  Sammlung von satirischen Liedern, Segnungen und Gebeten in der Bibel (Andreas Peters 2010) musste ich denken, als ich im Gotteslob 2013 unter der Rubrik Rufe vor dem Evangelium die Zusammenstellung der einstimmigen Hallelujarufe sah. „Halleluja“ gilt für die Rufe im I. und V. bis VIII. Modus, „Hallelunein“ für die Rufe im II. bis IV. Modus, denn für diese Modi sind keine Rufe vorgesehen. Hat Adam von Fulda (um 1445-1505) im 15. Kapitel seiner Schrift „De musica“ das schon geahnt, wenn er in seinem Gedicht über die acht Kirchentonarten schreibt: „Der zweite [Ton] ist den Traurigen angemessen, der dritte ist zornig, vom vierten sagt man, dass er zärtlich macht.“ Das sind in der Tat keine guten Voraussetzungen, um ein Halleluja zu schmettern. Treffen seine Einschätzungen auch für die übrigen Töne zu? „Der erste ist für alle, den fünften gib den Fröhlichen, den sechsten den in der Frömmigkeit erfahrenen, der siebte ist für die Jünglinge, der achte für die Klugen.“  „Alle“ müssen sich wie bisher mit einem einzigen Ruf im I. Modus begnügen (GL 174,3 = 530,1 alt), ebenso die „Fröhlichen“ (GL 174,5 = 530,6 alt). Die Quellenangabe „nach verschiedenen Vorlagen“ soll hier verschleiern, dass der Ruf wörtlich der früheren Sonntagsnon Alleluia, faciem tuam (Liber Usualis, S. 247) entnommen ist. Auch das authentische Repertoire des Gregorianischen Chorals gibt sich mit nur zwei Alleluia-Versen im V. Modus sehr sparsam. Die „Frommen“ werden sich freuen, denn sie werden mit sechs Rufen – einer dem Modus entsprechenden  Anzahl – bedacht, darunter befinden sich drei alte Bekannte (GL 174,7-8 = 530,7-8 alt und 175,2 = 531,2 alt). Für die „Jünglinge“ sind zwei bereits bekannte Rufe vorgesehen (GL 175,4-5 = 531,3-4 alt). Den „Klugen“ hat man drei Rufe zugeteilt, darunter einen mit einer gregorianischer Melodie aus dem Vorgängerbuch (GL176,2 = 531,5 alt). Das Angebot wird ergänzt durch den nun vollständig abgedruckten Ruf im Tonus peregrinus (GL 584,8). Bisher standen nach dem Vorbild des Graduale Simplex nur die letzten zwei Drittel dieses Rufes im Gotteslob (GL 532,7 alt).

Für weitere Erläuterungen zu den Gregorianischen Gesängen im Gotteslob 2013 verweise ich auf meinen Artikel auf www.gregor-und-taube.de .

Über die Verwendung der jetzt entfallenen Modi haben die Schöpfer der gregorianischen Alleluia-Melodien vor über 1000 Jahren noch ganz anders gedacht. Beispielsweise war das Alleluia Dies sanctificatus im II. Modus am Weihnachtstag so beliebt, dass im Laufe der Zeit noch 42 weitere Verse für die verschiedenen Festtage dazukamen. Der III. Modus ist weniger vertreten; das Graduale Romanum bringt fünf Melodien für acht Texte. Im IV. Modus stehen elf Melodien für achtzehn Texte. Der im Gotteslob so reich bedachte VI. Modus ist dagegen im Graduale Romanum nur mit einer einzigen Melodie für zwei Texte vertreten. Den Wegfall des kraftvollen Halleluja-Rufs im II. Modus von Heino Schubert (GL 530,2 alt) bedauere ich sehr. Die Melodie im III. Modus (GL 530,3 alt), die auf einem Alleluia aus der Freitagsvesper beruht (Liber Usualis, S. 301) und die im IV. Modus (GL 530,4 alt) –  beide von Heinrich Rohr – waren eigentlich ganz akzeptabel.

HALLELUJA 1

 HALLELUJA 2

Was ist neu an den neuen Rufen? Vier davon laden geradezu zum Schunkeln ein. Den durseligen Ruf nach der Melodie Vom Himmel hoch, o Engel kommt (GL 174,4) kann man höchstens an Weihnachten singen. Seine Modusangabe Vc führt in winterliche Schneehöhen und müsste nach VIa korrigiert werden. Der Ruf von Alexandre Lesbordes aus dem Osnabrücker Diözesananhang (GL 174,6) kommt ganz breit mit fünf Halleluja daher und stemmt sich mit einem Oktavsprung auf den höchsten Ton. Der Ruf von Fintan O’Caroll und Christopher Walker (GL 175,6) erinnert mit seinem wiegenden ⁶/₈-Takt an das Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht und verrät mit seinem Schluss, dass er nichts mit dem angegebenen VIII. Modus zu tun haben will. Der Ruf aus dem Rottenburger Gesangbuch (GL 176,1) versucht durch die Vermeidung von Taktstrichen zu verschleiern, dass auch er der Walzer-Fraktion angehört. Gerhard Kronberger hat sich bei seinem Ruf (GL 175,3) offensichtlich bei Joseph Mohrs Vertonung von Lobe, Zion, deinen Hirten aus dem Diözesananhang Freiburg/ Rottenburg (888) bedient und den gleichmäßigen Prozessionsmarschrhythmus durch Punktierungen aufgelockert. [Joseph Mohr ist nicht der Verfasser von Stille Nacht sondern der Schöpfer des Liedes Ein Haus voll Glorie schauet.] Wenn man auf den schlichten Ruf aus dem Diözesangesangbuch Bozen-Brixen (GL 175,1) und auf die Rufe GL 174,6 und 175,3 verzichtet hätte, wäre der VI. Modus immer noch überrepräsentiert.

Wie schwer es ist, neue Melodien für den Jubelruf Halleluja zu finden, zeigt die Tatsache, dass aus den vielen Melodien, die das Halleluja-Buch des Liturgischen Instituts (Trier 1989) angeboten hatte, bei dem auch so bekannte Komponisten der Vergangenheit wie William Boyce, Antonio Caldara, Georg Friedrich Händel, Giovanni Pierluigi da Palestrina, Christoph und Michael Praetorius und zahlreiche Autoren des 20. Jahrhunderts beteiligt waren, nur der Ruf von Alexandre Lesbordes (GL 174,6) Aufnahme ins neue Buch gefunden hat.

Halleluja-H.Schubert

Vielleicht hat man auch nicht überall gesucht. Dann wäre man sicher im 3. Satz der Psalmenkantate von Heino Schubert fündig geworden. Das große Halleluja: Alles, was Odem hat, lobe den Herrn wird rondoartig durch ein mitreißendes Halleluja gegliedert, das am Ende mit einer Fuge kombiniert wird, deren Thema an das bekannte Lied Lobe den Herren anklingt.

Anton Stingl jun.

Ich seh empor zu den Bergen (Anhang Freiburg/Rottenburg 847)

847 Ich seh empor zu den Bergen

Wie entsteht ein Lied? Diese Frage stellt sich Meinrad Walter zu Beginn seines Liedportraits „Ich seh empor zu den Bergen“ und hält die Art seiner Entstehung für „eher ungewöhnlich“. Die Melodie ist nämlich vor dem Text entstanden. Diese Vorgehensweise ist aber doch sehr gebräuchlich. Denn bei allen Kirchenliedmelodien, die zu einer Melodie mehrere Texte aufweisen, sind die neuen Texte nach der vorhandenen Melodie gedichtet worden. So entstand z.B. auf die Melodie „Nun danket all und bringet Ehr“ der neue Text von Georg Thurmair „Nun singe Lob, du Christenheit“ (638alt/487neu). Auch zu meiner Vertonung von „Singet dem Herrn, der das Dunkel“ (Kirchenlied II/37) wurde der Text zunächst auf die Melodie „Lobe den Herren, den mächtigen König“ geschrieben. Wenn der neue Text der Struktur der alten Liedmelodie folgt, ist höchstens dagegen einzuwenden, dass jeder Liedtext ein Recht darauf hat, sein eigenes Leben mit einer eigenen Melodie zu führen.

Bei „Ich seh empor zu den Bergen“ ist die Lage etwas anders. Die Melodie war als „Lied ohne Worte“ komponiert worden, zu dem dann später der Text hinzukam. Das ist auch bis auf die Stelle „und der dich behütet, schläft nicht“ sehr gut gelungen. Vielleicht wäre „nicht schläft“ eine Lösung des Problems gewesen.

Ein anderes Problem sind die ersten vier Töne. Abgesehen davon, dass der vierte Ton nicht leicht zu treffen ist, wird hier eine Spannung aufgebaut, die ohne ein wirkliches Ziel bleibt. Die Melodie kehrt einfach in die mittlere Lage zurück. Wie wäre es, wenn man der Melodie mit dem Ton d auf „Bergen“ einen wirklichen Hochpunkt gegeben hätte? Dann hätte der erste Satz „Ich seh empor zu den Bergen“ zwei echte Sinnbetonungen. Da dieser Melodieabschnitt noch viermal vorkommt, müssen wir auch die anderen Stellen kontrollieren: „Mein Beistand kommt von dem Einen“, „Er wird die Augen nie schließen“, „Die Sonne soll dich nicht blenden“, „behüte all deine Schritte“. Bis auf „schließen“ würde dieser Ton den Text viel besser unterstreichen. Ein Einwand wäre vielleicht, dass der Komponist den Ton d den Versen vorbehalten hat. Dort ist er aber Bestandteil einer Modulation, während er im Kehrvers nach wie vor zum Bereich der Dominante gehört.

Anton Stingl jun.