Ich seh empor zu den Bergen (Anhang Freiburg/Rottenburg 847)

847 Ich seh empor zu den Bergen

Wie entsteht ein Lied? Diese Frage stellt sich Meinrad Walter zu Beginn seines Liedportraits „Ich seh empor zu den Bergen“ und hält die Art seiner Entstehung für „eher ungewöhnlich“. Die Melodie ist nämlich vor dem Text entstanden. Diese Vorgehensweise ist aber doch sehr gebräuchlich. Denn bei allen Kirchenliedmelodien, die zu einer Melodie mehrere Texte aufweisen, sind die neuen Texte nach der vorhandenen Melodie gedichtet worden. So entstand z.B. auf die Melodie „Nun danket all und bringet Ehr“ der neue Text von Georg Thurmair „Nun singe Lob, du Christenheit“ (638alt/487neu). Auch zu meiner Vertonung von „Singet dem Herrn, der das Dunkel“ (Kirchenlied II/37) wurde der Text zunächst auf die Melodie „Lobe den Herren, den mächtigen König“ geschrieben. Wenn der neue Text der Struktur der alten Liedmelodie folgt, ist höchstens dagegen einzuwenden, dass jeder Liedtext ein Recht darauf hat, sein eigenes Leben mit einer eigenen Melodie zu führen.

Bei „Ich seh empor zu den Bergen“ ist die Lage etwas anders. Die Melodie war als „Lied ohne Worte“ komponiert worden, zu dem dann später der Text hinzukam. Das ist auch bis auf die Stelle „und der dich behütet, schläft nicht“ sehr gut gelungen. Vielleicht wäre „nicht schläft“ eine Lösung des Problems gewesen.

Ein anderes Problem sind die ersten vier Töne. Abgesehen davon, dass der vierte Ton nicht leicht zu treffen ist, wird hier eine Spannung aufgebaut, die ohne ein wirkliches Ziel bleibt. Die Melodie kehrt einfach in die mittlere Lage zurück. Wie wäre es, wenn man der Melodie mit dem Ton d auf „Bergen“ einen wirklichen Hochpunkt gegeben hätte? Dann hätte der erste Satz „Ich seh empor zu den Bergen“ zwei echte Sinnbetonungen. Da dieser Melodieabschnitt noch viermal vorkommt, müssen wir auch die anderen Stellen kontrollieren: „Mein Beistand kommt von dem Einen“, „Er wird die Augen nie schließen“, „Die Sonne soll dich nicht blenden“, „behüte all deine Schritte“. Bis auf „schließen“ würde dieser Ton den Text viel besser unterstreichen. Ein Einwand wäre vielleicht, dass der Komponist den Ton d den Versen vorbehalten hat. Dort ist er aber Bestandteil einer Modulation, während er im Kehrvers nach wie vor zum Bereich der Dominante gehört.

Anton Stingl jun.

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