Ehre sei Gott in der Höhe (GL 166)

Vertonungen des Gloria, Canticum angelicum (Gesang der Engel) genannt, die den vollständigen Wortlaut in der Volkssprache enthalten, haben eine lange Tradition in Deutschland. Das früheste mir bekannte Beispiel stammt aus der Gregorianischen Singmesse des Leipziger Oratoriums (1936). In ihr wird der deutsche Text den Formeln des lateinischen Gloria XV unterlegt. Das Gloria der Gemeindesingmesse I von Felix Messerschmid (1940; Romano Guardini in dankbarer Verehrung) verbindet in geschickter Weise Formeln des V. und VIII. Modus und vermeidet so direkte Anklänge an den Gregorianischen Choral. In den Gemeindegesängen der heiligen Messe von Heinrich Rohr (1952) findet man u.a. „Singeweisen“ zu fünf Gloria im II., IV., VI. und VII. Modus auf vier Linien mit Quadratnotation. Zwei davon (GL 426 alt und 444 alt) und je ein Gesang zum Sanctus (GL 501 alt) und zum Agnus Dei (GL 461alt) standen im Gotteslob 1975. Im Zuge der Neuordnung des Gottesdienstes, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitet wurde, veröffentliche das Beiheft zum Gebet- und Gesangbuch für das Erzbistum München und Freising (1968) fünf deutsche Ordinarien mit Gloriagesängen von Heinrich Kahlefeld, Hermann Schröder (Ordinarium 4), Hermann Kronsteiner, Heinrich Rohr (St. Hildegard-Messe) und Fritz Schieri. Das Bamberger Gebet- und Gesangbuch (1970) bringt unter den Deutschen Messgesängen Gloriavertonungen von Hermann Schröder (Ordinarium 2), Heino Schubert (Paulus-Messe mit Credo!) und Karl Norbert Schmid.

Das Gotteslob von 1975 enthielt fünf Gloriagesänge. Die entsprechenden Teile der Alban-Messe von Heinrich Rohr (GL 426 alt), der Florian-Messe von Josef Kronsteiner (GL 430 alt) und der Allerheiligen-Messe ebenfalls von Heinrich Rohr (GL 444 alt) wurden wegen ihrer wenig charakteristischen Eigenart zurecht nicht in das neue Buch übernommen. Der Gesang im Jesaiaton von Albrecht Kronberger (GL 455 alt) wurde durch eine Neubearbeitung der Gesangbuchkommission ersetzt und mit einem Gloria in excelsis Deo-Kehrvers von Jean-Paul Lécot ausgestattet (GL 173,1-2). Heino Schubert dagegen setzte mit seinem Gloriagesang in der Paulus-Messe (GL 437 alt) neue Maßstäbe. Die Komposition unterscheidet klar zwischen Gemeinde- und Vorsängerteilen. Die Gemeindeteile sind nach einem Modell gestaltet, die Vorsängerteile in freier Komposition. Die rhythmisch definierten Melodien bewegen sich in der dorischen Tonart und vermeiden bis auf die Priesterintonation (Gloria XV) Anklänge an gregorianische Formeln. Dieses Gloria samt der übrigen Teile der Paulus-Messe wurden als einziges Messordinarium vollständig in das neue Buch übernommen (GL 130-133).

Gloria

Offenbar hat sich Hans Haselböck die modellhafte Gestaltung der Paulus-Messe zum Vorbild genommen, als er für den Besuch von Papst Johannes Paul II. in Österreich ein deutsches Gloria komponierte. Der päpstliche Besuch hat ihn vermutlich animiert, in den Gemeindeteilen möglichst viele Anklänge an den Gregorianischen Choral einzuarbeiten. Dabei handelt es ausschließlich um Stellen im V. Modus. Es beginnt mit der Priesterintonation Ehre sei Gott in der Höhe, die ihr Material aus dem Anfang des Kyrie VIII (GL 405 alt = 108) bezieht. Diese Melodie taucht wieder auf bei Wir loben dich, wir preisen dich – wir rühmen dich und danken dir – Denn du allein bist der Heilige – du allein der Höchste. Die Fortsetzung der Priesterintonation und Friede auf Erden bezieht ihre Inspiration aus dem Ite missa est II (GL 123) und wird in entsprechenden Abwandlungen bei Wir beten dich an und bei den Worten mit dem Heiligen Geiste wiederholt. Dieses Motiv wurde bereits im Beschluss der Gemeindesingmesse 1 von Felix Messerschmid zitiert. Auch die fünfmal vorkommende Antizipation des Finaltons erinnert an den Schluss des Ite missa est II oder an vere latitas aus dem Hymnus Adoro te devote (auf Deutsch GL 546 alt = 497). Im Amen schließlich zitiert der Komponist wörtlich den Beginn der entsprechenden Stelle im Credo III. Durch einen genialen Einfall hat er sich aber dann aus dem Käfig des V. Modus befreit, indem er im Mittelteil von D dur zunächst in die Dominante A dur und schließlich nach fis dorisch moduliert, wo er sich eigenschöpferisch bewegen kann.

Vielleicht könnte man durch eine Wendung im VII. Modus die Rahmenteile aus der „Banalität“ des V. Modus lösen. Auch die Vermeidung des Finaltons bei den Gemeindeteilen dürfte diesem Zweck dienlich sein und darüber hinaus dem Gesang einen Zug verleihen, der dann im tatsächlichen Schlusston d des Amen sein Ziel findet.   

Gloria-Haselböck

Die Behauptung, dass „eine Kirchenkomposition um so heiliger und liturgischer ist, je mehr sie sich in Verlauf, Eingebung und Geschmack der gregorianischen Melodik nähert“, wie Papst Pius X. in seinem Motu proprio über die Er-neuerung der Kirchenmusik Tra le sollicitudine (1903) schrieb, ist heute nicht mehr unumstritten. Schon Papst Pius XII. mahnte in seiner Enzyklika über die heilige Liturgie Mediator Dei (1947), „zu den Quellen der heiligen Liturgie mit Geist und Herz zurückzukehren, ist sicher sehr weise und sehr lobenswert …; dagegen ist es nicht weise und nicht lobenswert, alles um jeden Preis auf das Altertum zurückzuführen“. Wenn Gregorianik – dann die echten alten Gesänge!

Anton Stingl jun.