Singt unserm Gott, ja singt ihm, spielt im ein kunstvolles Lied!

Kehrverse zu Psalmen im Gotteslob

Die Kehrverse zu den Psalmen stellen seit ihrer Einführung durch die Liturgiekonstitution (1963) ein besonderes Problem dar. Der Rat zur Durchführung der Liturgiekonstitution schreibt in seiner Erklärung zur Übertragung des „Graduale simplex“ in die Volkssprachen (1968):

„Die im ‚Graduale simplex‘ enthaltenen Gesangsformen (d.h. entweder mit einer nach den Psalmversen zu wiederholenden Antiphon oder mit einem kurzen Responsum, das auf die Melodie des Verses abgestimmt ist), können der musikalischen Eigenart und Singgewohnheiten der verschiedenen Völker angepasst werden; doch ist jede profane und weltliche Vortragsweise zu vermeiden.“

Die härteste Kritik von allen Gesängen im bisherigen Gotteslob erfuhren die Kehrverse. Die Aussagen reichen von „gutgemeint“, „musikalisch unausgegoren“ über „einfach unmöglich und qualitativ unhaltbar“ bis zu „primitiv“ und „einfältig“. Da ist nicht verwunderlich, dass aus dem „Überangebot“ von insgesamt 300 Kehrversen nur 17 für die Psalmen aus dem alten Buch übernommen wurden:

alt 156,1 = 484,1 149,2/3 190,1 236,1 253,1 527,2 528,3 600,1 649,1
neu 55,1 635,3/4 639,1 66,1 645,3 657,3 629,3 649,1 653,3
alt 685,1 710,1 712,1 718,1 719,1 722,1 = 741,1 738,1 743,1
neu 60,1 33,1 629,1 37,1 38,1 56,1 52,1 57,1

Die Psalmen im Gotteslob werden wie bisher fast ausschließlich in den acht Psalmtönen einschließlich Tonus peregrinus und irregularis gesungen. Die Veränderungen betreffen vor allem den zweiten Ton, bei dem man von der bisherigen „germanischen“ Fassung auf die „römische“ wechselte. Zur „Freude“ der Psalmensänger wurden teilweise auch die Textunterlegungen geändert. Da man aber bei 39 Psalmen einen anderen Psalmton als bisher gewählt hat und 10 neue Psalmen dazu kamen, fällt das nicht so sehr ins Gewicht.  Bei der Verwendung von Psalmtönen nach gregorianischen Modellen lag es nahe, auch Kehrverse in diesem Stil zu komponieren.

48,1 48,1 Daumen oben

Ein schönes Beispiel für „deutsche Gregorianik“ ist dieser Kehrvers von Rhabanus Erbacher. Die Melodie ist dem Rhythmus, den Sinnspitzen und der Gliederung des Textes bestens angepasst und ermöglicht mit dem Beginn auf dem Rezitationston a des ersten Psalmtons einen problemlosen Anschluss an den Schlusston g der Psalmtonformel. Zu überlegen wäre, ob man ohne das Atemzeichen vor Herr auskommen könnte. Aber man muss ja nicht bei jedem Gliederungszeichen atmen. Der Autor hat zusammen mit Godehard Joppich das Antiphonale zum Stundengebet (1979) und das Benediktinische Antiphonale (1996) bearbeitet. Von beiden Autoren und aus beiden Büchern wurden weitere Kehrverse in das Gotteslob aufgenommen.

In vielen Fällen ist es jedoch sinnvoll, das gregorianische Tonmaterial mit einem konkreten Rhythmus zu überformen und so „der musikalischen Eigenart und Singgewohnheiten der verschiedenen Völker“ entgegenzukommen.

44,1 44,1 Daumen oben

Der Rhythmus in diesem Kehrvers von Christoph Hönerlage verführt unwillkürlich zum Klatschen, von dem im nachfolgenden Psalm 47 die Rede ist: Ihr Völker alle, klatscht in die Hände! Die Melodie bewegt sich im Tonraum des siebten Modus und ermöglicht mit dem Anfangs- und Schlusston a den problemlosen Anschluss an die Psalmtonformel. Das „kunstvolle“ Lied ist eine Erweiterung des Psalmtextes, die der gesamten Gattung der Kehrverse als Motto dienen könnte. Wir wollen sehen, ob alle diesem Anspruch gerecht werden.

 72,1 72,1 Daumen unten

Das „gestillte Kind“ im Kehrvers von Christian Matthias Heiß wirkt sehr seltsam. Wenn man wirklich das Wort „gestillt“ benutzen will, müsste es im zweiten Teil heißen: „so ist meine Seele gestillt in mir“ (Alfons Deissler, Die Psalmen). Der nachfolgende Psalmtext in der Einheitsübersetzung verwendet den Begriff „kleines Kind“, was dann sicher zur Verwirrung führt. In der Vulgata steht an den beiden Stellen das Wort „ablactatus“, was so viel wie „entwöhnt“ heißt. Der Anfang des Kehrverses zitiert die Melodie „O heilge Seelenspeise“, und der zweite Teil trifft mit seiner Pentatonik nicht das Charakteristische des sechsten Modus. Der Rhythmus ist auch nicht besonders definiert. Man hätte den Kehrvers auch in „Eierkohlennotation“ mit Episemen schreiben können.

54,1 54,1 Daumen oben Daumen unten

Nach der Signalquarte am Anfang des Kehrverses von Klaus Wallrath und der anschließenden Bewegung zum Finalton des achten Modus wirkt der zweite Teil merkwürdig „angeklebt“. Es bleibt keine Zeit zum wirklichen Atmen vor dem zweiten Halbvers. Zudem kadenziert die Melodie zu einem vermeintlichen A dur und hängt dann noch eine Wendung an, die mit einem wichtigen Ton des siebten Modus endet. Der Kehrvers sollte eigentlich zum achten Psalmton führen.

664,5 664,5 Daumen obenDaumen unten

Während der erste Teil im Kehrvers von Reiner Schuhenn den Rezitationston des fünften Modus „engelgleich“ umspielt, marschiert der zweite Teil schnurstracks zum Oktavton, um dann in sehr gewöhnlicher Weise zum Finalton hinabzusteigen. Der Leser möge sich selbst ein passendes Wort der Kritik aussuchen.

633,3 633,3 Daumen oben

Kann man diesen Kehrvers von Christian Mathias Heiß auch ohne Begleitung eines Akkordinstruments singen? Es ist zwar ein hübscher Einfall, denselben Text auf dieselbe Melodie eine Terz höher zu singen. Aber den Ton f in der Mediante sauber zu intonieren ist nicht jedermanns Sache. Trotz dieses Einwands – auch die „Modulation“ von der Mediante F dur zurück nach A dur ist gelungen. Der Dreiertakt verleiht dem Vers noch einen zusätzlichen Schwung.

80,1 80,1 Daumen oben

Der Kehrvers von Jutta Bitsch steht eigentlich nicht im Dreiertakt sondern im 6/4-Takt. Jedenfalls muss man ihn so singen. Die Wiederholungen des Textes führen zu teilweise variierten Wiederholungen in Melodie und Rhythmus. Der erste Teil beginnt akzentuiert mit dem höchsten Ton des Tonraums im siebten Modus und bringt im dritten Takt den für diesen Modus charakteristischen Ton c. Die Melodie der ersten vier Takte wird anschließend rhythmisch variiert wiederholt. Der zweite Teil arbeitet mit einem neuen Rhythmus. Durch eine Synkope auf dem letzten Ton wird geschickt die vorletzte Note verkürzt. Die Melodie wird zunächst wieder zur Rezitationsstufe des siebten Psalmtons zurückgeführt und erreicht bei der Wiederholung des Textes den Finalton. Dieser gelungene Kehrvers stellt sich für das „Gottesvolk“ als ein fröhliches „Kampflied“ dar. „Auf in den Kampf“ geht es für die „Gemeinde“ erst beim nachfolgenden Psalm. 17 Klammern bei der Verteilung des Textes auf die Mittel- und Schlusskadenzen wollen bewältigt werden, damit es wirklich heißt: Singt dem Herrn ein neues Lied und nicht ein neues Lied.

64,1 64,1 Daumen oben

Wenn man die Jahreszahlen der Entstehung der neuen Kehrverse betrachtet, die von Einzelautoren geschaffen wurden, hat man den Eindruck, dass 2009 Einsendeschluss für die Kompositionen war. Anschließend wurden die Ergebnisse gesichtet und Unbrauchbares verworfen. Dann hat sich die „Gemeinsames Gebet- und Gesangbuch“-Kommission (GGB), eine Unterkommission der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz, hingesetzt und sozusagen in „Fließbandarbeit“ die fehlenden Melodien für rund ein Dutzend Kehrverse selbst erarbeitet. Viele von ihnen plätschern etwas unverbindlich in gregorianischem „Singsang“ dahin. Der Kehrvers zu Psalm 115 bildet da eine Ausnahme. Schon allein die Tatsache, dass er in barocker Manier den zweiten Modus mit Rezitationston g als e moll mit Leitton dis deutet, unterscheidet ihn von denen, die versuchen, sich an den jeweiligen Modus zu halten. Der Beginn des Kehrverses stellt die Gemeinde vor die nicht ganz leichte Aufgabe, statt mit Singen mit Einatmen zu beginnen. Ein überraschender Schlag auf eine Pauke könnte da helfen. Die kleinen Intervallschritte im ersten Teil passen gut zu „fürchten“ und „vertrauen“. Der höchste Ton wird im Terzsprung bei der Sinnspitze „Er“ erreicht. Sehr nachdrücklich wirkt der punktierte Rhythmus in Verbindung mit der fallenden Quinte bei „Schild und Hilfe“.

Man darf gespannt sein, ob die zu erwartenden neuen Kantorenbücher die offensichtliche Festlegung des Gesangsbuchs auf gregorianische Modelle übernehmen werden oder etwas Eigenständiges dagegenzusetzen haben.

Anton Stingl jun.