Choral am Ende der Reise

Das neue Gotteslob auf Titanic-Kurs

Beim Untergang der Titanic 1912 soll die Bordkapelle den Choral „Näher, mein Gott, zu dir“ („Nearer, my God, to Thee“) gespielt haben. Zahlreiche Kinofilme wie auch Erik Fosnes Hansen, der Autor des Romans „Choral am Ende der Reise“ folgen dieser Darstellung. Der Komponist Sigfrid Karg-Elert schrieb zur Erinnerung an dieses Ereignis eine Orgel-Improvisation über den damals gespielten Choral. An der Stelle, an der das Schiff schließlich endgültig zu versinken droht, ertönt die Solo-Tuba mit dem Anfang des Chorals „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Nach einem „Absturz“ bis in die Tiefen des Pedals ertönt strahlend im dreifachen Forte die letzte Strophe des Titelchorals „Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing ich mich freudig auf“. Der Epilog (Ad astra) lässt die Klänge der Vox coelestis auf dem dreigestrichenen c entschweben. Das Gotteslob 2013 bringt das Lied „Näher, mein Gott, zu dir“ mit dem Text von Erhardt Friedrich Wunderlich (1875) nach Sarah F. Adams: „Nearer, my God, to thee“ (London 1841) und der Melodie von Lowell Mason (1859) im Abschnitt „Tod und Vollendung“ (GL 502). In der Wiedergabe auf der Website http://www.youtube.com/watch?v=-zAC0QnAOrs werden allerdings die Takte 10 und 12 ohne die Punktierungen der Gotteslobfassung gesungen.

Wenn man die wachsende Zahl der Kirchenaustritte und die schwin-dende Zahl der Gottesdienstbesucher betrachtet, hat man den Eindruck, dass die Gotteslobmacher mit solchen Liedern, die aus den englischen Kirchen des 19. Jahrhunderts stammen, die Gemeinden in „tiefer Not“ auf den Untergang vorbereiten oder ihnen Mut machen wollen, dass sie trotz ihrer geringen Zahl doch noch ein mächtiges Häuflein sind, das mit Hilfe traditioneller Hymnen von einstiger Größe träumt.

Solche Hits ist man aus dem Gotteslob 1975 nicht gewöhnt. Dort durfte auch kein Lied aus dem 19. Jahrhundert stammen. Es gab in dieser Richtung nur das „Adeste, fideles“ („Nun freut euch, ihr Christen“) mit der Melodie von John Reading (vor 1681) als Import-Schlager aus England. Ähnlich wie Paul Claudel an Weihnachten 1886 beim Anhören dieses Liedes ein Bekehrungserlebnis hatte, bekehrte sich die Gesangbuchskommission bei der vierten Strophe zum Originaltext von Joseph Mohr (1873)  und bescherte den Gemeinden nach dem deutschen Text (GL 241) noch als Zugabe den lateinischen Originaltext von Jean François Borderies (GL 242).

http://www.youtube.com/watch?v=_nD5mxkOxMk

Für den Advent gibt es noch weitere Importe von der Insel. Den Choral „Tochter Zion“ mit der Melodie von Georg Friedrich Händel (1747) kann man jetzt zusammen mit der evangelischen Gemeinde vierstimmig singen. Man muss nur darauf achten, dass sich evangelische (EG 13: Es dur) und katholische Christen (GL 228: D dur) auf eine gemeinsame Tonart einigen.

http://www.youtube.com/watch?v=XkHkb2K5RBQ

„Herr, send herab uns deinen Sohn“ mit der Melodie bei Thomas Helmore 1856 nach einer franziskanischen Melodie des 15. Jh. (GL 222) ist ein echter Gewinn gegenüber der wenig ansprechenden Melodie im alten Gotteslob (Nr. 112), die nirgendwo gesungen wurde, weshalb man auf die Melodie von Nr. 116 ausweichen musste. Die englische Melodie zum Text der O-Antiphonen haben meine Schüler jeden Advent mit Begeisterung gesungen.

http://www.youtube.com/watch?v=t_2oh42E1_U

Die Begeisterung für englische Hymnen ist auch im Evangelischen Gesangbuch zu spüren. Denn alle weiteren der hier aufzuführenden Lieder sind mindestens mit der Melodie auch dort verzeichnet. Der Grund für unterschiedliche Textfassungen ist die Übersetzung aus einer anderen Sprache. Das Problem stellt sich bei Liedern ganz besonders, weil man den übersetzten Text auf die Originalmelodie singen möchte. Nicht umsonst gibt es dazu im Italienischen ein kurzes Sprichwort: tradutore – traditore (Übersetzer – Verräter).

Der englische Originaltext des Liedes „Bleib bei uns, Herr“ (GL 94) von Henry Francis Lyte (1847) lautet in der ersten Strophe:

Abide with me; fast falls the eventide; / the darkness deepens; Lord with me abide. / When other helpers fail and comforts flee, / Help of the helpless, O abide with me.

Theodor Werner übersetzte im Evangelischen Gesangbuch (EG 488) diese Strophe so:

Bleib bei mir, Herr, der Abend bricht herein. / Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein. / Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier? / Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!

Bei Ida Sulzberger liest sich das so:

Herr, bleib bei mir, die Sonne schon sich neigt, / die dunkle Nacht zur Erde niedersteigt; / wenn Hilfe fern, dann flieh ich, Herr, zu Dir: / Trost der Verlassnen Du, o bleib bei mir!

Der Text von Franz-Josef Rahe im Gotteslob 2013 entfernt sich weit vom Original:

Bleib bei uns, Herr, die Sonne gehet nieder, / in dieser Nacht sei du uns Trost und Licht. / Bleib bei uns, Herr, du Hoffnung, Weg und Leben. / Lass du uns nicht allein, Herr Jesu Christ.

Der erste und dritte Teil endet bei Rahe mit einer schwachen anstelle einer starken Endung im Originaltext. Der Reim wird aufgegeben. Durch die Umkehrung des Prinzips „même texte – même melodie“  wird bei der Wiederholung der Anfangsmelodie in Takt 9 derselbe Text wie am Anfang gebracht. Ist die Formulierung „die Sonne gehet nieder“ besser als bei den anderen Übertragungen gelungen? Der Verfasser scheint solche Formulierungen zu lieben. In der zweiten Strophe heißt es: „der Abend kehret wieder“ und „die Nacht senkt sich hernieder“.

http://www.youtube.com/watch?v=u8lnyCv7TS4

Die Melodie von „Bleib bei uns, Herr“ (GL 94) taucht noch ein zweites Mal mit dem Text „Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit“ (GL 325) auf, dieses Mal in der Originalform mit der starken Endung im ersten und dritten Teil. Der Text von Peter Gerloff bezieht sich auf die Stelle mit den Emmaus-Jüngern (Lk 24,29): „Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt“. Die Ähnlichkeit der Titel beider Lieder dürfte zu Verwechslungen führen, wie man bereits an Internet-Einträgen sieht.

Das Lied „Du lässt den Tag, o Gott, nun enden“ (GL 96) hätte ein ö-Lied werden können. Doch warum wurde nichts daraus? Schuld daran waren offensichtlich die unterschiedlichen Auffassungen bei der  Übertragung des Chorals „The day Thou gavest“ mit dem Text von John Ellerton (1870) und der Melodie von Clement Cotterill Scholefield (1874).

http://www.youtube.com/watch?v=Pigh8VHr-ZE

Im Evangelischen Gesangbuch ist der Choral mit dem vierstimmigen Satz des Komponisten in der Originalsprache und in einer deutschen Über-tragung von Gerhard Valentin (1964) abgedruckt (EG 266). Warum hat das Gotteslob 2013 diese Fassungen nicht übernommen? Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Umfrage nach der Probepublikation 2007/2008 ergab, „dass fremdsprachige Lieder nicht gewünscht werden. Auch mehrstimmiges Singen wurde nicht sehr positiv aufgenommen, mit Ausnahmen natürlich von Taizégesängen.“[1] Außerdem existierte im katholischen Raum bereits eine Textfassung von Raymund Weber, die sich als die bessere erwies. Das sei an der ersten und fünften Strophe gezeigt.

Der Originaltext von John Ellerton lautet:

1. The day Thou gavest, Lord, is ended, / The darkness falls at Thy behest; / To Thee our morning hymns ascended, / Thy praise shall sanctify our rest.

5. So be it, Lord; Thy throne shall never, / Like earth’s proud empires, pass away: /Thy kingdom stands, and grows forever, / Till all Thy creatures own Thy sway.

Gerhard Valentin versucht, möglichst wörtlich zu übersetzen, und muss, um im Metrum zu bleiben, teilweise seltsame Wendungen in Kauf nehmen.

1. Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen / und wird vom Dunkel überweht. / Am Morgen hast du Lob empfangen, / zu dir steigt unser Nachtgebet.

5. So sei es, Herr: die Reiche fallen, / dein Thron allein wird nicht zerstört; / dein Reich besteht und wächst, bis allen / dein großer, neuer Tag gehört.

Da Raymund Weber viel freier übersetzt, gelingt es ihm, fließend sinn-volle Zusammenhänge zu schaffen.

1. Du lässt den Tag, o Gott, nun enden / und breitest Dunkel übers Land. / Wir waren heut in deinen Händen, / nimm uns auch jetzt in deine Hand.

5. Dein Reich, o Gott, ist ohne Grenzen. / Auch da, wo Menschenmacht regiert, / wird neu der große Tag erglänzen, / zu dem du alle Menschen führst.

Die Gesangbuchskommission hat klar erkannt, „dass die Sprache von Raymund Weber stärker ist als die von Gerhard Valentin.“[2]

Das Lied „Die Kirche steht gegründet” (GL 482) ist die Übertragung des englischen Chorals “The Church’s One Foundation” durch Anna Thekla von Weling (1898). Reverend Samuel John Stone hatte zwölf Hymnen zu den Artikeln des Apostolischen Glaubensbekenntnisses verfasst. “The Church’s One Foundation” ist die Hymne, die er zu Artikel 9 des Credo schrieb, in der er sich auf „die heilige katholische Kirche“ und „die Gemeinschaft der Heiligen“ bezieht. Die Melodie stammt von Samuel Sebastian Wesley (1864).

http://www.youtube.com/watch?v=t1GQVX4J8d4

Das Evangelische Gesangbuch (EG 264) hat aus den sieben Strophen drei ausgewählt (1, 2 und 6) und sowohl den englischen Originaltext als auch die deutsche Übertragung abgedruckt. Bei der nun bekannten Abneigung des Kirchenvolks gegen englische Texte – wurde auch die jüngere Gene-ration befragt? – hat das Gotteslob nur die deutsche Übertragung über-nommen. Da im Text das Reizwort „katholisch“ nicht vorkommt, können nun Christen beider Konfessionen diese Hymne gemeinsam singen.

Fast am Ende der 286 Lieder, d. h. der strophisch metrischen Gesänge im Gotteslob 2013, erstrahlt wie eine „Supernova“ die Allerheiligen-Hymne „Für alle Heilgen in der Herrlichkeit“ (GL 548) nach dem Choral „For all the Saints“ mit dem Text von William Walsham How (1864) und der „neuen“ Melodie von Ralph Vaughan Williams (1906). Der Schöpfer von zahlreichen Opern, Balletten, Orchester- und Chorwerken bezeichnete diese Melodie paradoxerweise mit „sine nomine“ (ohne Namen). Vielleicht wollte er nach dem Beispiel der Komponisten des 16. Jahrhunderts nicht verraten, zu welchem Text er sie ursprünglich komponiert hat. Hoffentlich erleidet das Lied nicht das Schicksal eines Sterns, der sich durch das helle Aufleuchten selbst vernichtet.

 http://www.youtube.com/watch?v=l3LMWCIa08Q

Dass die Übertragung des Textes ins Deutsche schwierig war, sieht man an der Tatsache, dass zwei Personen zu verschiedenen Zeiten daran tätig waren: Günter Balders [1998] und Christoph Bächtold [2001] 2004. Schwierig ist vor allem die adäquate Übersetzung des englischen Wortes „saints“, das im Deutschen eigentlich drei Silben („Heiligen“) braucht. Das verkürzte Wort „Heilgen“ ist mit dem Rhythmus „punktierte Halbe – Viertelnote“ nur in einem zügigen Tempo vernünftig zu realisieren. Auch beim Lied für den Seligen Bernhard (Diözesanteil Freiburg-Rottenburg 910) tappten sowohl der neue wie der alte Bearbeiter in die „Hei-li-gen-Falle“.

Zu dieser Melodie mit dem zündenden zweifachen Halleluja am Ende gab es bereits im Evangelischen Gesangbuch (EG 154)  einen Text „Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt“, bei dem die ersten fünf Strophen von Anna Martina Gottschick (1972) stammen. Die sechste Strophe hat Jürgen Henkys (1988) nach der Hymne „For all the Saints“ dazu gedichtet. In dieser Form wurde das Lied unverändert als drittletztes Lied in das Gotteslob übernommen (GL 552).

Das Gotteslob 1975 hatte Gesänge aus dem 19. Jahrhundert überhaupt nicht aufgenommen oder nur komplett „gesäubert“. Dem Zug der Zeit folgend standen Gesänge wie „Worauf sollen wir hören?“ (623) im Buch, denn das Wort „affirmativ“ („bejahend“) galt als Schimpfwort. Jetzt schlägt das Pendel nach der anderen Seite aus. Lieder, die in den Diözesanhängen „überwintert“ hatten, wurden in den Stammteil übernommen, z.B. „Jesus lebt, mit ihm auch ich„. Seit den siebziger Jahren ist die Romantik auch bei den Chören und Organisten in Mode gekommen. So lag es nahe, sich auch im Liederschatz der Erweckungs-bewegung in England umzuschauen. Wer weiß, wie der Trend in 35 Jahren sein wird?

Anton Stingl jun.


[1] Lieder für das neue Gesangbuch Gotteslob, Ein Überblick von Richard Mailänder, in: KiEK 1 / 2013.

[2] Ebenda.