Wachet auf, ruft uns die Stimme (Gotteslob 554)

Omnia habent tempora sua – Alles hat seine Zeit?

Bestimmte Kirchenlieder sind fest mit ihren „geprägten“ Zeiten verbunden. Kein Mensch will z. B. „Stille Nacht“ in der Osternacht singen. Wie ist es aber mit dem Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Philipp Nicolai aus dem „Freudenspiegel des ewigen Lebens“ (Frankfurt 1599)? Im Kirchenlied (1938), das dieses Lied zum ersten Mal für den katholischen Bereich erschloss, fand es seinen Platz im Abschnitt „Es kommt der Herr der Herrlichkeit“ zwischen den Adventsliedern „Der Satan löscht die Lichter aus“ und „Macht hoch die Tür“. Das „Magnifikat“, Gebet- und Gesangbuch für die Erzdiözese Freiburg (1960) setzte es im Abschnitt „Christliche Vollendung“ ans Ende des Liedteils zwischen „Der du die Zeit in Händen hast“ und „Wir sind nur Gast auf Erden“. Das Bamberger Gebet- und Gesangbuch (1970) platzierte es wiederum ans Ende der Adventslieder zwischen „Macht weit die Pforten in der Welt!“ und „Freut euch im Herrn, denn er ist nah!“ Diesem Beispiel folgte das Gotteslob (1975), in dem das Lied zwischen „Aus hartem Weh die Menschheit klagt“ und „Die Nacht ist vorgedrungen“ angesiedelt wurde. Das Werkbuch zum Gotteslob (I. Avent/Weihnachtszeit) musste aber bekennen, dass „das Lied von Haus aus kein Adventslied ist, sondern ein eschatologisches Lied“. Es lieferte auch gleich die entsprechenden Bibelstellen mit, auf die der Liedtext Bezug nimmt, z.B. das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1–13) oder Bilder aus der Offenbarung (2,10b; 22,10). Es weist auch darauf hin, dass das Lied als „Eröffnungs-, Gabenbereitungs- oder Danklied in der Eucharistiefeier, nicht nur am Ende des Kirchenjahrs und im Advent“ geeignet sei. „Im Zusammenhang mit der Perikope Mt 25, 1-3 (z.B. am 32. Sonntag im Lesejahr A oder am Freitag der 21. Woche im Lesejahr I) ist als Predigtform eine Liedmeditation möglich, an die sich die drei Strophen des Liedes anschließen. Strophe drei kann in bestimmten Fällen auch zum Abschluss der Bestattungsfeier oder der Toteneucharistie gesungen werden“– so geschehen bei der Beisetzung von Erzabt Benedikt Reetz in Beuron am 28.12.1965 durch den Wildensteiner Singkreis unter meiner Leitung. Obwohl im Werkbuch so viele unterschiedliche Möglichkeiten zum Einsatz des Liedes aufgezeigt wurden, sind manche Menschen aber offensichtlich nicht bereit, von einer vorgefassten Meinung abzugehen. Als ich in einer großen Kirche in Freiburg die Choralbearbeitung „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Johann Sebastian Bach (BWV 645) während einer Orgelvertretung im Gottesdienst außerhalb der Adventszeit spielte, durfte ich dort solange nicht mehr vertreten, bis der Rector ecclesiae in Pension ging. Das neue Gotteslob (2013) rückt nun von der Adventsposition ab und weist „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ im Abschnitt „Die himmlische Stadt“ nach „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ den letzten Platz innerhalb der Gesänge zu.

Das Evangelische Kirchen-Gesangbuch (1951) reihte den Choral im Abschnitt „Am Schluss des Kirchenjahres“ zwischen „Es ist gewisslich an der Zeit“ und „Ermuntert euch, ihr Frommen“. Das Evangelische Gesangbuch (1996) behält diesen Platz bei und eröffnet mit ihm den Abschnitt „Ende des Kirchenjahres“, u.a. gefolgt von „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“, das als ökumenisches Lied vom Gotteslob (2013) übernommen wurde. Nach der Ordnung des Liturgischen Kalenders ist für den letzten Sonntag des Kirchenjahres (Ewigkeitssonntag) u.a. das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1-13) als Evangelium und Gottes Wohnen unter den Menschen (Offb 21,1-7) als Schriftlesung vorgesehen. Als Wochenlied ist „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ genannt.

Der Themenkreis, den dieses Lied umfasst, ist noch viel größer, als bisher dargestellt. Im letzten Jahr spielte ich die Choralbearbeitung von Bach bei der Trauerfeier für eine Frau, bei deren Hochzeit vor ca. 50 Jahren ich sie bereits hatte erklingen lassen. Bei der Hochzeit meiner Tochter musizierten wir mehrere Teile aus der Bachkantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BWV 140. Was kann besser zu einer Hochzeit passen als „Mein Freund ist mein. Und ich bin sein“? Und wenn es am Ende der dritten Strophe heißt: „Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für“, dann können wir doch dieses Lied mit Ausnahme der Fastenzeit das ganze Jahr über jubeln.  Es gewährt uns zudem einen Ausblick – wie es in der Oration zur feierlichen Verabschiedung des Hallelujas heißt –  auf die ewige Seligkeit, wo wir mit den Halleluja singenden Heiligen das ewige Halleluja glücklich singen dürfen.

Anton Stingl jun.