Nun sich das Herz von allem löste (Gotteslob 509)

509

Wenn auch der „imperfektisch angelegte Temporalsatz“[1] der ersten Zeile etwas befremdlich klingt, ist das „Trostlied am Totensonntag“ von Jochen Klepper doch ein sehr tröstliches Gedicht – er schrieb es für seine Tochter Renate. Die ersten Worte haben ihre barocken Vorbilder bei Adam Krieger: „Nun sich der Tag geendet hat, und keine Sonn mehr scheint“ (1667) und Gerhard Tersteegen: „Nun sich der Tag geendet, mein Herz zu dir sich wendet“ (1745). Zum ersten Lied existiert sogar eine Parodie „Nun sich die Nacht geendet hat“ (1691).

Im neuen Gotteslob wurde das Lied mit der Melodie des Komponisten Hans Jacob Hǿjgaard (1904–1992) veröffentlicht, der auf den Färöer-Inseln gewirkt hat. Diese Melodie soll nach Meinrad Walter „den hoffnungsvollen Gestus des Liedes unterstützen“.[2] Leider hat diese Melodie unüberhörbare Schwächen. Die Bindebögen in der ersten, zweiten und vierten Zeile sind mit dieser Textunterlegung nur mit allergrößter Mühe musikalisch richtig auszuführen. Man versuche es nur einmal bei den Worten Glück, Gottes und heilt, uns. Einfacher zu singen wären Bindungen nach dem Vorbild der dritten Zeile. Außerdem hält die Melodie noch drei ausgesprochene Fallen bereit. Den Quintaufstieg, den die Melodie der ersten Zeile ganz sanft über Terz und Quarte zurücklegt, muss man im ersten Takt der dritten Zeile auf einen Schlag bewältigen. Im zweiten Takt der dritten Zeile führt die Veränderung eines einzigen Tones zu einer sehr weinerlichen Wendung. Sind solche Variierungen jedem begreiflich zu machen? Schwierig zu singen ist auch der Dreiklangsabstieg in der letzten Zeile, der außerdem den Schlusston auf betonter Position vorwegnimmt. Die Gotteslob-Macher hatten offenbar selbst Bedenken mit dieser Melodie und bieten deshalb eine Alternativmelodie an: „Was uns die Erde Gutes spendet“ (Nr. 186). Mit dieser Melodie, die  aus dem Genfer Psalter stammt, steht das Lied im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 532).

532

Über die innige Beziehung zwischen dem Text und dieser Melodie könnte ich nicht besser schreiben, als es Jürgen Henkys getan hat: „Es ist nicht auszuschließen, dass Klepper sie im Ohr hatte, als er auf das ja nur selten verwendete metrische Muster des vierhebigen Vier­zeilers mit alternierendem weiblich-männlichen Ausgang zurückgriff. Zu seiner Zeit sang man diese Melodie allerdings in der rhythmisch ausgeglichenen Form. Heute, da wieder das Original mit seinem offenen Wechsel von Halben und Vierteln maßgeblich ist, eignet sich die Genfer Melodie für Kleppers Lied umso mehr. Jedes eröffnende Nun fällt auf eine Halbe (Grundton), ebenso jede Bitte: kommkommbleib (Dominante). Der Scheitel der Melodie wird dem Scheitel jeder einzelnen Strophe gerecht. Der bittende Anruf, einsilbig, ist mit dem höchsten Ton ausgezeichnet, und die ausgeführte Bitte selbst strömt (gleichsam wie ihre erhoffte Erhörung) aus der Höhe in die Tiefe, um danach mit der Schlusszeile wieder den Ausgangspunkt allen Bittens zu erreichen“.[3]

Wenn man schon weiß, dass Jochen Klepper auf diese Melodie gedichtet hat, dann sollte man auch bei dieser Melodie bleiben und damit auch der Ökumene in Deutschland ein winziges Stück weiter helfen. Auch die Tatsache, dass dieses Lied nicht so häufig Verwendung findet, ist ein weiteres Argument, es auf eine bereits bekannte Melodie zu singen.

Anton Stingl jun.


[1] Jürgen Henkys, in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Kommentare zu den Liedern, S. [8] 88.

[2] Meinrad Walter, in: Konradsblatt Nr. 41, 2013, S. 18.

[3] Jürgen Henkys, in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Kommentare zu den Liedern, S. [8] 91.