Wir ziehen vor die Tore der Stadt (Gotteslob 225)

225 Wir ziehen vor die Tore

Die Tore der Stadt? Das erinnert mich an die schöne Zeile der dritten Strophe aus Philipp Nicolais „Wachet auf, ruft uns die Stimme“: „Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt, wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron“. Von den Toren des himmlischen Jerusalems spricht der Dichter.  Doch derlei Tore sind in unserem Lied nicht gemeint. Eher solche, wie wir sie in alten Städten finden. Aber welche Stadt hat noch Tore, vor denen wir den Herrn begrüßen könnten? In der dritten Strophe ist gar von Toren der Welt die Rede, vor die wir gerufen werden. Die Welt als ein Bild für unsere Gesellschaft? Hört, es gibt welche, die außerhalb stehen! Der Herr hat es vorgemacht, wie man sich außerhalb der Gesellschaft stellt. Ist das so?

Das Vor-die-Tore-der-Stadt-Ziehen entpuppt sich beim Klang der Melodie als ein kräftiges Marschieren. Die auftaktige Quarte und das viermalige Erklingen desselben Tones rufen unwillkürlich diese Assoziation hervor wie beispielsweise zu Beginn des bündischen Liedes „Wir sind durch Deutschland gefahren“. Der letzte Ton des ersten Teils bricht melodisch unmotiviert aus der Molltonart aus, damit nach einer ruckartigen Modulation die Anfangsmelodie für den Mittelteil einen Ton höher wiederholt werden kann. „Singt laut, wer eine Stimme hat!“ Wer sie nicht hat, obwohl hier eigentlich nach dem Imperativ ein Plural zu erwarten wäre, darf wenigstens in gleichbleibendem Rhythmus seine Blicke erheben. Für den Schlussteil wird die Melodie des Anfangs bis auf den letzten Ton wörtlich wiederholt. Da in der zweiten Zeile die Durterz schon verbraucht wurde, bleibt für den Schlusston nur noch der Grundton übrig. Da dieser aber im letzten Takt schon dreimal aufgetaucht ist, wirkt der Gruß an den Herrn schon recht abgedroschen.   

Zwei Stellen des Textes sollen noch näher betrachtet werden. Das Ende der zweiten Strophe „vor denen allen graut“ stellt mit der allzu schlichten Melodie nur eine Variante der Aussage „die keiner sich getraut“ dar. Ob dem Dichter die Reime ausgegangen sind? Am Ende der dritten Strophe wird „Steht für die draußen ein!“ völlig falsch betont. Der Textdichter ist offensichtlich mit dem Versuch gescheitert, den Schluss der Strophen sinnvoll auf den Anfang zu beziehen.

Gehört dieses Lied eigentlich in die Adventszeit? Das Katholische Kirchengesangbuch der Schweiz hat es jedenfalls der Fastenzeit zugeordnet. Das wäre auch sinnvoller, denn von der adventlichen Erwartung ist nichts zu spüren. Die Krippe wird nur als ein Beispiel genannt für das Verhalten des Herrn als Außenseiter. Das Lied gehört, mit Verlaub gesagt, nicht zu den besten im neuen Gotteslob.

Anton Stingl jun.