Stern über Betlehem (Gotteslob 261ö)

261 Stern über Betlehem

Wodurch wird ein Lied zum Schlager oder Hit? Das lässt sich nur schwer sagen. Ich versuche es an diesem Sternsingerlied zu erklären. Ideal ist, wenn Textdichter und Komponist dieselbe Person sind wie im Fall von Alfred Hans Zoller, der als Jazzpianist, Kantor und Organist im Bereich der evangelischen Kirche tätig war.

Der Text des Liedes ist einfach, aber klar. Der „Stern über Betlehem“ beherrscht jede Strophe. Er zeigt den Weg, er bleibt stehen, sobald wir am Ziel sind und wenn wir zurückkehren, haben wir noch sein Leuchten im Auge. Ursprünglich stand zwischen erster und zweiter Strophe noch eine weitere Strophe:

Stern über Bethlehem, bleibe nicht stehn.
Du sollst den steilen Pfad vor uns hergehn.
Führ uns zum Stall und zu Esel und Rind,
Stern über Bethlehem, führ uns zum Kind.

Die etwas holprige zweite Zeile, die Wiederholung von „führ uns zum Kind“ aus der ersten Strophe und die Tatsache, dass wir nicht in erster Linie „zu Esel und Rind“ geführt werden wollen, lassen uns den Verlust dieser Strophe leicht verschmerzen.

Als Melodiematerial hat sich Zoller die pentatonische Tonleiter herausgesucht, die in Kinderliedern und in der Volksmusik auf der ganzen Welt verwendet wird. Auch für Blues und Jazz ist sie grundlegend. Ihr Kennzeichen ist das Fehlen von Halbtönen, was einen schwebenden und offenen Charakter ergibt. Das melodische Material wird äußerst ökonomisch eingesetzt. Von der Melodie der ersten Zeile wird in der zweiten Zeile nur der letzte Ton geändert. In der letzten Zeile bilden die veränderten Schlusstöne eine einfache Kadenz. Die zweite Zeile mit ihrer abwärtsgehenden Tonleiter sorgt in der aa´ba´´-Form für den notwendigen Gegensatz.

Der Rhythmus des Liedes erwächst aus dem Rhythmus der Sprache. Die Synkope am Ende jeden zweiten Taktes wird überhaupt nicht als solche wahrgenommen, weil sie sich durch das betonte Wort von selbst ergibt. Das Lied unterscheidet sich deshalb wohltuend von anderen „Neuen Geistlichen Liedern“, die mit gewaltsamen Synkopen ihre progressive Haltung zum Ausdruck bringen wollen.

Das Lied, das bereits 1963 komponierte wurde, fand bisher Aufnahme in verschiedene Gesangbücher – z.B. in den Regionalteil Württemberg des Evangelischen Gesangbuchs (540) und in das Beiheft zum Gotteslob für das Erzbistum Freiburg (07).

http://www.lieder-vom-glauben.de/cms/startseite/?key=0606446bb68cf4fb184f0be034097506

In Umkehrung des Spruchs von Martin Luther, dass man dem Teufel nicht die schönen Melodien überlassen dürfe, hat die Gruppe Groove Coverage 2004 den „Stern über Bethlehem“ in einer englischen Version unter dem Titel She aufgenommen. Bei der Nähe der Rock- und Popmusik zur Pentatonik ist das nicht verwunderlich. Der Text transponiert das Lied allerdings auf eine ganz andere Ebene und das Video gibt diesem Text wiederum eine ganz andere Aussage.  

Wenn die Sternsinger demnächst wieder vor unserer Tür stehen und uns mit dem „Stern über Betlehem“ ein gutes Neues Jahr wünschen, dann sollten wir uns freuen, dass dieses schwungvolle Lied jetzt im neuen Gotteslob steht.

Anton Stingl jun.

 

4 Kommentare zu “Stern über Betlehem (Gotteslob 261ö)

  1. Übrigens, inzwischen gibt es eine neue zweite Strophe, die sich harmonisch in den Aufbau des Textes einfügt und die ursprüngliche Idee, das Bild vom beschwerlichen aber gemeinsam machbaren Weg, gut transportiert.
    Könnt ihr gern nutzen!

    Stern über Bethlehem, bleibe nicht stehn,
    du sollst den weiten Weg vor uns hergehn,
    leuchte uns in der Nacht, in dunkler Zeit,
    Stern über Bethlehem, gib uns Geleit.

  2. Sehr geehrter Herr Stingl,
    Ihr Blog gefällt mir sehr gut, auch die Ausführungen zum Lied „Stern über Bethlehem“ – was mir fehlt, ist der Hinweis, dass dieses Lied sinnvollerweise „ternär“ gesungen werden sollte, also im Swing-Feeling (erste Achtel jeweils länger als die zweite, etwa so, als ob es sich um Triolen aus einer Viertel und eine rAchtel handeln würde) – dann erst wird es ja wirklich das, als was Sie es zu Recht bezeichnen – ein „schwungvolles Lied“. Übrigens machen das viele Gemeindeglieder automatisch, jedenfalls ansatzweise (im Fachjargon: „leicht angeshufflet“) – und es ist manchmal eine Qual anzuhören, wenn ein Organist, das durch uhrwerkmäßig hämmernde Achtel zu unterdrücken versucht …)
    Freundliche Grüße und eine gesegnete Adventszeit!

  3. Sehr geehrter Herr Stingl,
    Auch mir gefällt Ihr Blog sehr gut; speziell auch der Hinweis auf die oft unnatürliche Synkopierung im NGL. Manchmal ist es aber auch eine Qual, wenn die Synkope fehlt wo sie eigentlich schon hingehören würde. Da fällt mir z.B. gleich einmal das ansonsten sehr schöne und stimmige Lied „Alle meine Quellen“ von Sr. Leonora Heinzel ein: Dort wo im gewöhnlichen Sprachgebrauch niemand vor dem Doppel-l der Quellen ein langes e sprechen würde, weil es sonst eben nach quälen klingt, da macht die Melodie eine Länge und vermeidet damit eine Synkope. Wir sehen: auch andersrum kann die Melodie dem Text Gewalt antun.
    Freundliche Grüße
    Martin Marte-Singer

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