Und suchst du meine Sünde (Gotteslob 274)

 VON DIR ZU DIR

Aus: Salomo Ibn Gabirol, Reichskrone,
frei aus dem Hebräischen nachgedichtet.

Und suchst du meine Sünde,
flieh ich vor dir – zu dir.
Ursprung, in den ich münde,
du fern und nah bei mir.

Wie ich mich wend und drehe,
geh ich von dir – zu dir;
die Ferne und die Nähe
sind aufgelöset hier.

Von dir zu – dir mein Schreiten,
mein Weg und meine Ruh,
Gericht und Gnad, die beiden,
bist du – und immer du.

Schalom Ben-Chorin, Aus Tiefen rufe ich. Biblische Gedichte. Hamburg 1966
[Der Gedankenstrich in der ersten Zeile der dritten Strophe steht so auf Seite 79.]

 „Das hört sich für mich an, als habe das jemand mit so einem Übersetzerprogramm ins Deutsche übersetzt. Um was geht‘s da genau und gibt‘s das auch in Deutsch oder versteh nur ich das nicht?“ fragt ein Unbekannter im Internet und bringt damit das Problem des Gedichtes auf den Punkt. Der hochverdichtete Text mit seinen Gegensätzen vor dir – zu dir, die Ferne und die Nähe, Gericht und Gnad und die Tatsache, dass der Name Gottes nicht genannt wird, sind extrem erklärungsbedürftig. Doch die theologische Deutung will ich berufeneren Fachleuten überlassen wie Christa Reich in: Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder und in: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 15 oder Meinrad Walter, Und suchst du meine Sünde.

Zu dem Gedicht eine Melodie für ein Gemeindelied zu schreiben ist – abgesehen von dem schwierigen Text – auch aus anderen Gründen nicht möglich. Da sind zum einen die Gedankenstriche, die in der Strophenform nicht berücksichtigt werden können, weil sie nicht immer an derselben Stelle in der Strophe auftauchen. Zum anderen wird in der Vorlage das Wort Ursprung auf der falschen Silbe betont. Ein Kunstlied könnte diesem Mangel abhelfen, nicht aber ein Strophenlied.

Und doch gibt es bereits Vertonungen des Gedichts. Für den Evangelischen Kirchentag 1967 in Hannover entstanden zwei Melodien. Eine davon stammt vom Heidelberger Komponisten Kurt Boßler, der damals den Zuschlag erhielt. Die andere komponierte Paul Ernst Ruppel, der zu seiner Komposition folgende Anweisung gab: «Liedgebet für eine Stimme, solistisch, chorisch, auch als Gemeindegesang; In­strumente können stützend und färbend unisono mitspielen.» Der Komponist hielt offenbar die Verwendung als Gemeindelied nur für eingeschränkt möglich. Die Melodie, die aus der sogenannten jüdischen oder spanischen Skala, einer siebenstufigen Tonleiter mit erhöhter dritten Stufe und erniedrigter zweiter und sechster Stufe schöpft, dürfte mit ihren übermäßigen und verminderten Intervallen einer sich üblicherweise an Dur und Moll orientierenden Gemeinde ziemlich schwerfallen. Ebenso schwierig sind die vielen Synkopen auszuführen, besonders bei münde. Die verkehrte Betonung bei Ursprung versuchte Ruppel durch die Verwendung von zwei Halben auszugleichen.

  Ruppel-Und suchst du
T: Schalom Ben-Chorin, M: Paul Ernst Ruppel

 Boßler-Und suchst du
T: Schalom Ben-Chorin, M: Kurt Boßler

Dass man sich beim Evangelischen Gesangbuch 1996 für die Melodie von Kurt Boßler entschied, war zu erwarten. Aber auch dieser Komponist hatte nicht zuerst den Gemeindegesang im Auge, wenn es in der Überschrift heißt: „Chorlied, als Gemeindelied einen Ton tiefer zu singen“. Im Tonraum c moll schraubt sich die Melodie stufenweise bis zum Oktavton hinauf. Der rhythmische Ablauf umfasst zwei fast identische Teile. Man spürt, dass der Komponist bei von dir zu dir den Gedankenstrich mitkomponieren wollte. Ich bezweifle aber, dass die Gemeinde nach den drei Achteln zuvor die lange Note danach aushalten mag. Ursprung wird infolge des Auftakts auf der betonten Silbe und der erhöhten Tonlage auf der unbetonten Silbe erst richtig „falsch“ betont.

Das neue Gotteslob will nun mit einer einfachen Melodie den Text von Schalom Ben-Chorim endlich populär machen.

 Dostal-Und suchst du

An diesem Kunststück, rein äußerlich schon an Akkordsymbolen für Gitarre ersichtlich, versuchte sich der Regensburger Diözesanmusikdirektor Christian Dostal. Auch er bedient sich ähnlich wie Ruppel einer siebenstufigen Tonleiter mit erhöhter dritter Stufe und erniedrigter sechster Stufe. Die Erniedrigung der zweiten Stufe wird aber erst beim vorletzten Ton vorgenommen. Das Lied beginnt im Gegensatz zur Vertonung von Ruppel ganz munter mit dem Anfang der Melodie „In dieser Nacht“ (GL 550), weicht dann aber zum Halbton b-a aus, der auch den zweiten Teil beherrscht. Der dritte Teil wiederholt die Melodie des ersten Teils. Die Höherstellung des Auftakts kann die falsche Betonung des Wortes Ursprung leider auch nicht korrigieren. Im letzten Teil versucht der Komponist die allzu banale Wirkung der Melodie durch die Erniedrigung der zweiten Stufe aufzuheben. Dadurch handelt er sich zum einen ein übermäßiges Intervall ein, das nicht leicht zu treffen ist, zum andern wird die positive Wendung, die der Text an dieser Stelle bei allen drei Strophen nimmt, sehr abgeschwächt.  Die Melodie, die bei Ruppel sehr kunstvoll gemacht ist, wirkt bei Dostal nur noch folkloristisch.

Es stellt sich die Frage, ob ein Gebet, wie es das Gedicht von Schalom Ben-Chorim darstellt, im Stile eines jiddischen Liedes vertont werden darf. Ich bin der Meinung, es verträgt überhaupt keine Melodie, zumindest keine für die Gemeinde. Der Text wirkt zwar zunächst einfach, aber er braucht Zeit, um auf den Zuhörer zu   wirken. Das kann eine einfache Strophenform nicht leisten. Sie kann insbesondere die Gedankenstriche, die so sehr zum Verständnis des Textes beitragen, nicht darstellen. Die ursprüngliche Formulierung vor dir – zu dir in der zweiten Zeile der ersten Strophe wurde in allen Vertonungen den entsprechenden Stellen angeglichen, obwohl vor dir den Vorgang besser beschreibt als von dir. Diese Nivellierung war offensichtlich notwendig, um den Text als Gemeindelied zu vertonen. Auch die Tatsache, dass das Wort aufgelöset, das in dieser Form von jeder Rechtschreibkontrolle moniert wird, in allen bisherigen Liedveröffentlichungen zu aufgehoben (z.B. EG 237) korrigiert wurde, zeigt, dass man den Text zumindest an dieser Stelle nicht als sangbar empfand. Im neuen Gotteslob kann man jetzt wieder das originale Wort lesen. Das dürfte aber zur beabsichtigten Popularität des Liedes nicht besonders beitragen.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s