Neue Lieder – alte Lieder

Zwei Fragen beschäftigen die Benutzer des neuen Gotteslob besonders – seien sie schon im Besitz eines Exemplars oder werde es noch gedruckt: Welche Lieder aus dem alten Gotteslob sind erhalten geblieben, und welche sind neu dazugekommen? Im alten Gotteslob standen etwa 270 Lieder, von denen gut die Hälfte übernommen wurde. Die andere Hälfte „flog heraus“, weil sie in den vergangenen 37 Jahren keine oder nur wenig Akzeptanz in den Gemeinden fand. Das könnte am zeitgebundenen Stil mancher Lieder liegen – z.B. bei Gelobt sei Gott in aller Welt (610) oder Worauf sollen wir hören (623) –, oder die Übernahme aus dem evangelischen Bereich ist nicht geglückt – z.B. bei Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist (301).

Den freigeräumten Raum füllen Lieder, die in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder im Stammteil vermisst wurden – sei es, weil diese Lieder aus Gründen des damaligen Zeitgeistes im alten Gotteslob keine Aufnahme fanden, oder weil diese Lieder erst während der vergangenen 30 bis 40 Jahre neu entstanden sind. Viele der „neuen“ Stammteillieder sind jedoch bereits aus den diözesanen Eigenteilen – z.B. Ein Danklied sei dem Herrn (382) oder Herz Jesu, Gottes Opferbrand (371) – oder aus den in den letzten Jahren verstärkt entstandenen diözesanen Ergänzungsheften bekannt – z.B. Engel auf den Feldern singen (250) oder Erde, singe, dass es klinge (411).

Die 67 „neuen“ alten Lieder im Gotteslob entstammen durchaus verschiedenen Epochen:[1]

1495–1600:     11 Lieder, z.B. O selger Urgrund allen Seins (359),

1601–1700:     13 Lieder, z.B. Jerusalem, du neue Stadt (338),        

1701–1800:     12 Lieder, z.B. Du, Herr, hast sie für dich erwählt (547),

1801–1900:     18 Lieder, z.B. Heilig bist du, großer Gott (198) oder                                Maria durch ein Dornwald ging (224),

1901–1940:     13 Lieder, z.B. Macht weit die Pforten in der Welt (360).

Offensichtlich hat sich die Gesangbuchkommission bemüht, aus jeder Epoche gleichmäßig viele Lieder zu finden. Das 19. Jahrhundert bildet da eine Ausnahme, weil diese Epoche im bisherigen Buch unterrepräsentiert war.

Was ist nun mit den „neuen“ neuen Liedern? Zahlenmäßig liegen sie mit 54 etwas unter den „neuen“ alten Liedern. Dafür decken sie den viel kürzeren Zeitraum von 1960 bis 2009 ab. Da vor allem das Neue geistliche Lied im alten Buch nicht vertreten war, bestand hier Nachholbedarf. Die Anhänger dieser Richtung werden es allerdings bedauern, dass nur 23 dieser Lieder aufgenommen wurden. Bei der unübersehbaren Liedproduktion durfte es aber schwierig gewesen sein, eine angemessene Auswahl zu treffen, die die angepeilten 30 bis 40 Jahre überdauert.

Bei dem rasch gewachsenen Angebot an Neuen geistlichen Liedern war eine Einteilung in Zehnjahresschritte notwendig.

1960–1970:     6 Lieder, z.B. Stern über Betlehem (261)

1971–1980:     15 Lieder, z.B. Wir ziehen vor die Tore der Stadt (225) oder                Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt (383),

1981–1990:     9 Lieder, z.B. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott (453),

1991–2000:     7 Lieder, z.B. Gottes Stern, leuchte uns (259),

2001–2009:     9 Lieder, z.B. Und suchst du meine Sünde (274).

Bei 8 Liedern ist die Entstehungszeit der Melodie nicht angegeben, z.B. bei Von guten Mächten treu und still umgeben (430).

1971 wurde der Begriff des Sacropop geprägt, und in der Folge entstanden viele religiöse Kompositionen im Stil der Popmusik von Peter Janssens und anderen. So ist die verhältnismäßig hohe Zahl der aufgenommenen Lieder aus der Zeit zwischen 1971 und 1980 zu erklären.

Die Auswahl der „neuen“ alten und neuen Lieder für das Gotteslob zeigt gewisse Schwierigkeiten, die der Kölner Erzdiözesankirchenmusik-direktor Richard Mailänder so beschreibt: „… man macht kein elitäres Buch, man macht auch nicht viele Experimente, sondern ein Buch, von dem man glaubt, das kann Anklang finden. Obwohl manche Stücke auch schon etwas „abgehangen“ sind, so dass man sagen kann, sie sind reif. Würde man z.B. ein Buch für ein Bistum machen, dann könnte man viel experimenteller vorgehen, man kann Komponisten fragen: Schreibst Du mal so oder so ein Stück? Hier ist man eher hingegangen und hat nach Sachen gesucht, die sich bereits bewährt haben, um eine möglichst hohe Akzeptanz zu finden.“[2]

Soll man Richard Mailänder bedauern oder beglückwünschen? Die nächsten 30 bis 40 Jahre werden zeigen, was Bestand hat und was die nächste Generation wieder „ausräumt“. Hoffentlich gibt es dann noch Kirchenmusiker, die sich mit Eifer in diese Aufgabe stürzen werden und für eine kleiner gewordene Zahl von Gläubigen ein neues Gotteslob konzipieren.


[1] Für die Einteilung war das Entstehungsjahr der Melodie maßgeblich.

[2] Das neue Gotteslob – Ein Interview mit Richard Mailänder. Domradio Köln, 26.11.2013.