Meine Gesangbücher

Als mir neulich das neue Gotteslob von 2013 durch die Pfarrsekretärin überreicht wurde, überlegte ich, wie viele Gesangbücher mir in meinem Leben begegnet sind. Ich kam auf sechs Bücher, aus dem ich im Lauf meines Lebens im Gottesdienst sang und spielte. Als ich in der Pfarrei Mariahilf in Freiburg zur Erstkommunion ging, sangen wir Erstkommunikanten noch aus dem Magnifikat von 1929. Jede Diözese hatte damals ihr eigenes Gesangbuch. Um zu einem gemeinsamen Liedgut zu kommen, beschlossen die Bischöfe 1947 die sogenannten „Einheitslieder der deutschen Bistümer“, die in jedes Diözesangesangbuch aufgenommen werden sollten.

Magnifikat 1929  Magnifikat 1929

Als ich in der damaligen Pfarrkuratie Hl. Dreifaltigkeit in Freiburg Ministrant wurde, verwendete man dort neben verschiedenen Heftchen aus dem Leipziger Oratorium und dem Christophorus-Verlag Freiburg vor allem das Kirchenlied, das 1938 erschienen war. Es war eine Sammlung von 140 älteren und neuen Kirchenliedern aus verschiedenen Epochen, die in der Folge große Bedeutung für die Entstehung und Verbreitung eines einheitlichen Liedgutes bei den deutschsprachigen Katholiken hatte. In ihm standen auch zum ersten Mal Lieder aus der evangelischen Tradition.

  Kirchenlied 1  Kirchenlied 1938

Als ich zum Oberministrant avanciert war, bekam jeder Ministrant ein Exemplar des Magnifikat von 1960 geschenkt. Im Inhaltsverzeichnis war jetzt vermerkt, welche der Lieder zu den Einheitsliedern aller deutschen Bistümer bzw. der nordwestdeutschen Bistümer gehörten und welche Lieder noch aus dem Anhang des Vorgängerbuches stammten. Doch diesem Buch war keine lange Lebensdauer beschieden. Das Magnifikat von 1909 brachte es immerhin auf 20 Jahre, sein Nachfolger von 1929 sogar auf 31 Jahre. Die letzte Ausgabe wurde nach 15 Jahren vom Einheitsgesangbuch abgelöst.

Magnifikat 1960  Magnifikat 1960

Diesem Einheitsgesangbuch wollte der Christophorus-Verlag mit dem Kirchenlied II. Teil zuvorkommen, in dem in Fortsetzung von Kirchenlied I alte und vor allem neue Lieder angeboten wurden. Während meines Kirchenmusikstudiums durfte ich einer Auswahlkommission die eingereichten Lieder vorsingen und mein eigenes Urteil abgeben. Nachdem die Kommission eine ganze Reihe von Melodien ausgeschieden hatte, wurde ich beauftragt, zu sieben Texten neue Melodien zu komponieren. Das Buch erschien 1967, hatte aber aus verschiedenen Gründen nicht den erhofften Erfolg. Vor allem wurde es in der kurzen Zeit bis zum Erscheinen des Einheitsgesangbuches nicht bekannt genug. Immerhin „überlebte“ eines meiner Lieder im bisherigen Hildesheimer Diözesanhang: „Herr der Könige der Erde“, ein Lied zur Erscheinung des Herrn. Es wurde jetzt auch in den neuen Diözesanteil übernommen. Ich durfte sogar einen Orgelbegleitsatz dazu schreiben.

 Kirchenlied 2  Kirchenlied II 1967

Als 1975 meine Tochter Amelei geboren wurde, erschien das bisherige Gotteslob. Wir sangen bei ihrer Taufe aus dem bereits erschienenen Stammteil „Segne dieses Kind und hilf uns, ihm zu helfen“ (636). Da unsere Tochter unser letztes Kind war, habe ich das Lied nie mehr gesungen und es auch nirgendwo sonst gehört. Warum wurde es nicht gesungen? Vermutlich lag es an der kirchentonalen Melodie und der wenig beliebten Einteilung in Refrain und Vorsängerstrophen. Da der Text von Lothar Zenetti für die Taufe ein Glücksfall ist, hat man  im Gotteslob 2013 dem Text eine „flotte“ Melodie verpasst (490). Durtonart, Tonleiterschritte und Sequenzen sind ein erfolgreiches Rezept, um gleich mitsingen zu können.

Gotteslob 1975  Gotteslob 1975

Bevor 1985 das Beiheft zum Gotteslob erschien, bekam ich zwei Jahre zuvor die Vorschlagsliste in die Hände, die ich auf insgesamt 43 Seiten kräftig kommentierte. Wie ich hörte, hat man im Ordinariat herzlich über meine Sprüche gelacht. Eine Kostprobe zum Titel  „Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“: „Die Schreibmaschine sträubt sich, einen solchen Unsinn niederzuschreiben. Eine Melodie zum Träumen.“ Übrigens wurden viele der von mir kritisierten Lieder nicht aufgenommen.

Beiheft zum Gotteslob  Beiheft zum Gotteslob 1985

Jetzt also ist zehn Jahre nach meiner Pensionierung – mit einigen Geburtswehen – ein neues Gotteslob erschienen. Zu Ostern durfte ich zum ersten Mal aus dem neuen Buch spielen. Es war ganz schön aufregend, das Buch mit seinen 1368 Seiten auf dem Notenpult offen zu halten. Ich hätte aber ebenso aus dem alten Buch mit seinen 1117 Seiten spielen können, denn an ein neues Lied hat man sich noch nicht getraut. Ich erhoffe aber doch von vielen Gemeinden, dass sie den Mut haben, etwas Neues zu lernen, z.B. das Osterlied „Ihr Christen, singet hocherfreut“ (322), das bereits im alten Gotteslob stand. Ein besseres Motto zum Einstieg kann man sich nicht wünschen.

Anton Stingl jun.