Wer hat mein Agnus Dei geklaut?

Jedem, der mit der Gottesdienstgestaltung zu tun hat, wird schon aufgefallen sein, dass im neuen Gotteslob die Anzahl der bisherigen deutschen Gesänge zum Agnus Dei stark dezimiert wurde. Von den vierzehn Agnus-Dei-Gesängen im vorigen Buch blieben nur sechs übrig. Zunächst wurden die Alban-Messe, die Mainzer Dom-Messe und die Allerheiligen-Messe dieser Gesänge beraubt, was bei den ersten beiden Messen besonders schade ist, weil der Gesang zum Sanctus erhalten blieb. Außer in der Paulus- und der Florian-Messe findet man nirgends Sanctus- und Agnus-Dei-Gesänge hintereinander und muss deshalb stets weiter nach hinten blättern. Die Säuberungsaktion traf auch zwei freilaufende Agnus-Dei-Gesänge. Auch die entsprechenden Gesänge der dritten, vierten und sechsten Reihe wurden verbannt. Nur der Agnus-Dei-Gesang der Paulus-Messe von Heino Schubert (133) – sie wurde als einzige Messe vollständig übernommen -, der Florian-Messe (136) und der Leopoldmesse-Messe (139) wurden wieder abgedruckt. Unter der Rubrik „Agnus Dei“ fanden die Lieder O Lamm Gottes unschuldig (203) aus der ersten Reihe, Christe, du Lamm Gottes (204) aus der fünften Reihe und Christe, du Lamm Gottes (208) aus der zweiten Reihe ihren Platz. Um annähernd auf die frühere Zahl zu kommen, wurde ein Lied (202) aus dem ehemaligen Diözesananhang Freiburg-Rottenburg übernommen. Mit seinen Anklängen an das Agnus Dei Vat. XVII entspricht es der Tradition der übrigen Gesänge. Von den anderen drei neu hinzugekommenen Gesängen fällt das erste (205) durch ungebührlich lange Kantoren-Abschnitte auf. Im zweiten (206) wird durch das call and response-Prinzip das Blatt-Singen zwar erleichtert, aber der Effekt dürfte in kürzester Zeit abgenutzt sein. Der dritte Gesang (207) verleugnet nicht seine Herkunft aus Taizé. Nach dem Gesang des Kantors bis …Sünde der Welt folgt ein dreistimmiger Satz in Fauxbourdon-Akkorden. Diesen Gesang wird man aber nur bei besonderen Gelegenheiten verwenden können. Für den „Normalfall“ bleiben also nur sieben Gesänge übrig gegenüber bisher vierzehn. Für Gemeinden, die ein breites Repertoire gepflegt haben, ist das ein spürbarer Verlust.
Beim Sanctus sieht die Bilanz ganz anders aus. Von den zwölf Sanctus-Gesängen sind nur vier weggefallen (Allerheiligen-Messe, vierte, fünfte und sechste Reihe), dafür kamen sieben (190, 191, 192, 195, 197, 198, 200) hinzu. Darunter ist sicher etwas für jeden Geschmack.
Ganz anders ist die Lage an der „Credo-Front”. Von den bisherigen sieben Gesängen und Liedern sind nur zwei übriggeblieben, das Apostolische Glaubensbekenntnis II (179) und das ehemalige Lied zum Glaubensbekenntnis Gott ist dreifaltig einer, das jetzt einen Ton tiefer (viel zu tief!) in der Rubrik „Der Dreieinige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist“ eingeordnet wurde (354). Dort findet man auch neu das ökumenische Lied Wir glauben Gott im höchsten Thron (355), das offensichtlich das bisherige Wir glauben an Gott Vater ersetzen soll. Unter der Rubrik „Credo“ findet man jetzt dreimal das Apostolische Glaubensbekenntnis, einmal mit der bekannten Vertonung (179), dann eines mit lateinischem Kehrvers und psalmodisch vierteilig rezitiertem Text, beides mit Akkordbuchstaben versehen (177). Das nächste (178) ist prinzipiell gleich gebaut, der Kehrvers hat deutschen Text, und die freiere Psalmodie ist ausnotiert. Bei gestorben und begraben erreicht die Melodie die untere Singgrenze. Nach dem gleichen Prinzip ist das Große Glaubensbekenntnis vertont (180), mit lateinischem Kehrvers und ausnotierter rezitativischer Melodie. Der Umfang der Melodie (d-c‘) lässt dem Kantor eine Chance, seine Stimme zu entfalten.
Wenn ich die Lage richtig einschätze, dann soll in Zukunft in der Messfeier nur noch der vollständige Wortlaut des Credo erklingen. Also keine Chance mehr für das zeitsparende Credo-Lied! Nach der Durchsicht der dargeboten Credo-Vertonungen kann ich nur empfehlen, im Zweifelsfall auf das gregorianische Credo III (122) zurückzugreifen. Denn mit Ausnahme der Vertonung von Karl Norbert Schmid (179) trägt in den übrigen Vertonungen ein Kantor den gesamtem Text vor, und alle dürfen nur zustimmen. Das kann’s nicht sein! Beim lateinischen Credo aber sind alle in gleicher Weise beteiligt.

Anton Stingl jun.