Zieh an die Macht, du Arm des Herrn (GOTTESLOB 1975, Nr. 304)

Eines der Phänomene im GOTTESLOB 2013, die sich nicht so leicht erklären lassen, ist das Verschwinden des allseits beliebten und bekannten Liedes Zieh an die Macht, du Arm des Herrn. Die Ursache dafür dürfte nicht jene schwungvolle Melodie von Melchior Vulpius gewesen sein, die erstmals 1609 in Jena zu einem Lied über den 117. Psalm („Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all“) erschienen ist. Vielmehr haben vermutlich einige ideologisch festgelegte Mitglieder der Gesangbuchkommission den Text des Liedes als ungenießbar für unsere heutige Zeit erklärt. Bereits bei der Herausgabe des GOTTESLOB 1975 „begründen Protokolle und Redaktionsberichte die Änderungen mit dem ‚kämpferischen‘ und ‚nationalen‘ Ton des Liedes“.(1) Wie man den Text vor 40 Jahren eingeschätzt hat, kann uns am besten der im GOTTESLOB 2013 immer noch als Textdichter vertretene Georg Thurmair erklären, der sich hinter dem Kürzel GT im „Werkbuch zum Gotteslob“ verbirgt.

„Der Text dieses Liedes, mit der Jahreszahl 1865 signiert, einer Melodie aus dem Jahre 1609 unterlegt und mit seiner Titelzeile der Jesaja-Stelle 51,9 entnommen, ist denen, die in der Zeit der NS-Diktatur und des Krieges lebten, unvergesslich in Erinnerung. Was auch Jesaja kurz und rückschauend in Erinnerung ruft: ‚Der Herr tröstet’, er tröstet die Trümmer und macht die Wüste zum Garten, das galt auch unserem Land und Volk: äußerlich Trümmer, innerlich Wüste, so waren die Jahre danach, die Jahre, in denen das Lied, das wir hier besprechen, seine ‚starke Glaubenskraft und Siegesgewissheit’ (Bergmann) ausstrahlte. Das Lied, eines der markanten Kampflieder des evangelischen Liedgutes,(2) hat, erstmals 1938 in der Liedersammlung ‚Kirchenlied’ auch dem katholischen Liedgut einverleibt, eine rasche Verbreitung und begeisterte Aufnahme gefunden. (Unangreifbar infolge seines Alters auch für die NS-Verfolger, die sich in ihrer Stupidität nicht genierten, Kirchenlieder jüngeren Datums zu verbieten.)

Inhaltlich ist im vorliegenden Text, außer der Titelzeile, das Jesaja-Kapitel (51) kaum noch erkennbar, dessen Bildkraft einem etwas blässlichen Duktus verfallen, wie es den Liedtexten des 19. Jahrhunderts eigen ist. Der ‚Feind’ aber ist auch hier, wie bei Jesaja, nicht eine Macht von außen; die Drohung erst und im Hintergrund kommt aus dem eigenen Versagen; der Hilfeschrei dann wird den Kleinmütigen und Glaubensschwachen in den Mund gelegt. Erstaunlich ist die nahtlose Angleichung des Textes an die zweihundertfünfzig Jahre ältere Melodie, was dem ganzen Lied jenen hinreißenden und mitreißenden Schwung gibt, der die Blässe des Textes im Vergleich zur Jesaja-Stelle kaum noch empfinden lässt.
Heute tritt das Lied als Kampflied gegen eine äußere oder innere Glaubensbedrohung weniger in Erscheinung. Einen äußeren Feind kann die Christenheit in unserem Lande kaum benennen; es ist vielmehr der ‚innere Feind’, den es zu überwinden gilt. Nicht von ungefähr ist das Lied etwas in Vergessenheit geraten; ein gänzlich anderer Text (‚Der Geist des Herrn erfüllt das All’) hat sich stattdessen der Melodie bedient. In ‚lauen Zeiten’ aber wird wie eh und je auch der erstgenannte Text seinen mit- und hinreißenden Schwung beweisen. Und wann gibt es schon keine ‚lauen Zeiten’?“(3)

Es ist schade, dass das Lied Zieh an die Macht, du Arm des Herrn wegen mangelnder political correctness nicht mehr aufgenommen wurde und dann auch nicht in den Diözesanteilen erscheinen durfte. Nach diesem Prinzip müsste man noch mehr Lieder auf den Index setzen, die solch martialische Sätze enthalten wie Wir stehn im Kampfe Tag und Nacht. Aber die Formulierungen der Stoß der Lanze trifft dein Herz (359), er zerschlug Pharaos Heer (402), und steh im Kampf uns bei (478) haben die Kontrolle anstandslos passiert. Hilf uns hie kämpfen, die Feinde dämpfen wurde bereits im GOTTESLOB 1975 zu Hilf uns im Streite, zum Sieg uns leite umgedichtet und landete jetzt im Freiburger Diözesanteil (899).

Anton Stingl jun.

(1) Udo Grub, Evangelische Spuren im katholischen Einheitsgesangbuch „Gotteslob“ von 1975, S. 229.
(2) In Evangelisches Gesanbuch, Nr. 377 mit einer weiteren Strophe; in Nr. 346 mit dem Text Such, wer da will, ein ander Ziel.
(3) Aus: Werkbuch zum Gotteslob, III. Sonntage und Herrenfeste im Jahreskreis, Lesejahr A, hg. im Auftrag der Kommission für das Einheitsgesangbuch von Josef Seuffert unter Mitwirkung von Rupert Berger, Günter Duffrer und Erhard Quack. Herder 1975, S. 173.