Antwortpsalm – Falsche Antwort

Wenn im sonntäglichen Gottesdienst die Lektorin bzw. der Lektor nach der ersten Lesung mit einem bis zu Unhörbarkeit diminuierenden „Wort des lebendigen Gottes“ die Gemeinde zu einer zustimmenden Antwort zu bewegen versucht, und sich die Zuhörer höchstens zu einem gemurmelten „Dank sei Gott“ aufraffen können, an dem man spürt, wie viel „Begeisterung“ sich auf die Zuhörer überträgt, dann könnte vielleicht „der darauf folgende Antwortpsalm, der ein wesentliches Element des Wortgottesdienstes ist“, die Stimmung wieder heben. Über diesen Psalm heißt es in der Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch (revidierte Fassung von 1975): „In der Regel soll man den im Lektionar angegebenen Psalm nehmen, weil sein Text mit den Lesungen im Zusammenhang steht, denn er ist im Hinblick auf sie ausgewählt“. Doch da macht das GOTTESLOB 2013 in vielen Fällen einen Strich durch die Rechnung der deutschsprachigen Bischöfe. Nehmen wir als Beispiel den Psalm 25. Er steht bei den folgenden Gelegenheiten mit den zugehörigen Kehrversen im Lektionar.

1) Erster Adventssonntag (C): Zu dir, o Herr erhebe ich meine Seele. (Ps 25,1)
2) Erster Fastensonntag (B): Deine Wege, Herr, sind Huld und Treue
für alle, die deinen Bund bewahren. (vgl. Ps 25,10)
3) 3. Sonntag im Jahreskreis (B): Zeige mir, Herr, deine Wege,
lehre mich deine Pfade! (Ps 25,4)
4) 26. Sonntag im Jahreskreis (A): Denk an dein Erbarmen, Herr,
und an die Taten deiner Huld! (Ps 25,6ab)

Dieser Psalm und kein einziger dieser Kehrverse sind im GL 2013 zu finden. Den Psalm selbst hatte auch das GL 1975 nicht abgedruckt, aber im bisherigen Kantorenbuch zum Gotteslob findet man folgende Kehrverse: zu Nr. 1 „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele“ (529,2), zu Nr. 2 „Der Herr hat uns befreit, auf ewig besteht sein Bund“ (233,7), zu Nr. 3 und zu Nr. 4 „Lehre uns, Herr, deinen Willen zu tun.“ (170,1). Immerhin stammt der erste Kehrvers aus dem zugehörigen Psalm, während die anderen nur sehr vage bis überhaupt nicht an den eigentlich vorgesehenen Vers erinnern.

Aus dem GL 2013 hat das neu bearbeitete Freiburger Kantorenbuch folgende Kehrverse ausgewählt: zu Nr. 1 „Auf lasst uns jubeln dem Herrn, vor sein Angesicht kommen mit Dank“ (141 = GL 1975), zu Nr. 2 „Der Herr hat uns befreit, auf ewig besteht sein Bund“ (60,1 = GL 1975), zu Nr. 3 und Nr. 4 „Herr, du hast Worte ewigen Lebens“ (312,7 = GL 1975). Hier passt kein einziger Kehrvers zum Psalm.

In der Online-Publikation der Diözese Rottenburg-Stuttgart entdeckt man noch eine andere Zuweisung zu Nr. 4: „Du bist Licht und du bist Leben, Christus, unsere Zuversicht“ (373), also wieder keinen Treffer!

http://www.drs.de/arbeitsfelder/liturgie/antwortpsalmen/antwortpsalmen-lesejahr-a.html

Dass Kehrvers und nachfolgender Psalm nicht so sinnvoll zusammenpassen, wie das die Urheber des Lektionsplans ausgeklügelt haben, passiert auch bei den Psalmen 31, 32, 33, 41, 50, 54, 62, 68, 69, 78, 82, 86, 102, 106, 107, 108, 123, 124 und 132, weil das GL 2013 keine entsprechenden Kehrverse anbietet.

Die Mesalliance zwischen Kehrvers und Psalm besteht auch aus anderen Gründen. Die Herausgeber des GL 2013 haben aus dem bestehenden Angebot von Kehrversen die vermeintlich besten ausgewählt oder noch weitere in Auftrag gegeben. Aber wie Allzweckreiniger nicht für jeden Schmutz die beste Lösung sind, so kann auch nicht jeder Kehrvers an jeder Stelle seinen vorgesehenen Dienst erfüllen. In einem Vesperpsalm, bei dem er nur am Anfang und am Ende erklingt, darf er sich etwas weiter ausdehnen. Die Ruhe des Stundengebets lässt ihm mehr Raum. Beim Antwortpsalm dagegen wird er nach jedem Doppelvers wiederholt. Dort muss er kurz und prägnant sein und möglichst eine Zahl von 13 Silben nicht überschreiten, damit man ihn spontan auffassen kann. Die Tendenz vieler hebräischer Psalmverse, im zweiten Halbvers den ersten Halbvers mit anderen Worten zu wiederholen – der Parallelismus membrorum – erlaubt, den Vers in eine durch seine Kürze würzige Form zu bringen.

Das musikalische Gemischtwarenangebot der Kehrverse ist überdies mit den stilistischen Vorstellungen der einzelnen Kantorenbücher nur schwer in Einklang zu bringen. Die Vielfalt der Kehrverse reicht von der Münsterschwarzacher Gregorianik über das Neue Psalmenbuchs aus den sechziger Jahren bis zum Neuen Geistlichen Lied. Dazu kommen die unterschiedlichen Vorstellungen der Kantorenbücher, die wie z.B. das Freiburger Kantorenbuch, das „aus dem Reichtum englischer Rezitationsmodelle schöpft“, oder andere, welche die „Ergänzungszeile zur Gemeindepsalmodie“ von Heinrich Rohr verwenden. Das alles passt nicht zusammen. Richtige Frage – falsche Antwort!

Das Ideal wäre eine stilistische Einheit zwischen Kehrvers und Psalm. Der Psalm müsste immer die gleiche musikalische Form haben, damit man ihn wiedererkennen kann. Die Melodien der Kehrverse müssten wie ihre Texte aus den Psalmen aus dem musikalischen Erscheinungsbildes des jeweiligen Psalms herauswachsen. Ich höre den Einwand: Das geht doch nicht, das müssen dann unendlich viele Kehrverse sein! Meine „richtige“ Antwort: Es gibt da ein kleines Dorf – nicht in Gallien – sondern bei Freiburg, da singt die Gemeinde jeden Freitagabend zum Antwortpsalm aus 114 Kehrversen – und zwar nicht aus dem Gotteslob – den vorgesehen Kehrvers aus dem Lektionar. Der Vorrat reicht für die zwei Lesejahre I und II und die einfallenden Feste der Heiligen. Zu einem Psalm gibt es bis zu drei Kehrverse, die ohne Transpositionsakrobatik passgenau eingerichtet sind. Vorbild ist das Neue Psalmenbuch, das zuerst in Einzelausgaben für Kantor, Chor, Gemeinde und Orgel und dann 1971 in einer Gesamtausgabe erschien. Doch davon später mehr …

Anton Stingl jun.