Mit 99 Euro, da fängt der Ärger an!

In einer Anwandlung von Neugier und echtem Interesse habe ich mir dieser Tage für sage und schreibe 99 Euro das Orgelbuch der Domorganisten mit Vorspielen und Begleitsätzen zu ausgewählten Liedern des neuen Gotteslob erstanden. Mit Feuereifer setzte ich mich ans Klavier, um meine Neuerwerbung kennenzulernen. Zwei Stunden lang schlug ich abwechselnd die Tasten und dann immer wieder die Hände über dem Kopf zusammen. Was für ein Kuriositätenkabinett! Neben witzigen Stilkopien und ernsthaften Choralvorspielen, grinsten mich viele monsterhafte Liedsätze an, als wollten sie mir sagen: Eine einfache Liedbegleitung ist unter unserer Würde. Lasst uns den Gemeindegesang behindern durch massenhafte Achteldurchgänge, durch Zwischendominanten in jedem Takt und durch Trugschlüsse am unpassenden Ort. Wir legen die Melodie nicht einfach in die Oberstimme, sondern verstecken sie im Tenor oder zur Unterstützung jener, die sowieso nur eine Oktave tiefer brummen, ins Pedal. Für uns ist es ein Leichtes, die Melodie im Alt mit dem Daumen zu spielen und mit restlichen Fingern der rechten Hand eine natürlich etwas beschränkte Oberstimme zu erzeugen. Vierstimmiger Satz war gestern, wir erklingen fünfstimmig. Die linke Hand wird möglichst tief geführt, damit in Verbindung mit Doppelpedal möglichst unharmonische Kombinationstöne entstehen. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass vielen Domorganisten die gestellte Aufgabe lästig war und dass sie sich durch unbarmherzige Anhäufung von dissonanten Akkorden den Frust von der Seele gespielt haben.
Der Rottenburger Domorganist Ruben Sturm möge mir verzeihen, dass sein Vorspiel und Satz zu Maria, Mutter unsres Herrn (GL Nr. 530) mein Fass zum Überlaufen brachte. Statt mit der erwarteten Liedmelodie zu beginnen, wird das Vorspiel im Klang einer zittrigen Schwebung 8‘ mit dem Zitat der in der Fußnote erwähnten Marianischen Antiphon Alma Redemptoris Mater in hoher Lage eröffnet. Der Domorganist weiß, wie man sich erbebend mit Gregorianischem Choral dem Himmel nähert. Doch er kennt sich in diesem Repertoire auch aus. Im zarten Klang einer Flöte 2‘ mit Tremulant erklingt im Pedal der Anfang der Antiphon Ave Maria (GL Nr. 529), die „zufällig“ im Gotteslob auf derselben Seite wie Maria, Mutter unsres Herrn steht. Die Gemeinde ist verwirrt. Welchen Gesang soll sie anstimmen? Da erkennt der Organist seinen Irrtum und lässt laut schnarrend mit Cromorne 8‘ kurz und bündig den richtigen Liedanfang ertönen. Die erste Strophe kann beginnen. Doch bereits mit dem ersten Akkord kündigt sich neues Unheil an. Der eröffnende C-dur-Akkord wird gleich mit einer None in tiefer Lage gewürzt, von dem aus eine Folge von parallelen Akkorden mit großer Septime nach oben führt bis zu einer vermeintlichen mit einer None angereicherten Zwischendominante, von der man weiter durch ein unharmonisches Labyrinth geführt wird. Der „bedrängten Christenheit“ hilft auch der Begleitsatz nicht, wenn er sich plötzlich in die Mediante Des-dur mit hinzugefügter kleiner Septime verirrt. Den „Weg durch die Zeit“ behindern zum Teil neunstimmige Akkorde mit Doppelpedal, die chromatisch abwärts rollen bis zum erlösenden Dominantseptnonakkord vor dem C-dur-Schlussakkord, der wie am Anfang mit einer None „aufgemotzt“ wird. Wie gut, dass nur die erste Strophe vertont wurde. Wie würde erst der Satz zur vierten Strophe aussehen!?

Mit 99 Euro, da fängt der Ärger an,
Mit 99 Euro, hab ich kein‘ Spaß daran.
Mit 99 Euro, komm ich zwar auch in Schuss,
Mit 99 Euro, mach ich jetzt lieber Schluss.

Das Geld hätte ich besser in ein dreigängiges Mittagsmenü für zwei Personen in einem Sterne-Restaurant in Freiburg oder Bad Krozingen angelegt. Zu einem Zehntele vom würzigen Sauvignon blanc hätte es allemal noch gereicht. Jetzt muss ich erst wieder drei Orgelvertretungen annehmen, um den Verlust auszugleichen.

Anton Stingl jun.

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