99 Euro – Teil 2

Schneller als erwartet kamen am vergangenen Wochenende die drei Orgelvertretungen, die mein Orgelkonto wieder ausglichen. Gleichzeitig ergab sich auch die Gelegenheit, Vorspiele und Begleitsätze aus dem Orgelbuch der Domorganisten in der Praxis zu erproben. Zur Eröffnung stand „Eine große Stadt ersteht“ (479) auf dem Liedzettel. Das Buch bietet hier gleich zwei Fassungen an. Fassung A von Thomas Lennartz, Jahrgang 1971, Dresdner Domorganist. Sein kurzes Vorspiel pendelt zwischen Unisono-Läufen und bis zu neunstimmigen Akkorden, die bis zum höchsten Ton g“‘ der Orgel reichen. Eine wahrhaft „große Stadt“, deren Türme bis in die Wolken reichen. Da der zugehörige Begleitsatz, der die Melodie in der Superoktavlage führt, in full-hands-Version mit bis zu achtstimmigen Akkorden ausgestattet ist, ließ ich lieber die Finger davon. Fassung B stammt vom ehemaligen Wiener Domorganisten Peter Planyavsky, Jahrgang 1947. Sein siebentaktiges Vorspiel über die erste Zeile ist gar nicht so witzig, wie man es von ihm gewohnt ist. Dafür ist Rhythmus und Tempo des Liedes so exakt definiert, dass ich glaubte, die Gemeinde könne nicht anders, als mit Begeisterung einzusetzen. Da ich hoch droben im Gehäuse der 50-registrigen Metzler-Orgel saß und im Tempo des „Orgelbuchs zum Gotteslob“ (Halbe ~ 80) spielte, merkte ich erst nach der dritten Strophe, dass niemand mitsang. Der fünfstimmige Begleitsatz war offenbar nicht als Begleitung zu erkennen. Nachdem der Pfarrer nach einer längeren Pause schließlich meinte, wir könnten jetzt das Eingangslied singen, wiederholte ich die Prozedur. Dann funktioniertet es endlich. Obwohl die Kirche nach dem Vorbild des Bamberger Doms gebaut ist, scheint die Musik der Domorganisten nicht anzukommen. Fatal war außerdem, dass Vorspiel und Satz nicht auf einer Doppelseite standen, obwohl der Platz ausgereicht hätte, die zusammengehörigen Fassungen zusammenhängend abzudrucken. Vielleicht hätte ja eine leere Seite „aus wendetechnischen Gründen“ den Preis von 99 Euro auf unvorteilhafte 100 Euro hinaufgetrieben.

Beim nächsten Lied „Die Kirche steht gegründet“ (482) hätten sich Gemeinde und Organist von dem Schreck wieder erholen können. Vorspiel und Satz stammen vom ehemaligen Freiburger Domorganisten Klemens Schnorr, Jahrgang 1949, und passen sich dem Stil des aus der englischen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts stammenden „Chorals“ in Tempo (Viertel ~ 96) und Harmonik ausgezeichnet an. Offenbar war aber das Lied der Gemeinde noch nicht so gut bekannt, sodass der Erkennungswert der Melodie im Vorspiel zu gering und das gewählte Tempo immer noch zu schnell war.

Als drittes Lied war „Ein Haus voll Glorie schauet“ (478) vorgesehen. Der Salzburger Domorganist Heribert Metzger hat sich beim Vorspiel offensichtlich Bachs fünfstimmige Choralbearbeitung „An Wasserflüssen Babylons“ zum Vorbild genommen. Zum Glück für mich hat der Stilkopierer kein Doppelpedal vorgesehen, sondern nach französischem barocken Vorbild jeweils zwei Stimmen auf die beiden Hände verteilt. Dafür sind die vorgesehenen Sechzehntel bei dem vorgeschlagenen Tempo (Viertel ~ 96) relativ unbequem. Die von mir insgesamt für das ganze Programm vorgesehene Übezeit von zwei Stunden ließ kein sicheres Beherrschen erwarten. Dieser Sorge wurde ich allerdings anschließend enthoben, als ich in meinem E-Mail-Account die korrigierte Fassung des Programms vorfand, in der dieses Lied gestrichen war. Dafür gab es allerlei NGLs von Kathi Stimmer-Salzeder (169), Winfried Offele (197, gut mit bluesiger Septime!) und Andrew Lloyd Webber (188), zu dem das Orgelbuch keinen Satz abdrucken darf. Offenbar hat der Komponist das richtige Gefühl, dass der ernsthafte Text nicht zu seiner Musical-Melodie passt.

Jetzt stimmt die Kasse wieder, und die vorgesehenen Restaurants haben im jüngsten Ranking auch ihren Stern behalten. „La messe est dite, allons diner!“

Anton Stingl jun.

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