Schon zu alt für „Modisches“?

Die leicht angetrunkenen Jünger Jesu singen im Musical „Jesus Christ Superstar“ bei der Nummer „The Last Supper“ – „Das letzte Abendmahl“ einen „Choral“:

Look at all my trials and tribulations
Sinking in a gentle pool of wine
Don’t disturb me now I can see the answers
Till this evening is this morning life is fine

Schau wie alles, was mir widrig und beschwerlich war,
jetzt im sanften Wein versinkt,
jetzt, da mir die Antworten vor Augen stehen, störe mich nicht,
bis dieser Abend zum Morgen wird, ist das Leben schön.

Den Text der ersten Strophe kann man ja noch aus dem Zustand der Jünger erklären und menschlich verstehen. Die zweite Strophe wird da schon deutlicher:

Always hoped that I’d be an apostle
Knew that I would make it if I tried
Then when we retire we can write the gospels
So they’ll still talk about us when we’ve died

Immer schon hatte ich gehofft, ein Apostel zu sein,
wusste, dass ich es schon schaffen würde, wenn ich es nur versuchte,
wenn wir dereinst in Rente gehn, schreiben wir die Evangelien,
sodass sie auch dann noch von uns reden, wenn wir nicht mehr sind.

Das ist pure Parodie auf die biblische Überlieferung. Nach Egert Pöhlmann ist „Parodie eine Spannung zwischen der vertrauten Form und einem der Gattung unangemessenem Gehalt. Diese Spannung soll der Hörer oder Leser bemerken, da auf ihr das intellektuelle Vergnügen an der Parodie beruht. Die Parodie setzt also ein belesenes Publikum und relative Normen der literarischen Gattungen voraus. Sie kann sich außerdem nur an Mustern entwickeln, die sich bereits durchgesetzt haben und zu Klassikern geworden sind.“

Andrew Llyod Webber hat den parodistischen Text von Tim Rice raffiniert in Szene gesetzt.

Look at all

In der ersten Zeile lässt die Melodie bereits die trials and tribulations in die Tiefe sinken, die dann zu Beginn der zweiten Zeile beim tiefsten Ton in den Wein eintauchen. Auch in den beiden letzten Zeilen wendet der Komponist allerhand Kniffe an, um den Text ins richtige Licht zu setzen. Nach den Tonrepetitionen aus der ersten Zeile wird über den chromatisch erhöhten Ton ais bei now die Sinnspitze der Strophe bei see erreicht. Im Unterschied zu den beiden ersten Zeilen, die musikalisch durch Pausen getrennt sind, wird die vierte Zeile gleichsam mit einem „enjambement“ an die dritte Zeile rhythmisch angebunden.

Nach dem Motto von Martin Luther „Der Teufel braucht nicht alle schönen Melodien für sich alleine besitzen“ hat nun Raymund Weber versucht, im Lied Nr. 188 im neuen Gotteslob den parodistischen Text des „Abendmahls“ zu invertieren.

Nimm, o Gott

In der alkoholgeschwängerten Atmosphäre der Musik der ersten beiden Zeilen weist uns der Autor auf die „echte“ Gabenbereitung hin, bei der wir uns auf das Gedächtnis des „Last Suppers“ vorbereiten sollen. Handwerklich alles richtig gemacht, sogar das Wort Wein steht an der gleichen Stelle wie im Original. Aber mit der raffinierten Gestaltung der beiden letzten Zeilen ist der Textdichter nicht zu Streich gekommen. Wo der Komponist zu Beginn des zweiten Taktes in der dritten Zeile eine Halbe für das wichtig Wort now setzt und auf diese Weise das ermüdende Gleichmaß der Viertelnoten unterbricht, löst der Autor die Halbe in zwei Viertel auf und nimmt dadurch der Melodie den vom Komponisten vorgesehenen Akzent. Auch das „enjambement“ wird zugunsten einer „normalen“ Zeileneinteilung aufgegeben. Soll man an dieser Stelle auch atmen, wie es die „slashs“ in den beiden letzten Textstrophen andeuten? The answers darf man jedenfalls nicht durch Atmen zerreißen. Völlig „verrutscht“ ist der Text allerdings in der letzten Zeile. An die Stelle des ganz nebensächlich mit zwei Vierteln auf gleicher Tonhöhe vertonten evening setzt der Autor, indem er die zwei Viertel durch eine Halbe ersetzt, seine wichtigste Aussage: vertrauend. In den anderen Strophe wirken Hingabe, geheiligt und Opfergabe an dieser Stelle auch von der Wortbetonung her sehr befremdend. Das Vorgehen des Textdichters ist mit manchen Popularisierungen von Beethovens „Hymne an die Freude“ zu vergleichen, bei denen die Synkope am Anfang von Alle Menschen werden Brüder zugunsten einer Volltaktbetonung aufgegeben wird und somit auf den Trick Beethovens, effektvoll auf das Wort alle hinzuweisen, zugunsten der leichteren Aufführbarkeit verzichtet wird. Ist das ein Fall von Volksverdummung?

Bleibt zum Schluss die Frage: Wird hier der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben? Man muss ja nicht gleich Papst Benedikt XVI. zitieren, der betont, „dass die Musik, die der Anbetung ‚in Geist und Wahrheit‘ dient, nicht rhythmische Ekstase, nicht sinnliche Suggestion oder Betäubung, nicht subjektive Gefühlsseligkeit, nicht oberflächliche Unterhaltung sein kann“. Aber verlangt die Volksseele wirklich, einen solch sentimentalen Song (Tempo Halbe = 63) in einer Auflage von rund 3,6 Millionen Exemplaren zu verbreiten? Schon Robert Schumann sagt in seinen Musikalischen Haus- und Lebensregeln: „Schlechte Kompositionen musst du nicht verbreiten, im Gegenteil sie mit aller Kraft unterdrücken helfen“. Aber wahrscheinlich trifft auf mich zu, was er zuvor schreibt: „Spiele, wenn du älter wirst, nichts Modisches. Die Zeit ist kostbar“.

Anton Stingl jun.

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