Das neue Gotteslob-Format

Wer hätte das gedacht? Die Handtaschenindustrie bedankt sich bei den Gotteslob-Machern für einen erhöhten Umsatz. Dank des größeren Buchformats mussten sich die Frauen, die ein neues Gotteslob ihr eigen nennen, neue Handtaschen kaufen, weil das Buch nicht mehr in das alte Kirchentäschchen passte. Spätestens zu Weihnachten hat jetzt jede fleißige Kirchenbesucherin ein neues bekommen. Gotteslob sei Dank!

Die neuen Formate der Orgelbücher machen auch den Organisten zu schaffen. Anstelle der bisherigen drei Orgelbücher für Stammteil, Eigenteil und Anhang, müssen sie jetzt bis zu fünf Bücher hin und her wuchten. Bei den drei neuen Büchern zum Stammteil hat man sich ja allerhand einfallen lassen: Spiralbindung zum Umklappen des Buches und Einhängen von gezahnten Plastikkämmen in verschiedenen Farben. Wie kann man eigentlich die Farben der Spiralen auseinanderhalten? Wie wäre es damit? Weiß ist eigentlich keine Farbe und steht daher für die Nummern der allgemeingültigen Psalmen und der neutralen Messgesänge von 31 bis 216. Rot, die Farbe des Blutes, kennzeichnet die Gesänge des Lebens im Kirchenjahr von 218 bis 499. Leicht zu merken ist Schwarz, denn bei 500 beginnt direkt hinter „Eheleben“ der Abschnitt „Tod und Vollendung“. Die Farben der Kämme zum Vormerken der Lieder kann man nach verschiedenen Gesichtspunkten wählen. Blau zum Beispiel ist die marianische Farbe, grün, die Farbe der Natur, wäre bei „Erde singe“ angebracht und orange als Farbe der geistigen Kraft bei Pfingstliedern.

Wo soll man die vielen Bücher ablegen? Ist Platz für sie im Fach unter der Sitzbank? Wenn es weiter unten angebracht ist, besteht die Gefahr einer Rückenzerrung vom vielen Bücken. Oder man stößt beim Pedalspiel an die reichhaltige Bibliothek. Wenn man ein solches Fach nicht hat, muss man die Bücher auf dem Spieltisch stapeln. Hat man endlich den Farb-Code der Spiralbindungen im Kopf, braucht man nur einen Griff, um den richtigen Band herauszuziehen. Aber wehe, er fällt auf die Tasten, auf denen man ein kräftiges Register-Menü vorbereitet hat!

Zum Glück stehen jetzt alle Orgelsätze in den offiziellen Büchern auf einer Seite, sodass man nicht mehr während des Liedsatzes wenden muss. Nicht so im Orgelbuch der Domorganisten. Dieses Buch kann nur von Akrobaten bedient werden. Sowohl in den Vorspielen als auch zwischen Vorspiel und Liedsatz muss öfters geblättert werden. Wie macht man das nur? In der kurzen Pause mit einer Hand wenden, mit der anderen die Registerkombination ändern? Man kann auch einen Fuß dabei einsetzen. Jedenfalls muss man das Ballett vorher genau einstudieren. Das Format des Buches wurde extra groß gewählt, sodass man auf dem heimischen Scanner keine Kopien machen kann, sondern extra ins Pfarrbüro oder in den Copy-Shop laufen muss. Das Buch hat leider auch keine Spiralbindung. Da taucht ein neues Problem auf. Ist die untere Leiste des Notenpultes tief genug, dass man Domorgelbuch fürs Vorspiel und Normalorgelbuch für den Liedsatz hintereinanderstellen kann? Domorganisten müssen besondere Gedächtniskünstler sein. Denn in ihrem Buch ist nur die erste Liedstrophe abgedruckt; alle weiteren Strophen müssen sie im Kopf haben. Falls immer nur die Strophen eins und zwei gesungen werden, ist das kein Problem. Aber bei dem in manchen Kreisen so beliebten „Strophenpicken“ wird das ziemlich unangenehm, zumal man dann mit der dritten Hand noch den Liedanzeiger zwischen den Strophen bedienen muss. Wie oft denke ich, wäre ich nur evangelisch, dann würde der Küster die Nummern vorher auf einer Tafel aufstecken und ich könnte mich aufs Spielen konzentrieren!

Überhaupt diese Mehrarbeit! Obwohl mein PC die Liedpläne für die Sonntage der vergangenen drei Lesejahre und für die Freitage der zwei Lesejahre gespeichert hat, muss ich jetzt doch Woche für Woche überprüfen, ob das entsprechende Lied noch im neuen GL steht, welche Nummer es jetzt hat, und darf die Nummern ja nicht verwechseln. Wenn das Lied nicht mehr im Stammteil steht, steht es vielleicht im Anhang. Wenn es nicht zu finden ist, welches andere passt? Kann ich ein neues Lied einsetzen, welches kann die Gemeinde schon? Eigentlich müsste man jetzt drei Jahre lang Zulage bekommen. Stattdessen kommen nur Klagen der Gottesdienstbesucher, wenn man manche Lieder im angegebenen Tempo des neuen Orgelbuches und ohne die liebgewonnen Pausen spielt. Anstelle von Werbeartikeln für neue Lieder im Gotteslob zu verfassen, müssten sich die Verantwortlichen um die Leiden der alten Organisten kümmern.

Aber als ich wieder beim Weihnachtsgottesdienst der Werkgemeinschaft spielen durfte und sie durch sämtliche Strophen von „Als ich bei meinen Schafen wacht“ begleiten konnte und die Teilnehmer mir für mein „Noël“ am Schluss Beifall klatschten, war ich doch ganz zufrieden und wünsche diese Zufriedenheit auch meinen Lesern für das Jahr 2015.

Anton Stingl jun.