Man zeige alles, was man kann – 99 Euro (Teil 3)

Seit meinem letzten Beitrag zum Orgelbuch der Domorganisten (99 Euro – Teil 2) boten sich mir erneut verschiedene Gelegenheiten, weitere „Novitäten“ der Domorganisten im Ablauf des Kirchenjahres auszuprobieren. Als wenig aufregend, aber leicht spielbar erwiesen sich die Vorspiele und Sätze zu Nr. 218 Macht hoch die Tür, die Tor macht weit von Ernst Wally (seit 2010 am Stephansdom in Wien) und zu Nr. 243 Es ist ein Ros entsprungen von Clemens Ganz (1985-2001 im Kölner Dom). Einen sehr hübschen Einfall hatte Klemens Schnorr (1998-2012 im Freiburger Münster) bei der Nr. 221 Kündet allen in der Not.

221 Kündet allen in der Not

Um die singende Gemeinde in den richtigen alla-breve-Rhythmus zu versetzen, entwickelte Schnorr aus dem Anfangsmotiv des Liedes einen Schreittanz: kurz, kurz, lang – kurz, kurz, lang. Auch dem Motiv aus der zweiten Liedzeile wird dieser Rhythmus angefügt. Dachte der Komponist dabei an den Text der fünften Strophe: „Tauben öffnet sich das Ohr, wie ein Hirsch die Lahmen springen“? Ma non troppo! Die katholische Gemeinde verträgt keine schnellen Tempi.

Auch Martin Bernreuther (seit 2002 am Eichstädter Dom) greift in Nr. 258 Lobpreiset all zu dieser Zeit auf historische Vorbilder zurück.

258 Lobpreiset all zu dieser Zeit

Das Motiv der dritten Liedzeile wird im zweiten des Vorspiels in Cori-Spezzati-Technik der Venezianischen Mehrchörigkeit von einem hohen zweistimmigen (Frauen-)Chor und einem tiefen (Männer-)Chor abwechselnd vorgetragen. Die kontrapunktischen Künste, derer sich der Autor auch im Liedsatz befleißigt, führen dort aber teilweise zu Ergebnissen, die zwar auf dem Papier schön aussehen, aber doch dem ungeübten Ohr nicht schmecken. Offenbar mutet uns der, „der unser Leben trägt und lenkt“, immer wieder allerhand zu.

Viel chromatisches Gewühle (Anton Stingl sen.) erzeugt Thomas Seyda (seit 1999 an der Jakobuskathedrale in Görlitz) in Nr. 268 Erbarme dich, erbarm dich mein. Im Liedsatz führt ausgerechnet ein Passus duriusculus im Bass „durch die große Güte dein“. Auch das anschließende „Mach rein mich bis zum Herzensgrund“ macht die gleiche schmerzhafte Prozedur durch.

Im Stile von Johann Gottfried Walther komponierte Stefan Schmidt (seit 2005 am Kiliansdom in Würzburg) sein Vorspiel zu Nr. 329 Das ist der Tag, den Gott gemacht.

329 Das ist der Tag, den Gott gemacht

Dem unbeschwerten Musizieren des Vorspiels folgt allerdings ein Liedsatz, in dem jede Menge Zwischendominanten, Durchgangsnoten und Vorhalte eingefügt werden. Aus dem „Es freu sich, was sich freuen kann“ wird ein „Man zeige, was man alles kann“. Wer keine Zeit hat, um das Trio zu üben, und im Liedsatz eine gelöstere Stimmung verbreiten will, versuche es doch mit meiner Bearbeitung von Johann Gottfried Walther.

223 Stingl-Walther: Das ist der Tag, den Gott gemacht
Vorspiel und Satz: Anton Stingl jun. nach dem Choralvorspiel „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr“ von Johann Gottfried Walther

Höhepunkt eines jeden Festtags ist das Lied Großer Gott wir loben dich, das Ignaz Franz nach dem „Te Deum“ gedichtet hat. Obwohl ich noch nie erlebt habe, dass man bei dieser Gelegenheit von den elf Strophen mehr als drei in einem betont langsamem Tempo singt, hält das Orgelbuch der Domorganisten eine kurze Intonation und vier Begleitsätze A–D bereit. Der letzte Begleitsatz in organo pleno-Manier von Franz Josef Stoiber (seit 1996 an St. Peter in Regensburg) mit Cantus-firmus im Pedal erfordert allerdings mehr Vorbereitungszeit, als ich üblicherweise investieren kann. Er wird deshalb auch von den Herausgebern zusätzlich als Postludium empfohlen. Der erste Begleitsatz A mit allerhand Breaks zwischen den Liedzeilen stammt ebenfalls von Franz Josef Stoiber. Im Begleitsatz B zur zweiten Strophe lässt Winfried Bönig (seit 2001 am Kölner Dom) die „Kerubim und Serafinen“ in der Überstimme am Ende zum Himmel (a²) fliegen. Das „Heilig“ der dritten Strophe war Christian Matthias Heiß (ab 1999 am Dom in Eichstädt) fünf gravitätische Stimmen an Stelle von normalen vier Stimmen wert. Man überprüfe einmal die Vergleichsstellen „und bewundert deine Werke“, „alle Engel, die dir dienen“ und „Himmel, Erde, Luft und Meere“ und sehe, ob jeder zu einem dem Text entsprechenden Ergebnis kommt, oder ob alle drei Komponisten nur mit Wasser kochen.

380 Großer Gott, wir loben dich

Allen, denen das zugehörige Vorspiel zu kurz ist, empfehle ich mit dem nachfolgenden Limerick meine eigene Bearbeitung.

Es lebte ein Dichter in Wien,
dem „Großer Gott“ gut war gediehn.
Doch wäre nur, ach,
die Musik von Bach!
Der Wunsch leicht erfüllbar mir schien.

Bach-Stingl: Großer Gott, wir loben dich
Arrangement: Anton Stingl jun. nach Joh. Seb. Bach, Kantate Nr. 147,6