Eierkohlennotation vs. Quadratnotation

Es war für viele einigermaßen enttäuschend, nicht nur für ausgesprochene Gregorianik-Fachleute, als sie das GOTTESLOB 2013 aufschlugen und die Notation der Gregorianischen Gesänge sahen. Die Herausgeber hatten sich weder von den „Eierkohlen“ verabschiedet, noch waren, wie beabsichtigt, die sogenannten Liqueszenzen durch kleineren Druck sichtbar gemacht worden. Die Layouter taten noch ihr Übriges dazu, indem sie in einzelnen Zeilen der Optik wegen widersinnige Leerräume einfügten. Das Ergebnis war, dass auf diese Weise statt eines lebendigen Gregorianischen Chorals das Bild eines langweiligen Cantus planus, eines platten Gesangs, entstand. Gleichzeitig versäumte man es auch, die Ergebnisse der seit über sechzig Jahren bestehenden Forschung in der Semiologie, der Lehre von der Bedeutung der Zeichen, im Notenbild sichtbar zu machen. Wegen der vermeintlichen „Una Sancta“, der heiligen Kirche, wagte man auch nicht, endlich die Töne zu verbessern, die bei der Restauration des Gregorianischen Chorals im 19. Jahrhundert irrtümlicherweise in die Melodien gerieten. Das Druckbild der Gregorianischen Gesänge im GOTTESLOB orientiert sich nach wie vor an der Ausgabe des Graduale von 1908, das bereits im Liber Gradualis von 1883 vorgebildet war. Das sei an zwei Beispielen demonstriert.

1. Kyrie I Lux et origo

Kyrie 01-1_GT
GL 113
Im Notenbeispiel aus GL 113 sieht man deutlich die gewaltigen Leerräume, die den Gesang behindern, und außerdem das zusätzliche Atemzeichen, das notwendig wird, wenn man über diesen Unsinn nachdenken muss. Dass unsere Vorfahren an dieser Stelle nie atmen mussten, sieht man an der Eindeutschung der Wortgruppe Kyrie eleison. Viele deutsche Kirchenlieder, die sogenannten Leisen, enden mit dem Ruf Kyrieleis, der ohne zu stottern gesungen werden kann. Die Unsitte, den Diphthong ei auf zwei Silben zu verteilen, den das Graduale Romanum übernommen hatte, begann bereits im späten Mittelalter. Die Humanisten bewiesen in der Renaissance, dass im griechischen Wort eleison beim Diphthong ei das e zwar als ε geschrieben wird, das i aber als η, das im Neugriechischen wie i ausgesprochen wird. Zur Zeit der ersten Niederschrift des Kyrie Lux et origo im 11. Jahrhundert aber war für die Silbe lei nur eine Neume (Note) vorgesehen.
Kyrie 01-1
In den Neumen der Handschrift aus St. Emmeram in Regensburg, geschrieben von 1031 bis 1037, sieht man ganz deutlich, dass über der Silbe lei nur ein in sich geschlossenes Zeichen steht, das zwei Töne auf gleicher Tonhöhe bedeutet. Diese Art, den Gesang durch Repetition zu intensivieren, ist für den Gregorianischen Choral besonders typisch. Außerdem erkennt man am Ende der Neume eine Öse, die die sogenannte Liqueszenz anzeigt. Sie soll verhindern, dass man die Silbe zu schnell verlässt, was auch der Schlusswirkung am Ende der Zeile zuwider liefe.
Dass im Graduale Romanum darüber hinaus noch eine Note fehlt, sieht man, wenn man das Kyrie mit dem namensgebenden Tropus (Textierung) des Kyrie in der oben genannten Handschrift vergleicht.
Kyrietropus 01-01_k
Man kann deutlich erkennen, dass auch im Kyrie anstelle der drei Töne des sogenannten Climacus im Graduale Romanum über der letzten Silbe von Kyrie vier Töne stehen. Durch die Verdoppelung des zweiten Tones, wird dieser besonders hervorgehoben, was wiederum ein besonderes Merkmal des Gregorianischen Chorals ist. In der Quadratnotation bemerkt man auch, dass der dritte Ton auf der ersten Silbe von Kyrie um eine Stufe von c nach h erniedrigt wurde. Wie schon Cäsar von den Friesen behauptet „Frisia non cantat“ (Die Friesen können nicht singen), hatten die Germanen tatsächlich ein Problem mit den Halbtönen. Sie erhöhten deshalb an allen möglichen Stellen das h zum c, was dem Gesang auf die Dauer die Spannung entzieht, wenn man den Höhepunkt zu früh bringt.

Wie könnte man nun dieses Wissen um den Gesang unserer Vorfahren vor rund tausend Jahren der singenden Gemeinde von heute nahebringen? Die katholische Kirche hat ja diesen Schatz im Gegensatz zur orthodoxen Kirche relativ unversehrt bis heute bewahrt, was vor allem dem Wirken des Benediktinerordens zu verdanken ist. Bei dem heutigen Bestreben, Gott „mit leichten Liedern zu loben“, gerät der anspruchsvollere Gregorianische Choral leider etwas aus dem Blickfeld. Vielleicht könnte eine geeignetere Notation Abhilfe schaffen. Bereits im Jahr 1903 machte das in Regensburg erschienene „Römische Gradualbuch“ den Versuch, die Gesänge im Fünfliniensystem mit Violinschlüssel zu notieren. In der Vorbemerkung wird das so begründet: „Da besonders in Deutschland die meisten Chöre von Jugend auf nur im Lesen des Violinschlüssels und im Treffen der Noten auf Grund der fixen Tonhöhe der Tasteninstrumente (Orgel) geschult sind, so dürften die Schwierigkeiten, welche mancherorts der Einführung und dem Vortrag des Choralgesanges entgegengestanden haben, durch diese Ausgabe beseitigt sein.“ Hat sich 2015 an dieser Situation etwas geändert?
Kyrie 01-1 Pustet
Die Melodie des Kyrie folgt in diesem Gradualbuch der Editio medicaea (1614/15), in der die Gregorianischen Gesänge leider in einer verstümmelten Fassung überliefert wurden. Aber immerhin heißt es in der Anmerkung zu (1): „Die Notengruppe ist auf dem Vokal e zu singen und am Schluss das i beizufügen.“
GL 113_n
Die hier vorgeschlagene Notation versucht, Vorteile und gewisse Nachteile der Quadratnotation mit den wertvollen rhythmischen Angaben der Neumen mit der Notation auf fünf Linien zu vereinigen. Ein Notenhals auf der rechten Seite bedeutet hierbei eine gewisse Verlängerung der Note. Die gezackte Note („Blitz“; Quilisma) weist auf eine Beschleunigung hin. Die gewellte Note („Nachdruck“) wird energisch verbreitert. Die geschwänzte Note (Liqueszenz) zeigt die Verzögerung an. Anstelle von zwei übereinander liegenden Noten zeigt die vertikal gespiegelte obere Note nun eindeutig die Richtung nach oben an (Pes). Zugegeben, das klingt zunächst kompliziert. Aber wenn man einmal die Gesamtgestalt der Melodie im Kopf hat, will man sie nie mehr anders hören und singen.

2. Sanctus I
GT 714,1
GL 115,1
Bei der Übertragung in GL 115 fällt besonders unangenehm auf, wie der Computersatz die übliche Textverteilung der Quadratnotation verändert hat. Während im althergebrachten Handsatz die Neume erst über dem Vokal einer Silbe beginnt, setzt sie der Computer automatisch zentriert über die Silbe. Durch solche vom „Normalen“ abweichenden Eigenschaften wie auch durch die Quadratnotation könnte man den Singenden klarmachen, dass es sich hier um etwas anderes als ein „Lied“ handelt.
GT 714,1-SG
GL 115-n
Für das Sanctus I kann man glücklicherweise auf Neumen zurückgreifen, die noch 100 Jahre älter sind als diejenigen bei Kyrie I; deshalb sehen manche von ihnen in der Wiedergabe auch etwas blass aus. Sie stammen aus dem Versicularium 381 der Stiftsbibliothek St. Gallen und sind um 930 möglicherweise von einem Mönch namens Salomon geschrieben worden. Da dieses Versicularium das sanktgallische Repertoire der im Galluskloster gesungenen liturgischen Gesänge mit Dichtungen u.a. der St. Galler Mönche Notker Balbulus, Tuotilo, Ratpert, Waltram oder Ekkehart I. enthält, zählt es weltweit zu den bedeutendsten Musikdenkmälern des frühen Mittelalters. Wenn man also auf die allerälteste Quelle zurückgreifen möchte, kommt man an dieser Fassung nicht vorbei. Sie hat außerdem den Vorteil, dass nach dem ersten auffordernden Ruf des Kantors die Gemeinde mit derselben Melodie einsetzen kann. Das steht in bewusstem Gegensatz zu jener ideologiebehafteten Meinung, das Sanctus müsste wegen der Formulierung in der vorausgehenden Präfation „una voce dicentes“ (mit einer Stimme singen) ausschließlich von der ganzen Gemeinde gesungen werden. Im Gegensatz dazu ist im Text gemeint, dass wir „vereint mit den Engeln und allen Heiligen“ singen sollen. Dazu müssen nicht immer alle gleichzeitig zugange sein. Am schönsten ist es doch, wenn nach dem letzten Ton der Präfation des Priesters der Kantor oder die Schola einen Ton höher das Sanctus I anstimmen. Leider ist man als Organist heutzutage gezwungen, dem Brauch in evangelischen Gottesdiensten zu folgen und nach der gesprochenen Präfation ohne Intonation mit möglichst lauter Orgelbegleitung die Gemeinde zu „kräftigem“ Singen zu animieren.

Nach dem jüngsten Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts stellte Johannes Röser in „Christ in der Gegenwart“ 12/2015, Seite 128 die Frage: „Gehört das Christentum noch zu Deutschland?“ Genauso könnte man fragen: „Gehört der Gregorianische Choral noch zur katholischen Kirche?“ Wenn wir diese Frage mit Ja beantworten, dann sollten wir alles dafür tun, dass dieser Gesang erhalten bleibt, nicht in einer popularisierten Form, sondern in der Form, wie ihn uns die ältesten Quellen überliefern.

Anton Stingl jun.