Wie hältst du’s mit der Treue?

Bei der Beantwortung dieser Frage kommt man beim GOTTESLOB 213 in schwere Gewissensnöte, wenn man nach einem Kehrvers zum Antwortpsalm des fünften Sonntags der Osterzeit im Lesejahr B sucht. Dieser Vers lautet nach der Einheitsübersetzung im SCHOTT-Messbuch:

Deine Treue, Herr, preise ich in großer Gemeinde. Ps 22(21),26a

Im GOTTESLOB 1975 gab es da keinerlei Probleme, denn der entsprechende Kehrvers zum dritten Teil des Psalms 22(21) war sogar zweimal vertreten, wie ein Blick auf die Nr. 51 im Kantorenbuch zum Gotteslob (Graz/Freiburg 1975) verrät.
Kantorenbuch zum Gotteslob 51 A
Neben der ausnotierten Fassung A der Psalmverse von Heribert Seiffert auf Fis gibt es im Kantorenbuch zum Gotteslob auch eine höhere Fassung auf G mit einem Psalmmodell von Josef Seuffert. Dummerweise haben die Herausgeber aber das falsche Modell erwischt. Denn Modell III 1 gehört zum 1. Psalmton, während der Kehrvers doch im III. Modus steht.
Kantorenbuch zum Gotteslob 51 B
Das Münchener Kantorale von 2003, Lesejahr B, gibt auf Seite 178 unter a den gleichen „Treue“-Vers an, allerdings bei der gewählten Tonhöhe mit der falschen Nummer. Offensichtlich zweifelte man schon damals an der „Treue“ und gab einen zweiten Kehrvers zur Auswahl an.
Münchener Kantorale B 2003 S.178
Im Freiburger Kantorenbuch von 2006, Nr. 53 hatte man bereits so erhebliche Zweifel an der „Treue“, dass man gleich einen ganz andern Kehrvers auserkor.
Freiburger Kantorenbuch 2006 53
Im ersten Vers in der Übersetzung des Münsterschwarzacher Psalters wird das Dilemma mit der „Treue“ sichtbar. Die Einheitsübersetzung scheint hier falsch zu liegen.

Was ist daran falsch?
Hieronymus hatte den Psalter dreimal ins Lateinische übersetzt. Der Vers 26a aus Psalm 22(21) weicht in allen drei Übersetzungen nur wenig voneinander ab.

Psalterium Romanum:
– Apud te laus mihi in ecclesia magna.
Psalterium iuxta Hebraeos und Psalterium Gallicanum (Vulgata):
– Apud te laus mea in ecclesia magna.

Beda Grundl, OSB, Augsburg 1908 übersetzt in „Das Buch der Psalmen nach der Vulgata für das deutsche Volk“ den Vers so: Dir gebührt mein Lob in großer Gemeinde. Ähnlich lautet der Text in der Lutherbibel 1984: Dich will ich preisen in großer Gemeinde und bei Alfons Deissler in „Die Psalmen“ 1986: [Erheben] will ich meinen Lobpreis in großer Gemeinde.
Bereits 1948 scheint man in Rom bemerkt zu haben, dass Hieronymus den Vers falsch übersetzt hatte, und veröffentlichte im Vatikanischen Psalter folgende Fassung des Verses: A te venit laudatio mea in coetu magno. Simon Streicher, OSB überträgt den Vers ins Deutsche: Von dir kommt mein Loblied in großer Versammlung. So übersetzt auch Arnold Maria Goldberg im Neuen Psalmenbuch 1961: Von dir ist mein Preisen in großer Versammlung. Die Münsterschwarzacher Übersetzung 2003 klingt zwar etwas gequält, hat aber im Grunde den gleichen Text: Von dir kommt, dass ich dich preise in großer Gemeinde.
Das GOTTESLOB 2013 ist nun leider vor der revidierten Einheitsübersetzung erschienen. Denn dort erhält der Vers folgende Fassung: Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung. Mit einem hinzugefügten „Herr“ hätte man daraus wunderbar einen passenden Kehrvers machen können. Da dem aber nicht so ist, mussten sich die Kantorenbuchmacher  auf andere Weise behelfen. Die meisten Herausgeber scheinen das Problem mit der „Treue“ erfasst zu haben, und stürzten sich auf „Treue“-lose Kehrverse.
Antwortpsalmen Bonifatius B 36
Bei den Antwortpsalmen von Walter Hirt, Paderborn 2013 ging dieses Vorhaben allerdings gründlich daneben. Denn der vorgesehene Kehrvers GL 36,1 passt nur zum ersten Teil des Psalms, nicht aber zum zweiten Teil ab Vers 22. Die Gotteslobmacher haben deshalb vor diesen Vers ein rätselhaftes Kv gesetzt, uns aber nicht verraten, welcher Kehrvers gemeint ist. Wenigstens hat Hirt das richtige Psalmmodell aus der erweiterten Gemeindepsalmodie von Heinrich Rohr ausgewählt.
Schott-Kantorale 2014 238
Was der neutestamentliche Kehrvers GL 373 im SCHOTT-Kantorale von Heinz-Walter Schmitz, Freiburg 2014 mit dem nachfolgenden alttestamentlichen Psalm zu tun hat, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Zugunsten des Herausgebers nehme ich an, dass ihn die Melodie des Kehrverses, die bei „Halleluja, lasst und singen“ (z.B. GL Freiburg/Rottenburg 796) geklaut wurde, österlich inspiriert hat. Über die falsche Rhythmisierung der Psalmverse kann man nur den Mantel der christlichen Barmherzigkeit ausbreiten. Wenn man aber einmal gehört hat, wie uninformierte Kantoren und Kantorinnen die Verse wiedergeben, wäre es besser, das Buch wäre nie erschienen.
Freiburger Kantorenbuch 2013 53
In der Neuauflage des Freiburger Kantorenbuchs 2013 hat man sich vor dem Problem des Kehrverses einfach gedrückt und zur unveränderten Psalmbearbeitung der alten Auflage einen passenden Halleluja-Ruf gesetzt. In der Neuausgabe ist aber immer noch zu bemängeln, dass die Notation der Psalmverse in Vierteln und Achteln ein doppeltes Tempo gegenüber dem Kehrvers suggeriert, der in Halben und Vierteln notiert ist. Da diese Tatsache im Vorwort nicht erwähnt wird, und Vorworte im Allgemeinen auch nicht gelesen werden, wäre es besser gewesen, man hätte die Notation der Verse dem Kehrvers angepasst. Außerdem ist eine „weiße“ Notation besser zu lesen als eine „schwarze“. Kenner der Alten Musik wissen das.
GL 401
Antwortpsalm.de 401
Als bisher einzige Ausnahme hält die Webseite http://www.antwortpsalm.de mit dem Kehrvers GL 401 der „falschen“ Übersetzung die Treue. Als Alternative wird hier der Kehrvers GL 631,1 angeboten.
GL 631,1
Dieser Kehrvers passt aber weder textlich noch musikalisch zur angebotenen Psalmvertonung. Er gehört, wie die Herausgeber des GOTTESLOB deutlich vermerkt haben, zum Psalmton IXa bzw. Ia, während sich die Psalmmelodie eindeutig im Psalmton VI bewegt.
Wenn „Treue“ nicht mehr gilt und das GOTTESLOB 2013 zwar den Kehrvers Nr. 80 mit dem „Lob in der Gemeinde“ aus Psalm 149,1 anbietet, der aber als Kehrvers zum Antwortpsalm viel zu ausladend ist, bleibt als Auswahlkriterium nur noch „preisen“ übrig. Dieses Wort findet man einzig und allein im Kehrvers Nr. 657,3: Dein Erbarmen, o Herr, will ich in Ewigkeit preisen.
Os-So_5-B (22;657,3)
Der vollständige Antwortpsalm steht unter http://www.neues-kantorenbuch.de zum Download bereit.

Bei allen vorgelegeten Beispielen muss erneut jene Frage gestellt werden, die Matthias Kreuels in seinem Beitrag „Kantor“ im Kirchenmusikalischen Handbuch hgb. von Harald Schützeichel 1991 gestellt hat: „Warum regen sich eigentlich nicht auf breiter Front die schöpferischen Kräfte der Kirchenmusik, um dieser musikalischen Sparte der Kantoren-Gesänge, die zunächst nur auf historische Vorgaben (Psalmton-Modelle, Kirchentöne usw.) zurückgreifen kann, wirklich neue Impulse zu geben?“ Auch die Aufforderung von Johannes Aengenvoort in seiner Einführung zur Edition Kantorenbuch zum Gotteslob 1976 harrt immer noch einer künstlerischen Erfüllung: „Je nach Ausbildungsstand und schöpferischen Fähigkeiten kann der Kantor seine Singweise improvisieren, selbst komponieren, sie von einem Kollegen einrichten lassen oder sie gedruckten Vorlagen entnehmen. Alle Komponisten und Verlage sind durch das Lektionar motiviert, im Schaffen und Herausgeben der Antwortpsalmen miteinander zu wetteifern.“

Anton Stingl jun.