ADORO TE DEVOTE

Gottheit tief verborgen (GL 497)

Adoro – nein, ich will nicht über die „Nah Bei Dir“-Tour des Adoro-Quartetts schreiben, in dem sich vier (erst-)klassische Opernsänger in der Kategorie ‚Crossover‘ vereinigt haben, sondern es geht mir um den Text des ersten Halbverses der eucharistischen Oratio (Gebet) des Thomas von Aquin (1225–1274), das er vermutlich für Papst Urban IV. (1261–1264) geschrieben hat.

Adóro té devóte, látens Déitas,
Quáe sub hís figúris vére látitas :
Tíbi sé cor méum tótum súbiicit,
Quía té contémplans tótum déficit.

Ich bete dich demütig an, verborgene Gottheit,

die du in diesen Gestalten dich wahrhaft verbirgst;
dir sich mein Herz ganz unterwirft,
weil es dich betrachtend ganz seine Kraft verliert.

Auf Bitten des Papstes war Thomas zu jener Zeit damit beschäftigt, die Texte der Fronleichnamsliturgie zu schreiben. In der täglichen missa coram papa (Messe in Anwesenheit des Papstes) in Rom hat vermutlich der Papst die Oratio gesprochen. Unter Gregor X. (1271–1276) diente Thomas als Ministrant in dieser Messe – da gab es keine ‚Minis´ wie heute – und betete selbst seine Oratio. Nicht jedem, der diese Oratio nach der bekannten Melodie (GL 497) singt, dürfte aufgefallen sein, dass der allererste Halbvers drei Anomalien aufweist.

1. Das Gedicht besteht aus vierzehn Distichen (Zweizeiler), bei denen beide Verse aus elf Silben bestehen. In jedem ersten Halbvers gibt es sechs Silben, in jedem zweiten fünf. Der allererste Halbvers besteht allein aus sieben anstatt aus sechs Silben.

2. Die Betonung fällt im ersten Halbvers immer auf die erste, dritte und fünfte Silbe. Im zweiten Halbvers fällt sie auf die erste und dritte Silbe, während die fünfte dann nur halb betont ist. Überall wird in der Versbildung diejenige Silbe betont, die auch in der natürlichen Akzentuierung eine Betonung erfährt. Ausschließlich im ersten Halbvers wäre die zweite, vierte und sechste Silbe betont.


Zur Ausnahme In cruce V. 9 und zu allen anderen Angaben siehe: Robert Wielockx, ADORO TE DEUOTE, Zur Lösung einer alten Crux in: « ANNALES THEOLOGICI » 21, 2007, pp. 101−138.


3. Es war vor dem letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts in einem an die göttliche Person gerichteten Gebet nicht üblich, dass der Betende zu Beginn von sich selber redet.

Ein Lösungsversuch wäre die Tilgung von te, wie sie das kleine Heft « IUBILATE DEO » (Rom 1987) anbietet. Damit handelt man sich aber nur neue Schwierigkeiten ein.

Jubilate Deo

Will man ernstlich Thomas von Aquin solche „Fehler“ zutrauen, der zuvor die Sequenz Lauda Sion Salvatorem und den Hymnus Pange, lingua, gloriosi (GL 494) verfasst hatte?

Robert Wielockx, Professor für Theologie und Philosophie an der päpstlichen Akademie St. Thomas von Aquin in Rom ist es gelungen, das textliche Problem durch ausführliche Recherchen im thomanischen Schrifttum zu lösen. Seinem Vorschlag zufolge hatte der erste Doppelvers ursprünglich folgende Gestalt:

Té devóte láudo, látens véritas,
Té quæ súb his fórmis vére látitas.
Tíbi sé cor méum tótum súbicit,
Quía té contémplans tótum déficit.

Dich lobe ich demütig, verborgene Wahrheit,

dich, der du unter diesen Gestalten wahrhaft verborgen bist.
Dir sich mein Herz ganz unterwirft,
weil es dich betrachtend ganz seine Kraft verliert.

Petronia Steiner (1908−1995) ist in ihrer deutschen Übertragung durch entsprechende Wortwahl den Problemen aus dem Weg gegangen:

Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.
Unter diesem Zeichen bist du wahrhaft hier.
Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.

Wenn man aber die Notation der Melodie im GOTTESLOB 2013 betrachtet, stößt man auf ein neues Problem, das mit den Worten „Rhythmus tief verborgen“ umschrieben werden kann. Im GOTTESLOB 1975 war noch alles klar.

GL 1975

Die Viertelstriche – ob man dort nun atmet oder durchsingt – regeln die kleineren Pausen zwischen den Halbversen, die Halbstriche die größeren Pausen zwischen den Versen. Diese Zeichen entstammen dem Liber Usualis (Buch für den praktischen Gebrauch), das bereits 1896 in Solesmes erschienen war und die Melodie des Adoro te devote überlieferte, die im Stil des mensurierten (taktmäßig gegliederten) „plein-chant musical“ im 17./18. Jh. in Frankreich entstanden ist.

LU 1855

Dem Pes bzw. der Clivis über der fünften bzw. sechsten Silbe des ersten Halbverses folgt auf der folgenden Silbe eine Einzelnote mit einer mora vocis (Verweilen der Stimme). So wird auch das Ende eines jeden Verses markiert. Hier wurde allerdings des Guten zu viel getan. Der Punkt hinter der Note und das Atemzeichen erzeugen zusammen eine übergroße Verlängerung der Gliederungspausen. Die Herausgeber müssen extra darauf hinweisen, dass man im vierten Vers der zweiten und sechsten Strophe nicht atmen darf, weil man sonst mitten im Wort bzw. nach einer Präposition atmen müsste. Diese Schwierigkeiten entstehen im Korrekturvorschlag von Robert Wielockx nicht mehr.


LU: Nil hoc vérbo veritátis vérius bzw. Tótum múndum quit ab ómni scélere.
Wielockx: Nihil veritátis verbo vérius bzw. Totum mundum posset omni scélere.


Wie man die rhythmische Gliederung der Melodie sinnvoll notieren kann, zeigt Flor Peeters im ersten Satz seiner Partita über Adoro te devote op. 76.

Flor Peeters-1Flor Peeters-2

Den Pes auf der dritten Silbe im ersten Halbvers des zweiten Verses im Liber Usualis, der den gleichmäßigen Schlag unterbricht, hat Flor Peeters durch einen Einzelton ersetzt.

Von solchen Überlegungen völlig unberührt haben die Herausgeber des GOTTESLOB 2013 auch hier ihren Kahlschlag der Atemzeichen ungerührt durchgehalten. (Vgl. meinen Beitrag „Atemlos durchs Gotteslob”.)

GL 2013

Die „Eierkohlennotation“ suggeriert leider eine äqualistische (gleichförmige) Ausführung der Melodie, ohne die rhythmische Struktur des Textes zu berücksichtigen.

Das müssen auch die Bearbeiter des Orgelbuchs zum Gotteslob gemerkt haben, als sie sich entschlossen, beim Begleitsatz die „Eierkohlennotation“ aufzugeben und reumütig zur herkömmlichen Notation und zur Untergliederung in Halb- und Ganzverse zurückzukehren.

GO

Unerklärlicherweise wurde im zweiten Vers das Atemzeichen weggelassen, obwohl in der vierten, fünften und siebten Strophe die Satzzeichen unbedingt eine Gliederung verlangen.


bet ich dennoch gläubig: „Du mein Herr und Gott!“ – Du gibst uns das Leben, o lebendig Brot. – stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht.


Beim meinem Notationsvorschlag frei nach Flor Peeters dagegen könnte jeder nach seiner Fasson selig werden, d.h. atmen, wie er es für notwendig hält, aber alle könnten gleichzeitig zum Ende gelangen.

Vorschlag

So und nicht anders hat meine kleine Freitagabend-Gemeinde am 3. Juli, dem Festtag des Hl. Apostels Thomas, gesungen.

Anton Stingl jun.