Ambrosius meets Schumann

Wie geht das? Zwischen den beiden liegen doch fünfzehn Jahrhunderte! Das neue Gotteslob macht es dennoch möglich.

628 O Gott, dein Wille
Gotteslobvideo (GL 628): O Gott, dein Wille schuf die Welt – katholisch.de

Die Gotteslob-Macher haben für den Hymnus im allgemeinen Vesperformular (Nr. 628) einen Text ausgesucht, der den lateinischen Hymnus „Deus, creator omnium“ (Gott, du Schöpfer aller Wesen) zur Vorlage hat. Als sein Dichter gilt Ambrosius, Bischof von Mailand (374-397), von dem u.a. auch der Text von „Veni redemptor gentium“ (Komm, du Heiland aller Welt, Nr. 227) stammt. Außerdem kennt man den Namen vom sogenannten Ambrosianischen Lobgesang „Te Deum laudamus“ (Großer Gott, wir loben dich, Nr. 380), den Ambrosius und sein Schüler Augustinus gemeinsam geschaffen haben sollen. Darüber hinaus gibt es eine eigenständige ambrosianische Liturgie und Kirchenmusik, die heute noch in Mailand praktiziert wird. Ihre Melodien weichen vom gregorianischen Gesang ab. Nach welcher Melodie soll nun der Vesperhymnus von Ambrosius gesungen werden? Für mich wäre es naheliegend, ihn nach der Melodie zu singen, wie „Deus, creator omnium“ heute noch im Gregorianischen Choral gesungen wird.

628 O Gott, dein Wille-LH 181

Ich höre schon die Einwände der Gotteslob-Herausgeber: Die Melodie ist viel zu schwer wegen der vielen Achtel und der phrygischen Tonart. − Gut, dann könnte man ja den Text einer der gregorianischen Hymnus-Melodien unterlegen, die bereits bei den Nummern 230, 269, 368 und 663 im Gotteslob verwendet werden.

628 O Gott, dein Wille-GL 269

Sie wollen keine Doppelbelegungen wie sie im Evangelischen Gesangbuch gang und gäbe sind? − Dann durchforste ich das lateinische Liber Hymnarium (Buch der Hymnen) nach geeigneten syllabischen Melodien, die noch nicht im Gotteslob vertreten sind.

628 O Gott, dein Wille-LH 231
oder:
628 O Gott, dein Wille-LH 398

Sie finden diese Melodien zu langweilig? − Immerhin sind sie stilistisch ziemlich nahe beim Hymnentext von Ambrosius.
So ähnlich dachte wohl auch die Gesangbuchskommission und beschloss deshalb, eine stilistisch ganz andere Melodie zu nehmen. Immerhin singt man auch „Großer Gott, wir loben dich“, dessen Textvorlage im 4. Jahrhundert entstand, nach einer Melodie aus dem 19. Jahrhundert.
Und so kam Robert Schumann (1810-1856) in ein katholisches Gesangbuch, obwohl er erst gegen Ende seines Lebens in größerem Umfang mit geistlicher Musik zu tun hatte. Als er 1850 vom vorwiegend lutherischen Sachsen ins vorwiegend katholische Rheinland kam, nahm er einen Ruf als Musikdirektor in Düsseldorf an. In dieser Eigenschaft dirigierte er Bachs Johannespassion und h-moll-Messe.1852 komponierte er dann seine Missa sacra und das Requiem, deren vollständige Aufführung er allerdings nicht mehr erlebte. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass er bereits vorher einmal in Kontakt mit Kirchenmusik kam, als er 1848 in seinem „Album für die Jugend“ in der ersten Abteilung: Für Kleinere unter der Nr. 4 den evangelischen Choral „Freu dich sehr, o meine Seele“ (EG 524) in eifachem vierstimmigen Satz harmonisierte. In der zweiten Abteilung: Für Erwachsene hat er die Melodie noch einmal als figurierten Choral bearbeitet.
Woher stammt nun aber die Melodie von Schumann zum Lied Nr. 628? Die Antwort wusste Meinrad Walter im Konradsblatt 2015, Nr. 42: Aus den Nachtstücken op. 23, Nr. 4.

Schumann op. 23,4
Emil Giles spielt R Schumann, NACHTSTUCK op 23,4 – YouTube

Sie können die Melodie nicht erkennen? − Dem kann ich abhelfen. Ich schreibe Ihnen die Oberstimme im Violinschlüssel.

Oberstimme

So kann man die Melodie aber nicht singen. Es müssen noch die vielen Pausen getilgt werden, die beim Klavierspiel durch den Pedalgebrauch überbrückt werden.

ohne Pausen

Das ist aber noch die falsche Tonart. Die Melodie im Gotteslob steht doch in G dur. − Dann muss ich sie eben noch transponieren.

G dur

Jetzt kann man die Melodie schon erkennen. Aber die Punktierungen müssen noch verschwinden.

Schumann

Das ist jetzt beinahe die Melodie im Gotteslob. Doch an zwei Stellen hat jemand den Komponisten Robert Schumann mit weiteren Achteln auf dem schwachen Taktteil „verbösert“. War das unbedingt notwendig?

628

„Einfach“ ist die Melodie von Robert Schumann, wie er selber schreibt. Aber ist sie auch dem Text, der auf dem Kirchenvater Ambrosius fußt, angemessen? „Gott, Schöpfer aller Dinge“, „Lobgesang“, „Ehrfurcht“, „Licht des Glaubens“, „Dreifaltigkeit“ sind einige Stichworte aus dem Text, die eigentlich nach einer „stärkeren“ Melodie verlangen. Dem widerspricht doch die aufwärtsgehende Sexte am Anfang, die im Volkslied sentimentalen Situationen vorbehalten ist wie z.B. bei: „In einem kühlen Grunde“, „Mein Schatz hat mich verlassen“, „Müde kehrt ein Wanderer zurück“, oder auch bei „Jetzt fahrn wir übern See“. Die Hinwendung zum Volkslied entspricht jedoch der erklärten Absicht der Herausgeber, in stärkerem Maße als bisher, auch Melodien des 19. Jahrhunderts zu berücksichtigen. Die Suche nach Melodien, die zur selben Zeit wie „O Gott, dein Wille schuf die Welt“ erstanden sind, ergab „Der König siegt, das Banner glänzt“ (299), „Freu dich, erlöste Christenheit“ (337), „Herr, dich loben die Geschöpfe“ (466), „Menschen, die ihr wart verloren“ (245), „O Jesu, all mein Leben bist du“ (377), „Stille Nacht, heilige Nacht“ (249), „Wir weihn der Erde Gaben“ (187).

Schumann op. 23,4-Orgel

Auch wenn das Nachtstück Nr. 4 für Orgel bearbeitet wurde, bleibt immer noch die Frage nach der Angemessenheit offen. Schumann  selbst schreibt in seinen „Musikalischen Haus- und Lebensregeln“: „Mit Süßigkeiten, Back- und Zuckerwerk zieht man keine Kinder zu gesunden Menschen. Wie die leibliche, so muss die geistige Kost einfach und kräfrig sein.“

Anton Stingl jun.