Die Crux mit den Kehrversen

Der Kahlschlag bei den Kehrversen im Gotteslob 1975 war aus musikalischen Gründen sicher berechtigt. Jedoch treten jetzt bei der Zuordnung der Kehrverse zu den entsprechenden Antwortpsalmen nach der Lesung vermehrt Schwierigkeiten auf. Betrachten wir zum Exempel die Antwortpsalmen der Sonntage 2 bis 9 im Lesejahr C. Hier gelingt die Zuordnung der Kehrverse nur in zwei von acht Fällen ohne Probleme, weil es sich bei diesen Kehrversen um Übernahmen aus dem Vorgängerbuch handelt und die Texte jeweils der Vorlage im Lektionar entsprechen.

Kehrverse 1

In einem weiteren Fall ist die Übernahme aus dem Gotteslob 1975 auch möglich, obwohl der Text nicht der Vorlage entspricht: „Gütig und barmherzig ist der Herr, voll Langmut und reich an Güte“ (Ps 103,8). Stattdessen wählte man eine Kompilation der Verse 3 und 4.

Kehrverse 2

In den nächsten zwei Fällen hat sich das Gotteslob 1975 zwar an die Vorlage aus dem Lektionar gehalten, aber die Vertonung des Kehrverses wurde nicht übernommen.

Kehrverse 3

Da es nun nicht wie 1975 zum Gotteslob ein offizielles Kantorenbuch zum Gotteslob gibt, „ohne welches das GOTTESLOB nur halb brauchbar ist“, wie es im Vorwort hieß, muss nun jeder Kantorenbuchherausgeber selber sehen, wie er zurechtkommt. Für den Kehrvers am 2. Sonntag ergab die Suche nach „Psalm 96“ den unbrauchbaren Treffer „Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, denn der Herr ist uns geboren, Halleluja“ (635,6). Die Volltextsuche unter 123 Kehrversen nach dem Wortstamm „künd“ ergab die zwei ebenfalls unbrauchbaren Treffer „Frieden verkündet der Herr seinem Volk. Sein Heil ist nahe“ (633,5) und „Alle wurden erfüllt mit Heiligem Geist und kündeten Gottes große Taten“ (645,5). Das Stichwort „Herrlichkeit“ war ergebnislos, dagegen gab es bei „Herr“ 70 Treffer. Ich habe mich für „Herr, du bist König über alle Welt“ (52,1) entschieden, weil der Text zu Vers 10a passt: „Verkündet bei den Völkern: Der Herr ist König.“ Für den 8. Sonntag ergab die Suche einen Treffer zu „Psalm 92“, doch der Text des 6. Verses „Wie groß sind deine Werke, o Herr, wie tief deine Gedanken“ (51,1) passte nicht zu den restlichen Versen. Die Suche mit „dank“ ergab drei Treffer: „Danket dem Herrn, er hat uns erhöht; Großes hat er an uns getan“ (404), „Danket dem Herrn, denn ewig währt seine Liebe“ (444), „Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig“ (558,1). Ich habe mich für den dritten Treffer entschieden, weil er auch zu „Huld“ in Vers 3 passt.
Bei den Sonntagen 4 bis 6 stand bereits im Gotteslob 1975 kein dem Lektionar entsprechender Kehrvers zur Verfügung.

Kehrverse 4

Auch im Gotteslob 2013 ist in diesen Fällen kein Kehrvers mit dem genauen Text des Lektionars zu finden. Die Suche am 4. Sonntag für „Psalm 71“ ergibt keinen Treffer. Der Alternativ-Text von 615,3 orientiert sich an der Grundhaltung der Verse 1−3. Beim 7. Sonntag findet sich zwar mit „Der Herr ist erhaben, doch er schaut auf die Niedrigen: Ja, seine Rechte hilft mir“ (77,1) ein Kehrvers aus dem entsprechenden Psalm, doch ausgerechnet die Verse 6 und 7 sind im Antwortpsalm ausgelassen. Die Stichworte „singen und spielen“ führen unweigerlich zum einzigen Treffer „Mein Herz ist bereit, o Gott, ich will dir singen und spielen“ (649,5). Der Text aus Jer 17,7 am 6. Sonntag wurde bereits im Gotteslob 1975 durch einen Text vom Anfang des Psalms ersetzt, so auch im Gotteslob 2013.

Kehrverse 5

Es würde sicher den Umfang des Gesangbuchs sprengen, wenn man alle Kehrverse des Lektionars übernehmen würde. Aber es ist doch schade, dass durch den Austausch von Kehrversen der intendierte Zusammenhang zwischen Lesung und Antwortpsalm in vielen Fällen verloren geht. Das sei an zwei der vorgestellten Beispiele gezeigt: 1) 5. Sonntag, 1. Lesung: … Sérafim standen über ihm. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. − Kehrvers: „Vor den Engeln will ich dir singen und spielen, o Herr“. 2) 6. Sonntag, 1. Lesung: … Gesegnet der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. − Kehrvers: „Gesegnet, wer auf den Herrn sich verlässt“. Besonders schade ist es, wenn man am 1. Adventssonntag des Lesejahrs C anstelle des vorgeschriebenen Kehrverses „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele” den zwar teilweise wortgleichen, aber die Richtung doch umkehrenden Vers „Herr, erhebe dich, hilf uns und mach uns frei” (229) verwendet. In seiner Ratlosigkeit setzt das Freiburger Kantorenbuch an dieser Stelle den Kehrvers „Auf, lasst uns jubeln dem Herrn, vor sein Angesicht kommen mit Dank” (141).

Anton Stingl jun.