Falsche Töne – Orgelsätze zum Gotteslob 2013 (2)

Bocksbeutel-neu„Der fränkische Wein wird künftig in einer neu gestalteten Flasche verkauft: Der traditionelle Bocksbeutel ist modernisiert worden, er hat nun weniger Bauchansatz und zeigt mehr Kante als früher.“
Als ich dieser Tage in der Tageszeitung die Bocksbeutel-Meldung las, erinnerte sie mich erneut an mein Problem mit den in Franken beheimateten Tonsetzern des Orgelbuchs zum Gotteslob 2013, über das ich bereits im Februar 2015 einen Beitrag verfasst habe. Die Grundsatzfrage bleibt immer dieselbe: Soll man jedem Gesang seine stilistisch angepasste Begleitung geben oder soll man „mehr Kante als früher zeigen“.

Nehmen wir als Beispiel den Adventshymnus „Gott, heilger Schöpfer aller Stern“ (GL 230), die Verdeutschung des lateinischen Vesperhymnus „Conditor alme siderum“ im IV. Modus. Um den Satz von Karl-Heinz Sauer im neuen Orgelbuch besser vergleichen zu können, wurde der Satz aus dem Orgelbuch zum Gotteslob 1975 von Peter Planyavsky um einen halben Ton nach unten transponiert.

230 Gott, heilger Schöpfer-Sauer

230 Gott, heilger Schöpfer-Planyavsky

Beim Anspielen des Satzes von Sauer fallen gleich die rot markierten Melodietöne auf, die unerwartete Dissonanzen zu anderen Stimmen des Satzes bilden: bei „aller“ eine kleine None zum Tenor, bei „sind“ und bei „Jesus“ eine große None zum Bass, bei „geworden“ eine große Septime zum Bass. Die letztere ist am ehesten zu ertragen, weil sich in der Folge der Bass zum Finalton hin bewegt. Bei den Nonen allerdings stellen sich bei mir die Haare. Sind diese Dissonanzen wirklich notwendig? Wenn man die Sätze aus den beiden Orgelbüchern näher vergleicht, stellen sich erstaunliche Gemeinsamkeiten heraus. Der erste Abschnitt ist bis auf die Stelle mit der Dissonanz gleich. Planyavsky schiebt hier einen Akkord ein, um die Dissonanz zu vermeiden. Der zweite Abschnitt zeigt keine Gemeinsamkeiten. Sauer endet auf D dur, Planyavski auf h moll. Im dritten Abschnitt haben beide den h moll-Akkord bei „erkennen“ und bei „Christ“ gemeinsam. Im letzten Abschnitt beschränkt sich die Gemeinsamkeit auf den Schlussakkord. Offenbar ist der neue Satz auch nicht ganz neu. Es ist deshalb zu fragen: Braucht dieser Hymnus einen neuen Satz mit „mehr Kante“, oder soll die Begleitung möglichst unauffällig dem gregorianischen Hymnus als Stütze dienen?

204 Christe, du Lamm Gottes-Frede

204 Christe, du Lamm Gottes-Kugler

Bei „Christe, du Lamm Gottes“ (GL 204) ist es die Schlichtheit des Satzes von Gregor Frede, die der Melodie nicht gerecht wird. Die Harmonisierung der beiden Zeilen ist fast völlig gleich. Es werden nur manchmal die Lagen gewechselt. Die Begleitung des Kantors kann ohne Veränderung des Satzes nur mit Pedal erfolgen, was einen aufwändigen Registerwechsel zu Beginn der Gemeindebegleitung erfordert. Im Satz aus dem Orgelbuch zum Gotteslob 1975 gab sich Harald Kugler jedenfalls mehr Mühe. Die beiden Zeilen sind bis auf das Zeilenende unterschiedlich gestaltet, die Begleitung spielt die Melodie des Kantors mit, was für diesen sehr hilfreich sein kann und das Pedal ist für die Gemeindebegleitung reserviert.

208 Christe du Lamm Gottes-Frede

Auch bei „Christe, du Lamm Gottes“ (GL 208) stand Gregor Frede offenbar unter dem Diktat des Töne-Sparens. Egal, welche Wörter zu den Viertelnoten der Melodie gehören, es durfte in der Begleitung nur eine halbe Note für zwei Viertelnoten verwendet werden. Dabei entstanden im Abschnitt „der du trägst die Schuld der Welt“ ziemlich hässliche Dissonanzen. In der zweiten Zeile gipfelt das Töne-Sparen im vollkommenen Recycling der Akkorde der ersten Zeile. Lediglich der andersartige Rhythmus bei „Gib uns“ wurde berücksichtigt. Bei „Amen“ griff Frede auf die Akkorde vom Anfang des Liedes zurück. Wird eine solche „Sparpolitik“ des Jahres 2013 dem Charakter des Liedes von 1528 gerecht? Das Braunschweiger Agnus gehört seit jener Zeit zum festen Bestandteil der lutherischen Abendmahlsliturgie. Glücklicherweise hat bereits 90 Jahre nach Entstehung der Melodie der Komponist, Organist, Hofkapellmeister und Gelehrte Michael Praetorius dazu einen Satz geschrieben, den er im fünften Teil seiner „Musae Sioniae“ 1507 veröffentlicht hat.

208 Christe du Lamm Gottes-Prätorius

Bocksbeutel-altDer Satz ist ursprünglich für Chor geschrieben, aber auch auf der Orgel spielbar. Tonwiederholungen werden dabei durch halbe Noten ersetzt. Alle drei Zeilen sind unterschiedlich harmonisiert, und zu jeder Viertelnote gehört ein neuer Akkord. Ein Satz in dieser Art ist diesem Lied, dessen Melodiemodell von Martin Luther stammt, angemessener als der Muckefuck-Satz von Frede. Mir scheint, man muss mit neuen Formen vorsichtig umgehen. Der traditionelle Bocksbeutel war in seiner typischen Form gut zu erkennen. In erster Linie kommt es doch auf den Inhalt an.

Anton Stingl jun.