Alternativen

Als ich unlängst  als Organist ein Seelenamt zu begleiten hatte, bemerkte ich bei dem Lied „O Welt, ich muss dich lassen“ (Nr. 510) mit seiner schönen Melodie nach „Innsbruck, ich muss dich lassen“ von Heinrich Isaac den Hinweis auf die Alternativmelodie „Nun ruhen alle Wälder“ (Nr. 101). Das kam mir doch sehr merkwürdig vor, denn die Alternativmelodie ist lediglich eine melodisch und rhythmisch etwas andere Version des Innsbruck-Liedes. Außerdem stand das Lied „O Welt, ich muss dich lassen“ bereits 1975 ohne irgendeinen Hinweis im Vorgängerbuch (Nr. 659). Zuerst dachte ich, man wollte mit diesem Hinweis das ökumenische Singen erleichtern. Im Evangelischen Gesangbuch (EG) steht aber eine rhythmisch wieder andere Fassung der Innsbruck-Melodie, die auch noch bei sechs weiteren Chorälen verwendet wird. Wenn es schon nicht möglich war, sich auf eine einheitliche evangelisch-katholische Melodiefassung zu verständigen, dann hätte man wenigstens eine einheitliche katholische Fassung abdrucken können, ohne bei „Nun ruhen alle Wälder“ auf die uralte Einheitsfassung von 1947 zurückzugreifen. Übrigens steht bei „O heilge Seelenspeise“ (Nr. 213) derselbe Alternativvorschlag wie oben. Auch dieses Lied stand bereits im Gotteslob 1975 (Nr. 503). Da ich in meinem letzten Beitrag im Februar 2016 bei „Licht, das uns erschien“ (Nr. 159) mit der Alternativmelodie „Tau aus Himmelshöhn“ (Nr. 158) bereits über diese Erscheinung geschrieben hatte, wurde ich neugierig. Gibt es noch mehr solcher Alternativ-Fälle? Ich fand insgesamt 15.

Bei „Ich steh an deiner Krippe hier“ (Nr. 256) konnte ich mir den Verweis auf die Alternativmelodie: „Lobpreiset all zu dieser Zeit“ (Nr. 258) leicht erklären. Mit dieser Melodie, die von Martin Luther stammt, stand das Lied schon im Gotteslob 1975 (Nr. 141). Das EG verzeichnet die Melodie bei dem endzeitlichen Text „Es ist gewisslich an der Zeit“ (Nr. 149). Bei „Ich steh an deiner Krippe hier“ sollte man unbedingt nicht die Gelegenheit verpassen, gemeinsam mit den evangelischen Christen das Lied nach der der volkstümlich gewordenen Melodie von Johann Sebastian Bach zu singen.

Schwierig ist die Situation bei „Der du die Zeit in Händen hast“ (Nr. 257) mit dem Text von Jochen Klepper und der Melodie von Sigfried Reda. Hier wird auf die Alternativmelodie „Dein Lob, Herr, ruft der Himmel aus“ (Nr. 381) verwiesen.

257-GL381Da die Melodie von Reda auch den Herausgebern des EG offenbar nicht ganz geheuer war (Nr. 64), verweist man dort ebenfalls auf eine andere Melodie: „Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn“ (Nr. 363). Es ist der „Lindenschmidton“, die Melodie einer alten Mordballade.

257-EG363Die Gesangbuchkommission hat sich leider selbst ein Bein gestellt, als sie dem Liedtext „O Herz des Königs aller Welt“ die Melodie von „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ (Nr. 369) zuordnete. Denn jetzt stand für „Der du die Zeit in Händen hast“ die andere Melodie von Christoph Hecyrus 1581 in der Bearbeitung von Erhard Quack 1941 aus dem alten Gotteslob (Nr. 549) nicht mehr zur Verfügung.

257-GLalt549Wie gesagt, ein schwieriger Fall! Die Melodie „Dein Lob, Herr, ruft der Himmel aus“ im wiegenden 6/4-Takt in Verbindung mit der Dur-Tonart trifft den Charakter des Kleppertextes überhaupt nicht. Die andern beiden Melodien, der Lindenschmidton und Hecyrus/Quack, kommen mit ihrer dorischen Tonart dem Text schon viel näher, stehen aber nicht im Buch. Die Melodie von Reda im tröstlichen F dur weist leider in den den beiden letzten Zeilen mit Sequenz und Melodiesprüngen erhebliche Mängel auf. Warum nur hat Jochen Klepper für sein Gedicht eine so seltene Form gewählt, dass man für die einmalige Verwendung am Jahresschluss keine bekannte Melodie finden kann?

Ganz klar ist die Angelegenheit bei „Selig, wem Christus auf dem Weg begegnet“ (Nr. 275) mit der Alternativmelodie „Dank sei dir, Vater“ (Nr. 484).

275-GL484
Wem die lustige französische Melodie zu frivol erscheint, der nehme die ernstere deutsche Melodie von Johann Crüger, die man schon aus dem alten Gotteslob kennt (Nr. 634). Der Rhythmus ist – bis auf den Schluss – in beiden Melodien derselbe.

Einen eigenen Ort für Lieder, die der Dreifaltigkeit gewidmet sind, gab es im bisherigen Gotteslob nicht. Jetzt sind zu diesem Thema am Beginn des Abschnitts „Leben“ vier Lieder versammelt, von denen nur „Gott ist dreifaltig einer“ (Nr. 354) im Vorgängerbuch stand. Auch der Text von „Wir glauben Gott im höchsten Thron“ (Nr. 355) war dort schon abgedruckt, aber mit einer anderen Melodie. Bei „Erhabene Dreifaltigkeit“ (Nr. 353) findet man wieder den Hinweis auf eine Alternativmelodie: „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“ (Nr. 147).

353-GL147„Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“ ist bereits aus dem vorigen Gotteslob bekannt (Nr. 516). Vielleicht war die trinitarische Doxologie in der letzten Strophe der Anlass für die Empfehlung, „Erhabene Dreifaltigkeit“ auf diese Melodie zu singen. Doch diese Empfehlung führt leider zu falschen Betonungen. Wo die Melodie „Herr Jesu Christ“ und „mit Lieb und Gnad“ richtigerweise auf der letzten Silbe betont, geht das bei „Erhabene“ und „unendliches“ leider schief. Wenn schon der Text, der nach dem lateinischen Hymnus „Adesto, sancta Trinitas“ entstanden ist, aus der Zeit vor dem 10. Jahrhundert stammt, sollte man auch eine Melodie aus dem Gregorianischen Choral auswählen, der ebenfalls in diese Zeit gehört. Es bietet sich die Melodie des Hymnus „Adesto, rerum conditor“ an (Liber hymnarius, S. 235) an, die bei „Du Sonne der Gerechtigkeit“ (Nr. 269) auch im Gotteslob vertreten ist. Ich habe sie aus den Tiefen der österlichen Bußzeit (Finalis e) in das helle Licht „des Himmels“ transponiert (Finalis g). Auch hier endet das Alternativlied mit einem trinitarischen Lobpreis.

353-GL269Im nächsten Lied „Herr, nimm auch uns zum Tabor mit“ (Nr. 363) versucht uns der Textdichter Peter Gerloff ernsthaft beizubringen, dass sich „Herren“ auf „verklären“ reimt. Selbst wenn es nicht beabsichtigt ist – alle anderen Reimpaare sind sauber – kommt es aber so rüber. Vermutlich wegen der Melodiesprünge, insbesondere wegen des Oktavsprungs am Ende, wird als Alternativmelodie „Gelobt seist du, Herr Jesus Christ“ (Nr. 375) angegeben, das bereits im Vorgängerbuch stand (Nr. 560).

363-GL375Dabei tritt ein eklatanter Unterschied zu Tage. Die Originalmelodie von Richard Mailänder weist einen durchgehenden 3/2-Takt auf. Dagegen hat Josef Venantius von Wöß in den beiden ersten Teilen seiner Melodie einen 2/2-Takt und erst im letzten Teil einen 3/2-Takt verwendet. Wenn man über die Betonungslage im Anfangsteil der beiden ersten Zeilen streiten kann, so ist sicher, dass am Ende der Zeilen die Betonung von „zeigen“ bzw. aufsteigen“ auf der 2 im 3/2-Takt bei Mailänder seltsam anmutet.

Die beiden nächsten Einträge sind eigentlich eine Schande für ein katholisches Gesangbuch. „Preise, Zunge, das Geheimnis“ (Nr. 493) und „Pange, lingua, gloriosi“ (Nr. 494) sollen alternativ statt auf die gregorianische Melodie nach der schlichten Weise von „Sakrament der Liebe Gottes“ (Nr. 495) gesungen werden. An dieser Stelle muss unbedingt an die Liturgiekonstitution erinnert werden, die im Artikel 116 sagt: „Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang“. Bei den wenigen gregorianischen Melodien im Gotteslob sollte man gerade bei der Fronleichnamssequenz des Thomas von Aquin die schon im Vorgängerbuch enthaltenen Melodien (Nr. 543–544) nicht zur Disposition stellen.

Über die schwache Melodie von „Nun sich das Herz von allem löste“ (Nr. 509) mit der dem Text geradezu auf den Leib geschneiderten Alternativmelodie „Was uns die Erde Gutes spendet“ (Nr. 186) habe ich bereits im November 2013 geschrieben.

Den Beschluss bildet eine Reihe von ambrosianischen Hymnen. Ihre Strophen haben vier Verse mit einer gleichbleibenden Zahl von Silben im jambischen Metrum. Die Melodien sind also untereinander beliebig austauschbar. Jeder Hymnus endet mit einer Strophe, mit der der dreifaltige Gott geehrt wird. Bei „Christus, du Licht vom wahren Licht“ (Nr. 546) wird als Alternativmelodie „Du Sonne der Gerechtigkeit“ (Nr. 269) vorgeschlagen.

546-GL269Die gregorianische Melodie passt sichtlich besser zu einem Text, dessen Entstehung auf das 8. Jahrhundert zurückgeht, als die ursprüngliche, die hier auch überhaupt nicht authentisch ist, sondern bereits bei „Ihr Christen, hoch erfreuet euch!“ (Nr. 339) am Himmelfahrtstag „verbraucht“ wurde.

Beim Hymnus „Du Licht des Himmels, großer Gott“ (Nr. 615) wird zum Austausch die vorige Melodie (Nr. 546) vorgeschlagen, womit wir wieder schlussendlich bei der Melodie von Nr. 269 landen.

Zum Adventshymnus „Hört eine helle Stimme ruft“ (Nr. 621) hat Christian Dostal versucht, eine neue Hymnenmelodie zu erfinden. Die Gesangbuchkommission konnte offenbar von der Melodie nicht sagen: „Ein neuer Stern geht strahlend auf“ und schlug deshalb als Alternativmelodie „Gott, heilger Schöpfer aller Stern“ (Nr. 230) vor. Diese Melodie war auch im Gotteslob 1975 beim Eigenteil Freiburg/Rottenburg für diesen Adventshymnus vorgesehen (Nr. 801). In der Adventszeit wird die Melodie auch zum Hymnus der lateinischen Vesper gesungen

Das letzte Fundstück meiner Sammlung von Alternativmelodien ist der Hymnus der Vesper an Marienfesten „Du große Herrin, schönste Frau“ (Nr. 648), bei dem ersatzweise „Gott, aller Schöpfung heilger Herr“ (Nr. 539) vorgeschlagen wird.

648-GL539Die Melodie von Loys Bourgois (1551) gehört seit langer Zeit zu ausgesprochenen Engel-Texten. Im EG wird die Melodie zu „Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit (Nr. 300), gesungen. Der Text dieses Liedes ist nach Psalm 134 geformt, dem letzten der sogenannten Wallfahrtslieder zum Tempel in Jerusalem. Sowohl die in katholischem Gebrauch wie auch in evangelischem Gebrauch stehende Melodie sind für ihren jeweiligen Zweck so gebunden, dass sie für eine Übertragung auf den Marien-Hymnus nicht infrage kommen. Auch die im Gotteslob vorhandenen gregorianischen Hymnusmelodien (230, 269, 368, 663) sollte man dafür eigentlich nicht verwenden. Das lateinische Original „O gloriosa Domina“ (Liber hymnarius, S. 257) besitzt eine schöne gregorianische Melodie, die aber für den Gemeindegesang nicht geeignet ist. Ich habe mir erlaubt, die Melodie unter Beibehaltung der Kerntöne zu vereinfachen.

648-LH257Diese Melodie lässt jedenfalls mehr von dem spüren, was die Taube dem Hl. Gregor ins Ohr geflüstert hat, als die Melodie des Stadt- und Amtsschreibers Paschasius Reinigius vom Ende des 16. Jahrhundert. Ein Hymnus aus dem 7.–8. Jahrhundert verdient eine Melodie aus dem unerschöpflichen Schatz des Gregorianischen Chorals.

Die zur Diskussion stehenden Melodien sind nach diesem Befund nicht „alternativlos“. Die Herausgeber waren in vielen Fällen gut beraten, eine Alternative anzugeben. Ob diese Alternative dann die richtige Wahl war, musste ich verschiedentlich infrage stellen. In 50 Jahren wird man sich dann wieder damit befassen müssen.