O Licht der wunderbaren Nacht

Überlegungen zu einem stilgerechten Liedsatz

Als in der Architektur gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Klassizismus den Barock ablöste und unter der Bezeichnung Historismus sich auf den Formenkanon des griechischen Tempelbaus und auf die italienische Frührenaissance besann, stellte 1828 Heinrich Hübsch seine berühmte Frage: „In welchem Style sollen wir bauen?“  Diese Frage lässt sich in leicht veränderter Form auch für Liedsätze formulieren. Stellen wir sie konkret für das Lied „O Licht der wunderbaren Nacht“ (GL 334). In welchem Stil soll der Tonsatz für ein Lied komponiert werden, dessen Melodie von 1390 stammt? Soll der Satz stilistisch möglichst nahe bei der Entstehungszeit der Melodie liegen, oder sollen alle harmonischen Errungenschaften der letzten sechs Jahrhunderte zugelassen werden, was man dann als „Stil der Stillosigkeit“ bezeichnen könnte?  Mancher wird vermutlich dagegen einwenden: „Die Geschmäcker, sagt der Bäcker, sind verschieden“. Deshalb soll anhand des Dominantseptakkords (D7), den es anno 1390 garantiert noch nicht gab, der Grad der „Stillosigkeit“ in einer Skala von 0 bis 12 gemessen werden.

Beginnen wir mit dem Satz des Regionalkantors Rainer Aberle aus Schweinfurt im offiziellen Orgelbuch zum Gotteslob.

Satz Aberle

Aberle greift gleich zwölfmal zum Dominantseptakkord und dessen Umkehrungen. Dreimal taucht die Septime sogar in der Melodie auf. Ansonsten gibt es noch an anderen Stellen stilistische Verirrungen. Bei 1), 2) und 4) entstehen harte Dissonanzen. Während sie aber an diesen drei Stellen vorbereitet und aufgelöst werden, springt der dissonante Klang bei 3) sofort in den nächsten Dominantseptakkord.

Ob die Sätze im offiziellen Orgelbuch als zu schwer empfunden werden oder die stilistische Richtung nicht passt, jedenfalls sind Internet-Portale entstanden, bei denen man Orgelsätze herunterladen kann, so z.B. den Satz von Johannes Brinkmann im Online-Orgelbuch zum Gotteslob (orgelbuch.jimdo.com).

Satz Brinkmann-01

Da man hier fairerweise wegen der Wiederholung das erste System doppelt zählen muss, kommt man auf insgesamt elf Dominantseptakkorde einschließlich der Umkehrungen, darunter einen mit der Septime in der Melodie. Die relativ häufigen Achteldurchgänge erinnern etwas an die drei Choräle, die Johann Sebastian Bach zur Melodie „Es ist das Heil uns kommen her“ geschrieben hat. Die Melodie dieses Chorals stimmt bis auf die Töne 8 bis 4 vor Schluss mit der Melodie von „O Licht der wunderbaren Nacht“ überein. Doch Bach hätte einige Stellen bestimmt anders als Brinkmann vertont. Die Quartsextakkorde bei 1), 2) und 6) gehören nicht zu Bachs Stil, ebenso wenig wie die Sprünge in drei Stimmen zum Akkord bei 3). Die Wiederkehr des D-Dur-Dreiklangs bei 4) zeugt in diesem Stil von wenig Kreativität. Bei 5) stören der Sprung im Tenor und der dadurch entstehende Querstand.

Die Domorganisten der deutschsprachigen Bistümer in Deutschland, Österreich und Südtirol haben ein Orgelbuch herausgegeben, das anspruchsvolle Intonationen und Vorspiele zu ausgewählten Liedern des Gotteslobs enthält. Zu jedem Lied wird auch jeweils ein Begleitsatz geboten. Winfried Bönig (* 1959), Domorganist in Köln und einer der Herausgeber, hat Vorspiel und Liedsatz zu „O Licht der wunderbaren Nacht“ komponiert.

Satz Bönig

Bönig verwendet mit sechs nur halb so viele Dominantseptakkorde wie der Spitzenreiter Aberle und davon nur einen mit der Septime in der Melodie. Dazu kommen nur noch bei 1) ein Mollseptakkord und bei 2) ein verminderter Septakkord.

In einem weiteren Internet-Portal (orgelbuch.wordpress.com) findet man den Satz von Herbert Voß (1922−2006), dem ehemaligen Aachener Domorganisten.

Satz Voß-01

Voß kommt zwar mit nur vier Dominantseptakkorden aus und vermeidet dabei sogar die Sept in der Melodie, dafür steuert er aber noch einiges aus seiner domorganistischen Trickkiste bei. Das ist zunächst bei 1) ein Durdreiklang mit großer Septim, nach der die Harmonie leider wieder zum vorigen A-Dur zurückkehrt. Bei 2) wird das kommende kirchentonale „c“ der Melodie durch einen überraschenden Terzquartakkord vorbereitet. Bei 3) entsteht eine unmotivierte hässliche Dissonanz. Anschließend wird man bei 4) durch eine Mollsubdominante mit großer Septime überrascht. Bei 5) führt ein verminderter Septakkord nach fis-Moll. Bei 6) hört man den von 1) bekannt Durdreiklang mit großer Septime. Bei 7) erkennt man dieselbe Konstellation wie bei 5). Bei 8) taucht der dritte Durdreiklang mit großer Septime auf, die dieses Mal sogar in der Melodie liegt. Für 9) hat sich Voß einen verkürzten Nonenakkord aufgehoben. Trotz Zurückhaltung bei den Dominantseptakkorden ist der Satz doch voll von Klängen, die weit entfernt sind von der Entstehungszeit der Melodie.

Zeitlich viel näher an der Melodie war Hans Leo Hassler (1564-1612), der in den „Kirchengesäng“ (Nürnberg 1608) die Melodie von „Es ist das Heil uns kommen her“ bearbeitet hat. Da – wie oben schon erwähnt – der Schluss dieses Lieds eine andere Melodie hat, habe ich im letzten Teil die Melodie ersetzt und die Akkorde ergänzt.

Satz Hassler

Obwohl Hassler z.B. in seinem Alternatim-Satz „Ave maris stella“ einen durch Vorhalt entstandenen Septakkord schreibt, verwendet er im einfachen Choralsatz keinen einzigen Dominantseptakkord – auch die Auswahl aus dem Akkordvorrat hält sich in engen Grenzen. An zwei Stellen hat Hassler durch geschickte Führung des Tenors Oktavparallelen umgangen. Wäre ein solcher Satz für unser Empfinden recht schlicht oder schlicht recht?

Anton Stingl jun.

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