Nicht weltlich, sondern geistlich

GL 465

Das Jahr hat zu dem Zeitpunkt, an dem der vorliegende Beitrag veröffentlicht wird, bereits seinen Höhepunkt überschritten. Seit dem 24. Juni, dem Fest der Geburt Johannes des Täufers, werden die Tage wieder kürzer, bis sie ein halbes Jahr später ab dem 24. Dezember, dem Fest der Geburt des Herrn, wieder länger werden. Diese Hoffnung auf Christus, die Sonne unsres Heil (Laudeshymnus), kommt im Text des Liedes Das Jahr steht auf der Höhe (GL 465) leider nicht zum Ausdruck. Der Dichter sieht im Schwinden der Sonne eine Parallele zum Sterben des Menschen, der so zu Gott findet und durch Gott aufersteht. Zum Textanfang gibt es von Johen Klepper (1938) eine ähnliche Formulierung Der Tag ist seiner Höhe nah im Eigenteil Freiburg/Rottenburg-Stuttgart (GL 708). Der Ausgangspunkt seiner Betrachtungen ist das Gebet zum Mittagsmahl.

Den Text des Mittsommerliedes dichtete 1978 der evangelische Pfarrer Detlev Block (*1934) auf eine Melodie, die Johannes Steurlein für den weltlichen Text „Mit Lieb bin ich umfangen“ schrieb, zu der er auch einen Chorsatz verfasste. Er wird von vielen Chören gern gesungen.

Mit Lieb bin ich umfangen

  1. Wie soll ich von dir lassen, / es kost mir meinen Leib, / dazu zwingt mich ohnmaßen, / dass ich nit von dir scheid. / Dir hab‘ ich mich ergeben / in rechter Stetigkeit, / dieweil ich hab‘ das Leben, / Herzlieb, nit von mir scheid!

Der aufmerksame Leser wird an dieser Stelle bemerken, dass sich die Melodie von GL 465 an zahlreichen Stellen von der Steurleinschen Originalmelodie unterscheidet.

Für den evangelischen Bereich dichtete zu dieser Melodie bereits 1606 Martin Behm frei nach dem Ausspruch von Martin Luther, dass man „die schöne Musik nicht dem Teufel überlassen sollte“, das geistliche Frühlingslied Wie lieblich ist der Maien.

EG 501

Dieses Lied mit fast denselben melodischen Veränderungen wie im GL ist im evangelischen Kirchengesang seit den 1950er Jahren bekannt und bereits im ersten Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG 370) – dort noch in B dur – und im aktuellen Evangelischen Gesangbuch (EG 501) abgedruckt.

Was sind nun im Einzelnen die Veränderungen, die ein unbekannter Bearbeiter an Steurleins Melodie vorgenommen hat?

Vergleich

Zunächst wurde in jeder Zeile eine Reihe von Achteln durch punktierte Viertel ersetzt. Doch mit dieser Maßnahme geriet der Bearbeiter vom Regen in die Traufe. Die „Schule der Geläufigkeit“ wechselte ins Trainingslager „Rhythmus“. Wer einmal eine Gemeinde bei Segne du, Maria (GL 535) beobachtet hat, wie sie die punktierten Rhythmen nach der Gesangbuchnotation zu singen versuchte, weiß, wovon ich spreche. Mit dem Rhythmus wurde auch die Melodie verändert. Dass die beiden Sechzehntel in der zweiten Zeile für die Gemeinde ein Problem darstellen, steht außer Zweifel. Dass man aber deshalb in diesem Takt die Melodie so verändern musste, dass auch die Betonungen verschoben werden, ist nicht einzusehen. Aus Durchgangsnoten werden Hauptnoten und umgekehrt. In der dritten Zeile hatte der Bearbeiter offensichtlich Scheu vor einer wörtlichen Reprise der ersten Zeile. Man beachte auch den katholisch-evangelischen Konflikt zu Beginn der zweiten Zeile. Während das EG den originalen Ton h von Steurlein beibehält, verwendet das GL an dieser Stelle den Grundton, was in der ersten Strophe bei Herr, zwischen Blühn und in der dritten Strophe bei Gib, eh die Sonne schwindet eine ungebührlich starke Betonung auf weniger wichtigen Wörtern nach sich zieht.

Dass man einen geistlichen Text auch auf die Originalmelodie mit dem Originalsatz von Steurlein singen kann, beweist im Regionalteil Württemberg (EG 602) die Liedparaphrase über den Psalm 104 Auf, Seele, Gott zu loben von Martha Müller-Zitzke (1947).

Auf, Seele, Gott zu loben-original

Das ist zunächst die Originalmelodie mit dem Originalsatz, die aber an der Stelle mit den Sechzehnteln bei entsprechendem flüssigem Tempo für die Gemeinde nicht zu schaffen ist. Deshalb hält EG 602 folgende Lösung bereit:

Auf, Seele, Gott zu loben-fast original

  1. Gott hat das Licht entzündet, / er schuf des Himmels Heer. / Das Erdreich ward gegründet, / gesondert Berg und Meer. / Die küh­len Brunnen quellen / im jauchzend grünen Grund, / die klaren Wasser schnellen / aus Schlucht und Bergesrund.
  2. Vom Tau die Gräser blinken, / im Wald die Quelle quillt, / daraus die Tiere trinken, / die Vögel und das Wild. / Die Vögel in den Zweigen / lobsingen ihm in Ruh, / und alle Bäume neigen / ihm ihre Früchte zu.
  3. Gott lasset Saaten werden / zur Nahrung Mensch und Vieh. / Er bringet aus der Erden / das Brot und sättigt sie. / Er sparet nicht an Güte, / die Herzen zu erfreun. / Er schenkt die Zeit der Blüte, / gibt Früchte, Öl und Wein.
  4. Der Wald hat ihn erschauet / und steht in Schmuck und Zier. / Gott hat den Berg gebauet / zur Zuflucht dem Getier. / Das Jahr danach zu teilen, / hat er den Mond gemacht. I Er läßt die Sonne eilen / und gibt den Trost der Nacht.
  5. Den Menschen heißt am Morgen / er an das Tagwerk gehn, / läßt ihn in Plag und Sorgen / das Werk der Allmacht sehn. / Er ist der treue Hüter, / wacht über Meer und Land, / die Erd ist voll der Güter / und Gaben seiner Hand.
  6. Laß dir das Lied gefallen. / Mein Herz in Freuden steht. / Dein Loblied soll erschallen, / solang mein Odem geht. / Du tilgst des Sünders Fehle / und bist mit Gnade nah. / Lob Gott, o meine Seele, / sing ihm Halleluja.

In dem fraglichen Takt sind die beiden Sechzehntel gekappt, das fehlende e liefert die Altstimme als Achtel nach. Im Übrigen lässt sich der Satz von Steurlein leicht auf Gitarrenakkorde übertragen, ohne dass man wie in EG 501 zu fremden Akkorden wie Cadd9 und Am greifen muss.

Martha Müller-Zitzke zitiert in Strophe 7 ihrer Reimfassung des Psalms 104 den Vers 34: Möge ihm mein Dichten gefallen. Ich will mich freuen am Herrn. Wenn die Reime auch Gott gefallen mögen, so kommen den heutigen Sängern manche Formulierungen doch merkwürdig vor. Den grammatikalisch unklaren Anfang Auf, Seele, Gott zu loben! formte die Dichterin nach der Formulierung im Lied Halleluja! Gott zu loben bleibe meine Seelenfreud! Bei Müller-Zitzke fehlt eine Satzaussage wie z.B. in Gott loben, das ist unser Amt aus dem Lied Nun jauchzt dem Herren, alle Welt (GL 144). Das Wort Windfittiche ist wohl ihre ureigene Wortschöpfung. Altertümelnde Wendungen wie lasset statt lässt, bringet statt bringt, sparet statt spart, erschauet statt erschaut, gebauet statt gebaut mögen vor 70 Jahren noch zum Sprachgebrauch gehört haben. Heute wirken sie restlos antiquiert.

Bleibt die Frage, ob man eine ursprünglich weltliche Melodie durch Umformung in den geistlichen Stand erheben muss, damit sie als geistlich erkannt wird. Ist eine vermeintliche Vereinfachung zu diesem Zweck ein legitimes Mittel? Mit anderen Worten: Ist Kirchenmusik umso besser geeignet, je einfacher sie ist? Das wäre doch ein fragwürdiger Grundsatz.

Eine andere Frage ist, ob die Kontrafaktur, wie man in der Musikwissenschaft die Unterlegung eines Textes unter eine vorhandene Melodie nennt, bei der Steurlein-Melodie gelungen ist. Das Jahr steht auf der Höhe (GL 465) von Detlev Block mit seiner ernsten Grundhaltung scheint mir den leichten, verspielten Ton der Melodie nicht zu treffen, während der alte Text Wie lieblich ist der Maien von Martin Behm (EG 501) wie auch der neuere Text Auf, Seele, Gott zu loben! von Martha Müller-Zitzke (EG 602) dem ursprünglichen „Ton“ des Liedes Mit Lieb bin ich umfangen näher kommen, die beide in unterschiedlichen Formulierungen Gottes herrliche Schöpfung zum Thema haben.

Anton Stingl jun.