Edith Stein 1916|2016

An der Eingangswand des Gasthauses Kybfelsen in Freiburg-Günterstal, in dem ich sonntags regelmäßig „Gaumenfreuden badisch genieße“, hängt seit einiger Zeit eine Gedenktafel.

Gedenktafel-Kybfelsen 1Da speise ich also mit Edith Stein in guter Gesellschaft. Doch damit nicht genug. Unmittelbar vor ihrer Prüfung 1916 stärkte sich Edith Stein in „Birlingers Kaffestuben“ in der Kaiser-Joseph-Straße mit Eiskaffee und Torte. Dieses Café wurde zwar im Bombenangriff 1944 auf Freiburg zerstört, aber 1957 als „Café-Konditorei Birlinger“ in der Hansjakobstraße wieder eröffnet. Dort habe ich in meiner Jugendzeit so manche Stunde in anregender Gesellschaft verbracht.

Gerade jetzt entdeckte ich, dass im neuen Gotteslob ein Lied mit einem Text von Edith Stein existiert (GL 439). Beim Betrachten des Textes fiel mir ein, dass er bereits im Gotteslob von 1975 stand (302). Edith Stein hatte ihn 1936 in Köln veröffentlicht, 1967 wurde er als Lied mit geringfügigen Textänderungen, im Einvernehmen mit dem Karmel zu Köln, in das Kirchenlied II aufgenommen (115). In diesem Buch wurden noch weitere Liedtexte von Edith Stein veröffentlicht: Ich will mein Lied dem König weihn nach Psalm 45 (111), In aller Stürme Toben nach Psalm 46 (112), Jauchzt, ihr Völker nach Psalm 47 (114). Und wieder gab es einen Berührungspunkt zwischen Edith Stein und mir. Denn für das Kirchenlied II durfte ich sieben Texte von Albert Höfer und Georg Thurmair vertonen, zu denen sich bis zu diesem Zeitpunkt keine geeigneten Melodien fanden.

Bei Edith Steins Text Erhör, o Gott, mein Flehen handelt es sich um eine dichterische Umformung des Psalms 61. Da liegt es nahe, den Liedtext mit dem Text des Psalms zu vergleichen. Da ich nicht in Erfahrung bringen konnte, auf welche Psalmenübersetzung sich Edith Stein gestützt hat, habe ich die Übersetzung von P. Beda Grundl OSB 1908 gewählt, weil sie noch aus der Zeit vor der Entstehung des Liedtextes stammt.

Vergleich mit Psalm 61

Edith Stein folgte im Großen und Ganzen genau dem Ablauf der Psalmverse, wenn man von kleineren Umstellungen absieht. Um die zweite Strophe zu füllen, musste die Dichterin allerdings Text ergänzen. Sie fügte den Bildern von Turm, Zelt und Flügel das Bild vom Sturm hinzu, vor dem ihr nicht bang ist. Eine gravierende Änderung hat sie in den Versen 7 und 8 vorgenommen. Denn für einen vertrauensvollen Ausblick auf einen König sah Edith Stein 1936 offensichtlich keinen Anlass. Es hat den Anschein, als ob sie die Zeile dem der, sich dir geweiht ganz persönlich auf sich bezogen hat, auf sie, die 1933 in den Kölner Karmel eingetreten war. Leider waren ihr nur noch sechs Jahre gegeben, bis sie in Auschwitz ermordet wurde.

KL II

GL 1975

Die Melodie ist die des 128. Psalms aus der verschollenen 2. Ausgabe des französischen Psalters, Genf 1543. Sie stand schon im katholischen Gesangbuch „Heil im Glauben“, Köln 1857, und in Mohrs Psälterlein 1891 zu „Dein Heiland ist gestorben“ (Werkbuch zum Gotteslob III, 1975).

Die Melodie steht in der dorischen Tonart wie z.B. O, Heiland reiß die Himmel auf oder Gott ist dreifaltig einer und zeigt für die acht Zeilen folgende melodische Form: A (a b) – B (c d) – C (e f) – D (g h), d.h. jede Zeile hat ihre eigene Melodie! Lediglich die Teile A und C bzw. die Teile B und D enden mit derselben Kadenz. Es gilt also allerhand zu memorieren. Dabei ist erleichternd , dass die Teile A und B im gleichen Rhythmus ablaufen. Die Teile C und D unterscheiden sich davon nur durch eine Verbreiterung beim Übergang zwischen den Zeilen. Dass in der Melodie der Oktavton der dorischen Tonart zweimal erreicht wird, war für die Herausgeber des „Gotteslob“ 1975 offenbar Anlass, die Melodie einen Ton tiefer zu setzen. Für Schulblockflöten war sie jetzt leider nicht mehr spielbar.

Für das neue Gotteslob wollte man die Reimfassung des Psalms 61 von Edith Stein erhalten, suchte aber nach einer neuen Melodie, weil die bisherige von der Mehrheit der Gemeinden nicht angenommen wurde. Im „Liedregister zum Gotteslob“ werden eine ganze Reihe von Liedern angezeigt, denen dasselbe Strophenschema zugrunde liegt wie bei Erhör, o Gott mein Flehen. Doch keine der Melodien scheint für diesen Text geeignet zu sein. Die kleine zweiteilige Liedform von Befiehl du deine Wege (418), Das Jahr steht auf der Höhe (465), Den Engel lasst uns preisen (540), Den Herren will ich loben (395), Die Nacht ist vorgedrungen (220), Du hast, o Herr, dein Leben (185), O Haupt voll Blut und Wunden (289), Wir weihn der Erde Gaben (187) ist dem Text nicht angemessen. Bei Gott ist dreifaltig einer (354), Gott ruft sein Volk zusammen (477),Gott wohnt in einem Lichte (429) träfe man wieder auf die ungeliebte dorische Tonart. Die Melodie zu Die Kirche steht gegründet (482), einer Übertragung des englischen Chorals “The Church’s One Foundation”, von Samuel Sebastian Wesley (1864) ist von ihrem Dur-Charakter her denkbar ungeeignet. Für die „harmlose“ Melodie bei Gott, der nach seinem Bilde (499) hat die Gesangbuchkommission bereits vorsichtshalber die Alternativmelodie Den Herren will ich loben (395) vorgeschlagen.

So entschied man sich für die von dem Österreicher Roman Schleischitz 2009 verfasste Melodie.

GL 2013

Erste Überraschung: Die Melodie steht im 6/4-Takt, was bei Gesangbuchliedern nicht sehr häufig vorkommt und das Lied in eine Reihe stellt mit Macht hoch die Tür (218), O Heiland, reiß die Himmel auf (231), In duci jubilo (253), Ist das der Leib, Herr Jesu Christ (331), Komm, o Tröster, Heilger Geist (349), Ich will dich lieben, meine Stärke (358), Dein Lob, Herr, ruft der Himmel aus (381), Wer unterm Schutz des Höchsten steht (423, ohne Taktangabe), Erfreue dich, Himmel (467). Die meisten dieser Lieder stehen jedoch in Dur und treffen den „Ton“ des Textes nicht.

Zweite Überraschung: Die Tonart ist phrygisch. Ihr Finalton wird in der zweiten Zeile von oben, in der dritten letzten Zeile wie bei O Haupt voll Blut und Wunden von unten erreicht. Ob diese Tonart zusammen mit dem Leitton fis in der vierten Zeile zur Bezeichnung „jüdisch anmutend“ (Sr. Johanna Kobale) geführt hat? Auch der Beginn mit einer kleinen Sexte ist sehr ungewöhnlich.

Dritte Überraschung: Die Form ist bewusst einfach gehalten: A (a b) – A´(a’ c) – B (d e) – A“(a‘ c´). Durch die zahlreichen Entsprechungen lässt sich die Melodie leicht einprägen.

Vierte Überraschung: Der wiegende Rhythmus – ähnlich wie bei Wer unterm Schutz des Höchsten steht – entspricht in vielem der Haltung des Textes, z.B. In deinem Zelt bewahren willst du mich immerdar. Der punktierte Rhythmus wird dreimal als Wendung zum Finalton eingesetzt, zum vierten Mal bei der Einführung des „fremden“ Tones fis.

Zum Schluss bleibt der Wunsch, dass die Melodie, die mit ihrem Umfang von einer Oktave das tiefe b berührt, in den Originaltonraum der phrygischen Tonart einen Ton höher transponiert wird, damit man auch ein überzeugendes Lobesopfer bringen kann und die Melodie auch auf der Schulblockflöte zum Erklingen kommt. Diesem Wunsch bin ich nun selbst nachgekommen und lege noch einen Orgelsatz dazu.

439 Erhör, o Gott, mein Flehen (Stingl 2016)

Anton Stingl jun.