Gott loben in der Stille? (GL 399)

„Gott loben in der Stille“? Geht das überhaupt? Das Zitat stammt aus Martin Luthers Übersetzung von Psalm 65 Vers 2: „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion, und dir hält man Gelübde.“ Diesen Vers hatte bereits Johann Sebastian Bach in seiner Kantate „Gott, man lobt dich in der Stille“ (BWV 120) den ersten drei Sätzen zu Grunde gelegt. Doch das Wort von der Stille, mit dem Günter Balders seinen Liedtext eröffnet, hat Luther im Psalmtext frei erfunden. Weder im hebräischen Original der Psalmen, noch in den griechischen und lateinischen Übersetzungen ist es zu finden. Alfons Deissler übersetzt den Vers so: „Dir gebührt Lobpreis, Jahwe, auf dem Sion, dir erfülle man Gelübde“. Die Stille wird im Alten Testament in ganz anderem Zusammenhang gesehen: „Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn“ (Klg 3,26). Noch deutlicher sagt es Psalm 115 Vers 17: „Nicht die Toten lobpreisen Jahwe, noch wer zur Stille hinabfuhr“. Vers 18 setzt hinzu: „Wir aber, die Lebenden, segnen Jahwe von nun an auf ewig“. Luther leugnet den freien Willen des Menschen und billigt ihn allein Gott zu. Nach Luther kann also der Mensch nur schweigend beten, „bis er [Gott] die Stimme zum Lob befreit“. Das theologisch fragwürdige Lied hat zwar das ö-Sigel bekommen, aber selbst im Evangelischen Gesangbuch hat man sich nicht getraut, das Lied aufzunehmen.

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Nicht nur der Text ist fragwürdig, sondern auch seine musikalische Gestaltung. Im Liedporträt von Meinrad Walter erfährt man zwar, dass Günter Balders auf dem Flohmarkt ein Liederbuch von 1935 mit der Melodie von Huugo Nyberg fand, aber nicht, welcher Text dem Lied einst unterlegt war. Die Melodie ist in verschiedener Hinsicht ungewöhnlich. Bei den Zisterziensern wäre sie mit ihrem Umfang von zehn Tönen gerade noch durchgegangen. Denn der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux war der Überzeugung, dass man Gott nach dem Zeugnis der Psalmen (33,2; 92,4; 144,9) nur mit der zehnsaitigen Harfe loben soll. Deshalb dürfen die Choralmelodien nicht mehr als zehn Töne Umfang haben. Im Gegensatz zu dem im „Gotteslob“ zwei Seiten vorher stehenden „Den Herren will ich loben“ (395), dessen Dur-Melodie ebenfalls den Umfang einer Dezime erreicht, steht „Gott loben in der Stille“ in Moll, das es auch nicht verlässt, „wenn die Stimme zum Lob befreit“ wird. Besonders unbefriedigend ist aber der Rhythmus, der jeden Takt mit zwei Achteln beginnen lässt, die fast immer über einer unbetonten Silbe zusammengebunden werden. Oft sind das kurze Silben: Go-ott, de-er, mi-it, bi-is, ohne-e, ha-at, alle-e. Die Unterlegung eines Textes zu einer bestehenden Melodie ist ein schwieriges Unterfangen. Fast hätte ich gesagt, der umgekehrte Ablauf sei besser, wenn die Melodie nach dem Text gestaltet wird. Der Blick auf „Und suchst du meine Sünde“ (GL 274) belehrt mich leider eines Schlechteren. Das Problem mit den zwei auftaktigen Achteln über einer Silbe ist dort auch nicht zufriedenstellend gelöst.

Anton Stingl jun.

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