Singt dem Herrn ein neues Lied

Am Sonntag „Cantate” wurde der Gottesdienst im St. Kastulus-Münster in Moosburg mit dem Lied „Singt dem Herrn ein neues Lied“ (GL 409) in erfreulich flottem Tempo eröffnet. Der Sonntag hat seinen Namen vom Beginn des lateinischen Introitus: Cantate Domino canticum novum. Diese Zeile aus dem Psalm 97 taucht auch in den Psalmen 95 und 149 und in Jesaja 42 auf. Man soll dem Herrn nicht nur irgendetwas singen, wie an weiteren fünf Stellen des Alten Testaments belegt ist, sondern ausdrücklich etwas Neues. Das Neue hat aber leider die Angewohnheit, dass es zunächst abgelehnt wird und dann nach einiger Zeit veraltet ist. Zum Beispiel zog im 14. Jahrhundert  sogar Papst Johannes der XXII. gegen die Musik der Ars nova mit seiner Bulle Docta Sanctorum (Die wohlbegründete Lehrmeinung der heiligen Kirchenväter) zu Felde. Heute wird aus dieser Epoche die Messe de Nostre Dame von Guillaume de Machaut  nur noch von Spezialisten aufgeführt.

Was ist mit dem „neuen Lied“ eigentlich gemeint? Soll es in neuen Worten oder mit einer neuen Melodie erklingen? Oder gar mit beiden? Das „Neue Geistliche Lied“ (NGL) ist mit biblisch orientierten, christlich engagierten und politischen Texten versehen, liturgisch aber nur mit Bauchweh zu verwenden. Die stilistisch durch die Popularmusik beeinflussten Melodien sollen vor allem Jugendliche ansprechen, die diesen Musikstil dann auch ins Erwachsenenalter weitertragen. Sollte Kirchenmusik nicht einen höheren Anspruch haben? Im neuen Gotteslob von 2013 werden 37 Lieder im Stammteil mit NGL bezeichnet. Der Prototyp eines NGL scheint mir das Motto-Lied des Sonntags Cantate zu sein.

GL 409

„Der Text erschien 1941, zur Zeit des Krieges und religiöser Bedrängnis; sein Anfang ist also kein abgenütztes Klischee, sondern ein damals  höchst aktueller Aufruf.“ (Werkbuch zum GOTTESLOB III, 1975)

KL 1

Bevor das Lied 1967 mit der von Adolf Lohmann 1952 komponierten Melodie im Kirchenlied II als „Opening“ der ganzen Sammlung erschien, hatte der Komponist 1955 dazu eine kleine Liedkantate verfasst. Ein Satz daraus erschien in den „Orgelstücken zum Gotteslob“, Teil III (1978). In der Metronomangabe „Viertel = 160−168“ verdeutlicht Lohmann seine Vorstellung von der Tempoangabe „Schnelle Viertelnoten“.

268 IV

Im Marienstatter Orgelbüchlein (Lob und Dank – Vertrauen und Bitte) erschien 1981 der zugehörige Begleitsatz ebenfalls mit der Tempoangabe „Schnelle Viertel“.

MO

Die Machart des Satzes lässt klar erkennen, dass die durchlaufenden Viertel keine zusätzlichen „Schnaufer“ erlauben. Wer das Lied also schnell und ohne zusätzliche Pausen singt, liegt nicht falsch.

Die Melodie lässt sich ganz von der Deklamation des Textes leiten. Wo wichtige Wörter stehen, wird die Folge der schnellen Viertelnoten zu Halbenoten  gedehnt: Neues (Lied), niemand, ferne (flieht), singet, niemals, Wunder, Ruhm, mehren. Dadurch entstehen häufig wechselnde Takte:  ||: 2/2, 5/4, 3/2, :||: 2/2, 5/4, :|| 5/4, 3/2. Wenn „Take five“ von Dave Brubeck früher und nicht erst 1959 erschienen wäre, könnte man annehmen, dass sich Lohmann davon inspirieren ließ. Aber vielleicht dachte er an die Tänze im bulgarischen Rhythmus, mit denen  Béla Bartók 1939 den 6. Teil seiner Klavierstücke Mikrokosmos  beendete. Jedenfalls ist der Rhythmus mit zusammengesetzten Taktarten etwas Neues im Kirchenlied.

Die Melodie zeigt ebenso Neuartiges, da sie von der vorgezeichneten Tonart F-dur nur fünf Töne ohne Halbtöne verwendet, wobei der 5. Ton d sogar nur in der 5. und. 6. Zeile auftritt. Der Rückgriff auf die Pentatonik (Fünfton-Musik) als den ältesten nachgewiesenen Tonsystem in Kinderliedern und in der Volksmusik zahlreicher Völker Afrikas, Amerikas, Asiens und Europas ist für die Gattung Kirchenlied eine Novität.

Das Werkbuch zum GOTTESLOB gab 1975 folgenden Praxistipp: „Das durch häufigen Taktwechsel schwierige Lied muss gründlich einstudiert werden, damit es fließend gesungen wird, aber seine rhythmische Prägnanz im Gebrauch nicht verliert.“ In der Hoffnung, dass die Kirchenmusiker 2013 rhythmisch besser ausgebildet sind als 1975, dürften die Schwierigkeiten nicht mehr groß sein. Sowohl Kirchenlied II als auch Gotteslob 2013 schreiben im Gegensatz zu Gotteslob 1975 außer Pausen keine Atemzeichen. Leider verführen die Slash-Zeichen bei den Strophen im Gotteslob zum Atmen an ungeeigneter Stelle bzw. zum Unterbrechen des durchlaufenden Beats der quarter notes.

Das „neue Lied“ (GL 409) ist trotz seines relativ hohen Alters immer noch eine echte Neuheit. Mögen möglichst viele Kirchengemeinden von dem neuen Geist beseelt werden, den das Lied bei adäquater Interpretation ausstrahlt.

Anton Stingl jun.

 

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