Stadt Land Orgel

Das Spiel „Stadt, Land, Fluss“ kennt wohl jeder und hat bestimmt schon einmal verzweifelt nach einem Land mit dem Anfangsbuchstaben Y gesucht. Im Zeitalter des Wort-Recyclings steht der Spieletitel Pate bei der Kochserie „Stadt, Land, Lecker“, bei der Krimi-Fernsehserie „Stadt, Land, Mord“ oder bei der Spielvariation „Stadt, Land, Fußball“. Und jetzt auch noch „Stadt, Land, Orgel“! Gibt es wie bei der Breitbandversorgung auch bei einer Orgel einen Unterschied zwischen Stadt und Land? Während in der Stadt fast überall Orgeln stehen, die nicht älter als 50 Jahre sind und an deren Spieltisch man sich auch mit den Füßen sofort auskennt, finde ich in aller nächster Nähe drei Dorforgeln, deren Entstehung ins vorletzte Jahrhundert reicht und bei denen das Pedal so versetzt ist, dass man nur auswendig spielen kann, um die Füße zu kontrollieren. Oder der Tastenabstand ist größer als normal, sodass die innere Geometrie versagt.

Welche Auswirkung hat dieses Handicap auf den Gesang? Da der Dorforganist auf seiner Orgel die Tasten aus bekannten Gründen langsam schlagen muss, singt die Gemeinde ebenfalls langsam. Der Orgler ist sogar froh, wenn die Gemeinde zusätzliche Pausen einlegt. Unterstützung bekommt er von einem Pfarrer am Mikrofon, der noch nie etwas von „Atemlos durchs Gotteslob“ gehört hat. Seltsam nur, dass dieselbe Gemeinde eine Woche später bei einem andern Geistlichen ohne Extrapausen fast so flott singt wie die Gemeinde in der Stiftskirche Schlägl im Mühlviertel in Oberösterreich. Da können wir Piefkes von den Österreichern noch etwas lernen. Es scheint doch am Organisten und seiner Ausbildung zu liegen. Als ich in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Bühl (bei den Zwetschgen!) C-Kurse für Organisten abhielt, war der Andrang riesig. Aber die Kurse sollten nur im Winterhalbjahr laufen mit der Begründung, dass die Bauern im Sommer keine Zeit hätten. Also, ich sah bei den bis zu 30 Personen, die sich anmelden wollten, keine einzige, die aus der Landwirtschaft kam.

Es gibt auch noch andere Auswirkungen. Die Bezahlung für Organisten auf dem Land ist schlechter als in der Stadt. In der Stadt hat sich die Verrechnungsstelle irgendwann vor 30 Jahren notiert, dass ich am 27.4.1964 die Hochschulprüfung für katholische Kirchenmusik abgelegt habe. Die für das Land zuständige Verrechnungsstelle weigert sich jedoch, diesen Vorgang zur Kenntnis zu nehmen. Wenn nun jemand meint, dass Bürokratie eine typisch katholische Angelegenheit sei, der irrt. Als ich 2001 in einer Winzergenossenschaft einen evangelischen Gottesdienst auf dem elektronischen Nudelbrett begleitete, bekam ich zu meinem Honorar einen Sozialversicherungsausweis, obwohl ich als treuer Beamter Baden-Württembergs pensionsberechtigt bin.

In der Diskussion um die Breitwandversorgung hört man oft das Argument, dass es gut sei, wenn es noch Rückzugsgebiete gebe. Das scheint mir sehr egoistisch gedacht zu sein. Was die Kirchenmusik anbelangt, sollten Stadt und Land gleichziehen! In jeder Kirche sollte der musikalische Standard so sein, dass der Ausspruch von Louis Armstrong überall zutrifft: „Den Rhythmus habe ich in der Kirche gelernt.“

Anton Stingl jun.