Komm, Herr, mach mich schlau

Bei einer Orgelvertretung lernte ich jüngst das Lied „Komm, Herr, segne uns“ des evangelischen Theologen Dieter Trautwein kennen, das neu in das Gotteslob aufgenommen wurde (GL 451). Von den zwanzig Liedern, die Trautwein im Laufe seines Lebens verfasst hat, war offenbar „Komm, Herr, segne uns“ sein wichtigstes, denn mit ihm beginnt der Titel seiner Lebenserinnerungen: „Komm Herr segne uns! – Lebensfelder im 20. Jahrhundert“, an denen er bis zum Tag vor seinem Tod im November 2002 gearbeitet hat. Im Gotteslob 2013 ist es als ökumenisches Lied gekennzeichnet, denn es wurde durch den Evangelischen Kirchentag 1979 bekannt und 1996 in das Evangelische Gesangbuch (Nr. 170) aufgenommen. Im internationalen ökumenischen Liederbuch „Thuma mina“ ist es in zehn Sprachen vertreten.

Woher kommt der Erfolg dieses Liedes? Ist es die Sprache des Textes oder ist es die Melodie, die der Textdichter selbst komponiert hat? Mich beschlich eher Unbehagen ob des Textes und der Melodie. Durch Analyse und Recherche versuchte ich daraus schlau zu werden.

Der Autor greift bei seinem Text meist auf bekannte Begriffe zurück, die jeder im Ohr hat oder die ihn selbst betreffen. Betrachten wir das Wort trennen. Vor ihrer Trennung haben sich viele Paare schon gefragt: „Passen wir zusammen oder sollen wir uns trennen?“. Das Wort vom Bekennen wird von vielen in den Mund genommen, z.B. von Mercedes-Benz: „Wir bekennen uns zu unserer Gesamtverantwortung und nehmen diese Aufgabe wörtlich: Wir analysieren die Umweltverträglichkeit […]. Die Formulierung die Deinen sind in Kirchenliedern ein beliebtes Pronomen:

Die Deinen, Herr, sind lauter Gnadenwunder, du herrlicher und wunderbarer Gott!
Jesu, all´ die Deinen lieben dein Erscheinen in der Herrlichkeit.
O Vater, sieh die Deinen vor Dir sich hier vereinen zu kindlichem Gebet.
O wie lieb ich, Herr, die Deinen, die dich suchen, die dich meinen; o wie köstlich sind sie mir!
Schütze die Deinen, die nach dir sich nennen und dich, o Jesu, vor der Welt bekennen. Text: Johann Samuel Diterich (1765), Matthäus Apells von Löwenstein (1644).

Im zuletzt genannten Liedtext, der bereits aus der Barockzeit stammt, findet sich das Motiv des Bekennens („überall“ =  „vor der Welt“) wieder. Das Begriffspaar „Lachen oder Weinen“ ruft unwillkürlich die Erinnerung an ein Lied von Franz Schubert mit dem Text von Friedrich Rückert hervor: „Lachen und Weinen zu jeglicher Stunde ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde.“

Mit der Formulierung Keiner kann allein Segen sich bewahren in der zweiten Strophe steht Trautwein ziemlich allein. Auch die Fortsetzung erschließt sich nicht auf den ersten Blick: Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Da sagt der Bürgermeister bei der Aufstellung des neuen Haushaltsplans seinem Gemeinderat etwas anderes: „Wir müssen sparen, sparen, sparen, ob uns das nun passt oder nicht!“ Und die Webseite „Tipps, Tricks und Rezepte“ führt aus: „Müssen wir nicht alle sparen?“ und „Was gibt es Schöneres, als auf ein Ziel hin zu sparen?“ Zum Thema Schadensheilung gibt es noch andere Rezepte: „Dr. Wolfgang Feil empfiehlt: Humor hilft heilen.“

In der dritten Strophe wechselt Trautwein das Thema. Bei Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden denkt der bibelfeste Kirchenbesucher sofort an: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“ (Joh 14,27). Beim Wohl auf Erden führte mich Prof. Google zunächst in die Irre: „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?“ Dieses Zitat aus dem Freischütz von Carl Maria von Weber hatte Google nur gefunden, weil Groß- und Kleinschreibung nicht auseinandergehalten werden. Das nächste Zitat kommt der Sache schon etwas näher: „… auf dass dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden. (Eph 6,3; 5 Mose 5,16). Aber vermutlich meint Trautwein jene Stelle aus der Weihnachtsbotschaft der Engel: „… und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14). Das Wort erspähen erinnert mich an „Er suche Frieden und jage ihm nach.“ (1 Petr 3,11) Hier wird allerdings expressis verbis ausgedrückt, was wir tun sollen. Das fehlt im Liedtext. Die Werbung für intuitives Bogenschießen drückt es so aus: „Wir lieben, was wir tun. Durch den Wald streifen, das Ziel erspähen, sich daran erfreuen, eins mit Bogen und Pfeil werden.“ Trautweins letzter Griff in die Bibelkiste wird leider ein Schlag ins Wasser. „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“ heißt der vollständige Vers 5 von Psalm 126. Ein durch die Mottete von Heinrich Schütz so bekanntes Bibelzitat darf durch die nichtssagende Formulierung „werden in ihm ruhn“ nicht entstellt werden.

Um auf das Sparen zurückzukommen, die Herausgeber hätten sich die vierte Strophe sparen können. Sie hätten einfach 4. = 1. schreiben können, denn die vierte Strophe ist nichts anderes als die Wiederholung der ersten Strophe. Die drei Strophen sind nichts anderes als eine Paraphrase des aaronitischen Segens: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4 Mo 6, 24-26)

Wenden wir uns der Melodie zu. Die Eröffnung der Melodie mit dem Paukenmotiv „Quarte abwärts – Quarte aufwärts“ ist eigentlich Texten vorbehalten, in denen zum Gesang vor dem Herrn aufgerufen wird, wie in dem Kehrvers „Singt dem Herrn alle Länder der Erde“ (GL 376) oder im „Gloria“ aus der H moll-Messe von Johann Sebastian Bach. In „Singt dem Herrn ein neues Lied“ (GL 409) sind sogar die ersten 5 Noten mit unserem Lied identisch. Das Motiv taucht auch am Schluss bei „seinen Ruhm“ noch einmal auf. Im Kehrvers „Du bist Licht und du bist Leben“ (GL 373), dessen Melodie dem Osterlied „Halleluja lasst uns singen“ (FR 796) nachempfunden wurde,  setzten die 5 Töne erst nach zwei zusätzlichen ein. Während in all diesen Beispielen Viertel- bzw. Achtelnoten dem Motiv einen drängenden Charakter verleihen, machen die Halben bei Komm, Herr, segne uns den Eindruck, als ob der Herr sich noch Zeit lassen kann mit seinem Kommen. Nicht nur die Vertonung mit dem Paukenmotiv, sondern auch die Formulierung Komm, Herr, segne uns ist der Segenssituation nicht angemessen. Die Formulierungen im alten Gesangbuch, die sich alle auf Advent und Wiederkunft beziehen, klingen da viel ehrfürchtiger: „Sei uns willkommen, Herre Christ“ (131), „Komm, Herr Jesu, komm, führ die Welt“ (568), Komm, Herr Jesus, komm zur Erde (565), „Komm, Herr, komm und erlöse uns“ (118,3), „Komm, o Herr, und bring uns deinen Frieden“ (118,4). Diese Gesänge sind alle aus dem Gesangbuch verschwunden. Im neuen Buch findet sich außer „Komm, Herr, segne uns“ nur noch der Kehrvers „Komm Herr Jesus, Maranatha“ (GL 634,6). Im Diözesanteil Freiburg/Rottenburg gibt es außerdem noch den Kanon „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast (FR 709).

Punktierungen werden in der Melodie zweimal verwendet, die  ihre Wirkung, nämlich das Spannen des rhythmischen Bogens, nicht verfehlen: Nie sind wir allein – Lachen oder Weinen – Segen kann gedeihn – Hilf, dass wir ihn tun. Nur bei dem Zitat „die mit Tränen säen“ trifft es mit dem Pronomen das falsche Wort.

Die abwärtsgehende Tonleiter bei „stets sind wir die Deinen“ ändert beim letzten Ton ihre Richtung und schwächt somit die Bedeutung des wichtigen Wortes „die Deinen“ ab. Man vergleiche bei „Nun saget Dank und lobt den Herren“ (GL 385) in der fünften Zeile, welche Wirkung die Tonleiter bis zum tiefsten Ton c auf das letzte Wort ausübt: verkünden, Gerechten, singen, Herren.

Brauchen wir dieses Lied überhaupt? Obwohl das Lied im Evangelischen Gesangbuch unter dem Abschnitt „Eingang und Ausgang“ steht, ist in den Agenden der Evangelischen Landeskirchen offiziell kein Platz für ein Segenslied vorgesehen. Im traditionellen Gottesdienst der katholischen Kirche ist der Gesang zur Kommunion der letzte Gesang des Gottesdienstes. Da nun aber meist zur Kommunion die Orgel spielt, wurde ein Danklied nach der Kommunion eingeführt. Bei besonderen Gelegenheiten wie z.B. Patrozinium kann nach dem Segen noch ein Lied gesungen werden. Wo ist da noch Platz für ein Segenslied? Und ehrlich, der Priester spricht auch ohne Segenslied „den Gläubigen die begleitende Nähe Gottes“ (GL 591) zu.

Anton Stingl jun.

Ein Kommentar zu “Komm, Herr, mach mich schlau

  1. Ja, lieber Anton, Du hast recht; auf dieses Lied und andere Lieder kann ich gut verzichten. Dazu gehört GL 440 wegen des dürftigen Textes und der falschen melodischen Akzente; 344 (rhythmisierte Fassung der Sequenz (statt alt 244); 448 (falsche musikalische Akzente; außerdem wird der Text dadurch nicht besser, dass es nun 4 Str. gibt); 482 (überflüssig, weil es 478 gibt). Dagegen fehlen wichtige Texte, resp. Gesänge: Ps. 119; Sequenz von Fronleichnam; Te Deum; Improperien (nur Kv. 308,5!).
    Dank Dir, dass Du kritisch auf das schaust was uns mitunter vorgesetzt wiird, Herzlich grüßt Eberhard Laufköter

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