Mit NGLs zum Exit

Im vergangenen Monat verstarb im Alter von 84 Jahren ein Pfarrer, den ich samt seiner Familie von Jugend an gut kannte. Deshalb sollte ich auf Wunsch der Familie bei seinem Requiem die Orgel spielen. Die Leitung des Gottesdienstes hatte ein jüngerer Amtskollege, dem der Verstorbene als Subsidiar im Ruhestand beigestanden hatte. Zu meiner und auch seiner Familie Überraschung sah der vorgesehene Liedplan eine größere Anzahl von neuen geistlichen Liedern (NGLs) vor, die wohl dem fortschrittlichen Verständnis des Zelebranten entsprachen, nicht aber der Erwartung der Gottesdienstbesucher bei einem solchen Anlass.

Das Requiem sollte mit „Herr, du bist mein Leben“ (GL 456) nach dem italienischen Canto liturgico „Symbolum 77“ (Tu sei la mia vita) in der deutschen Übertragung von Christoph Biskupek eröffnet werden.

https://youtu.be/A4UaYX8leD4

Das Stichwort für die Auswahl dieses Lied war offenbar die Formulierung in der dritten Zeile der zweiten Strophe: „Dein Weg führte durch den Tod in ein neues Leben“. Bereits im Mittelalter hatte man den Todestag eines Heiligen als „Geburtstag“ zum ewigen Leben bezeichnet.

Zur Gabenbereitung war das Lied „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“ (GL 470) vorgesehen, dessen Textanfang an das Rosenwunder der Hl. Elisabeth anknüpft und ohne diesen Hinweise nur schwer verständlich ist.

https://www.youtube.com/watch?v=uSYmuqzPWr4

Das „Brot“ in der ersten Strophe sollte wohl die Verwendung zur Gabenbereitung motivieren, in der „Brot und Wein zum Altar gebracht werden“. Aber erst in der 5. Strophe wird der eigentliche Bezug klar: „… und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt …“. Ein schönes Bild vom singenden Tod!

Die Messfeier sollte mit dem Lied „Gott gab uns Atem, damit wir leben“ (GL 468) aus dem Evangelischen Gesangbuch  enden. Sein Text stammt von dem in der evangelischen Jugendarbeit tätigen Eckart Bücken und seine Melodie von dem evangelischen Pfarrer Fritz Baltruweit.

https://www.youtube.com/watch?v=4hrUkSrLqRg

Vom Dank ist hier aber nicht die Rede, sondern hauptsächlich vom Umweltschutz. Man beachte die Melodie, wie elegant die Bruckner-Triolen in der zweiten Zeile das eintönige „tam-ta-ta-tam-tam“ unterbrechen.

Weil der Vorsteher der Liturgie sich so sehr bemühte, im Requiem den Geist der neuen Zeit wehen zu lassen, wurde zwei seiner fünf vorgeschlagenen „neuen“ Lieder doch noch in die Endfassung übernommen. Das Lied „Größer als alle Bedrängnis“ (GL 854 Freiburg/ Rottenburg) war die Antwort auf die Lesung. Der Text der Benediktinerin Silja Walter passt zusammen mit der Melodie der ehemaligen Freiburger Münsterorganistin Barbara Kolberg gut zu den Worten der Lesung aus dem Philipperbrief (3,10-14): „So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“.

Von Trauer ist hier nichts zu spüren,  denn „dein Leben will singen aus Tod und Misslingen“. Die Melodie möchte diesen Affekt rhythmisch durch das bekannte tam-ta-ta-tam-tam zum Ausdruck bringen und melodisch durch den Quartsprung auf „Dein Leben“ und den Sextsprung auf den „Tod“. Diese Sprünge werden noch getoppt durch  den Septsprung auf „du bringst“. Dagegen fällt das Achtelgenudel auf den Silben von „Halleluja“ etwas ab. Die „Erkennungsmelodie des Christen“ (Kardinal Joachim Meisner) hätte etwas Besseres verdient.

Zum Schluss wurde das andere „neue“ Lied gesungen, dessen Text einer „alten“ Melodie unterlegt ist. „Vertraut den neuen Wegen“ (GL 860 Freiburg/Rottenburg) stammt wie GL 468 aus dem evangelischen Gesangbuch.

Statt auf „den neuen Wegen“ in das „gelobte Land“ zu gehen, begleitete man anschließend den Sarg zusammen mit  21 Mitbrüdern des Verstorbenen auf dem altbekannten Weg zum Friedhof. Wenn ich noch einmal an das Durchschnittsalter der Trauergemeinde denke und an jenen Mann, der während des Gottesdienstes bei mir auf der Orgel auftauchte und mir unaufgefordert die Noten umblätterte und sich am Ende den Zettel mit dem Liedprogramm erbat, und dann mit voller Überzeugung sagte: So hätte sich der Verstorbene sein Requiem gewünscht, dann weiß ich jetzt: Der Einsatz hat sich gelohnt.

Anton Stingl jun.

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