Septuagesima

In der ersten Nummer des Jahres 2018 stellte „chrismon – das Evangelische Magazin“ unter der Rubrik „Kreuz und Quer“ drei Fragen zum Thema Epiphanias. Die dritte Frage lautete:

Die beiden letzten Antworten sind unschwer als Unsinn zu erkennen. Bei den beiden ersten dagegen kann man durchaus ins Grübeln kommen. Denn sowohl Septuagesimae und Sexagesimae wie auch Estomihi sind Namen der ersten drei Sonntage vor Ostern oder der Sonntage der Vorpassionszeit, wie diese Zeit in der evangelischen Kirche benannt wird. In der katholischen Kirche hieß die Zeit bis zur Liturgiereform 1969 Vorfastenzeit. Da Invokavit der Name des ersten Passionssonntags ist, musste man also das erste Kästchen ankreuzen.

Zur Namensgebung der drei Sonntage ist anzumerken, dass im katholischen Bereich die Formen Septuagesima, Sexagesima und anstelle von Estomihi Quinquagesima gebräuchlich waren. Das Wort « Septuagesima [dies] » bedeutet „der 70.“ Tag vor Ostern. Wenn man nachrechnet, kommt man allerdings nur auf 63 Tage. Wie ist die Differenz zu erklären? Entweder man bezieht die Osterwoche in die Rechnung mit ein oder man deutet die Zahl symbolisch, die auf die 70 Jahre währende babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel hinweist. Die beiden anderen Sonntage werden ihrem Namen folgend am 60. und 50. Tag gefeiert. Die Zahl 40 der Tage der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern ergibt sich, wenn man von  den 46 Tagen bis Ostern die Anzahl der Sonntage abzieht, an denen bekanntlich nicht gefastet wurde. Die symbolische Deutung der Zahl 40 bezieht sich auf die 40 Tage, die Jesus in der Wüste gefastet hat.

Im evangelischen Bereich wird  bei den Bezeichnungen Septuagesimae und Sexagesimae der lateinische Genitiv „explicativus“ verwendet, was im Grunde dasselbe wie Sonntag „Septuagesima“ bzw. „Sexagesima“ bedeutet. Die beiden anderen Sonntage Estomihi und Invokavit leiten ihren Namen vom Anfang des Introitus des jeweiligen Sonntags im katholischen Gottesdienst her: « Esto mihi » − „Werde mir zum Gott“ und « Invocabit » − „Anrufen wird er mich“. Im katholischen Bereich sind nur noch « Gaudete » − „Freut euch im Herrn“ und « Laetare » − „Sei fröhlich, Jerusalem“ als Namen für zwei Sonntage in der Advents- bzw. Fastenzeit üblich. Die Namen der Fastensonntage 2 – 6 und des „Weißen“ Sonntags werden auch in einem in Jägerkreisen bekannten Merkvers zum Schnepfenstrich, dem Balzflug der Waldschnepfe, genannt.

Reminiscere, putz die Gewehre;
Oculi, da kommen sie;
Laetare, das ist das Wahre;
Judica, sie sind noch da,
Palmarum, trallarum,
Quasimodogeniti –
Halt, Jäger, halt, jetzt brüten sie!

Der Sonntag Septuagesima zu Beginn der Vorfastenzeit hatte im Mittelalter eine ganz besondere Bedeutung. Denn an ihm wurde das Alleluia verabschiedet, was Wilhelm Durandus im 13. Jahrhundert so beschreibt: „Wir verabschieden uns vom Alleluia wie von einem lieben Freund, den wir vielmals umarmen und auf Mund, Kopf und Hände küssen, bevor wir uns von ihm trennen“.

Der Brauch der « depositio alleluiæ », der „Absetzung des Alleluia“, wird auf eine Anordnung Papst Gregors des Großen (um 590–604) zurückgeführt; in Deutschland gab es den Brauch sicher seit der Synode von Aachen (817). Die Verabschiedung geschah am Vorabend in der Vesper oder in den nächtlichen Gottesdiensten der Matutin und Laudes, an die sich eigenartige Volksbräuche  anschlossen, in denen  das Alleluia „abgestellt, eingeschlossen, aufgehängt, entlassen, verbrannt, beerdigt“ wurde, wie es in den verschiedenen Ritualien heißt. Aus Chartres wird von einem « Alléluia fouetté » − „einem gepeitschten Alleluia“ berichtet. Zunächst wurden in der Matutin alle Psalmen mit Alleluia-Antiphonen umrahmt,  wie sie heute noch in der evangelischen und katholischen Kirche gesungen werden:

1. EG 181.2 ö                                           2. GL 176,2 ö

   
  1. EG 181,3 ö                                          4. GL 584,8 ö
   
  1. GL 175,5                                             6. GL 175,2

Der Buchstabe ö(kumenisch) bei den ersten vier Beispielen bedeutet, dass sie aus einer Vorschlagsliste ökumenischer Lieder stammen. Auf absolute Gleichheit der Lieder in den Gesangbüchern wird aber keine Garantie gegeben. Die ersten beiden Beispiele unterscheiden sich wenigstens nur in der Tonhöhe. In der zweiten Zeile zeigt das Gotteslob die originale gregorianische Fassung. Das Evangelische Gesangbuch weicht in der zweiten Hälfte bei der Textverteilung ab. Die letzte Antiphon (GL 175,2) wurde beim Abschied des Alleluia garantiert nicht gesungen, weil sie für die Begrüßung des Alleluia in der Osternacht reserviert war.

Nach den Psalmen wurde der bis heute beim „Farewell to Alleluia“ in englischsprachigen Ländern bekannte Hymnus « Alleluia, dulce carmen » − Alleluia, süßes Lied“ angestimmt. Die Texte der Responsorien setzten das Alleluia in Szene, indem sie über seine Abreise weinen und seine Süße loben: „Alleluia! Guter Ruf ist kostbarer als großer Reichtum“ – oder indem sie die Gerechtigkeit Gottes gegen seine Vertreibung anrufen: „Alleluia! Führe meine Sache“. Auch in den Laudes umrahmten Alleluia-Antiphonen die Psalmen. Im Alleluia-Offizium von Auxerre aus dem 13. Jahrhundert wurde jedem folgenden Halbvers des Psalms 148 ein Alleluia mehr angehängt, sodass dem letzten Vers achtundzwanzig Alleluia folgten. Der Gottesdienst endete mit dem Ruf, der als einziger von dem Ritus erhalten blieb.

                                     Preisen wir den Herrn, halleluja, halleluja.
                                     Dank sei Gott, halleluja, halleluja.

Am Ende der Laudes schloss sich in Chartres eine gespenstische Szene an:
„In der vorangehenden Woche kaufte man den Kindern zwölf Kreisel und zwölf Peitschen für zwölf Sol und einen Gürtel oder ein Schaffell für vier Sol. Wenn der Sonntag Septuagesima kam, warfen die Kinder am Ende der Laudes, nach dem letzten Abschiedsruf für das Alleluia, ihre Kreisel in den Chor, peitschten sie und brachten sie zum Tanzen. Sie jagten dann das Kirchenschiff hinauf um den Chor herum und trieben sie durch das große Kirchenschiff auf den Vorplatz, während alle versammelten Kanoniker und eine Menge von Leuten sie betrachteten. Die auf diese Weise geworfenen Kreisel stellten das Alleluia dar, das bis zum Karsamstag aus dem Tempel vertrieben wurde.“

Nicht nur die katholische Kirche hat inzwischen Abschied von Septuagesima und seinem alten Brauch genommen, auch die evangelische  Kirche verzichtet ab 2019 auf den Sonntag Septuagesimae, wenn Ostern wie in diesem Jahr vor dem 7. April liegt (im Schaltjahr: 6. April).

Anton Stingl jun.

Ein Haifisch im II. Modus

In der Silvesternacht 2017 treffen sich der 77jährige AS und sein 26jähriges Alter Ego. Sie sprechen in Fortsetzung der „Silvestergespräche eines Sechsecks“ über sieben Lieder, die AE im Jahre 1966 für das das „Kirchenlied II“ komponiert hat. Dieser zweite Band sollte das legendäre „Kirchenlied  I“ von 1938 mit neuen Psalm- und Christusliedern ergänzen und das Liedgut im Gemeindegottesdienst bereichern.

AS: Erzähl mir doch, wie es zu diesem Auftrag gekommen ist.

AE: Mit der Familie des Herausgebers Josef Diewald war ich gut befreundet. Als die Auswahlkommission jemanden suchte, der ihr die eingesandten Lieder vorsingen und vorspielen konnte, fiel die Wahl auf mich. Als nicht alle Kompositionen bei der Kommission allgemeinen Beifall fanden, wurde ich um meine Meinung gebeten. Das Ergebnis war, dass ich schließlich sieben Texte bekam, denen ich ein neues musikalisches Gewand geben sollte. Das erste der sieben Lieder war „Herr der Könige der Erde“ zum Fest der „Erscheinung des Herrn“.

AS: Ich erinnere mich, dass ich im Beitrag „Meine Gesangbücher“ über diese Geschichte bereits berichtet habe. – Wusstest du damals, wer der Mann war, dessen Text du vertont hast?

AE:  Nein. Ich habe nur den Text daraufhin kontrolliert, ob der Rhythmus in allen Strophen stimmt und der Höhepunkt immer an der gleichen Stelle liegt, was bei einem Strophenlied wichtig ist.

AS: Da kann ich dir also noch etwas Nachhilfeunterricht geben. Albert Höfer stammt aus Salzburg, hat zunächst in Salzburg Philosophie und Theologie, später in München u.a. bei Romano Guardini, in Wien und Graz ebenfalls Theologie studiert und wurde 1959 zum Priester geweiht. Es folgten 1963 die Promotion und 1966 die Habilitation mit dem Thema „Biblische Katechese“. In dieser Zeit entstanden die Liedtexte für das Kirchenlied II.  Nach seiner vollständigen Erblindung 1977 arbeitete er als Gestaltpsychologe.

AE:  Gestaltpsychologe?

AS: Ein wichtiger Satz in der Gestaltpsychologie ist: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

AE: Aha! Wenn du so fleißig recherchiert hast, dann hast du sicher auch herausgefunden, worauf sich der Text von Albert Höfer stützt.

AS: Ja, er bezieht sich fast ausschließlich auf die Bibel. Ich habe zu jeder Strophe die Bibelzitate aufgelistet, die zum Text einen Bezug haben.

1. Herr der Könige der Erde, dein ist die Gewalt und Macht; Herrschaft ruht in deinen Händen, Ruhm und königliche Pracht; und durch eines Sternes Strahlen machst du helle unsre Nacht.

  • Herrscher über die Könige der Erde. (Offb 1,5)
  • Ihm … gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt. (Jud 25)
  • Preist den HERRN, …, an jedem Ort seiner Herrschaft.(Ps 103,22)
  • Deine Mauern nennst du Heil und deine Tore Ruhm. (Jes 60,18)
  • Hoheit und Pracht ist sein Walten. (Ps 111,3)
  • Wir haben seinen Stern aufgehen sehen. (Mt 2,2)

2. Sei gepriesen, der mit Sündern zu dem Bad der Taufe zieht! Du bist unter deines Vaters Wohlgefallen aufgeblüht: Dich hat er mit Kraft gesalbet, mit des Geistes Glanz durch­glüht.

  • Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. (Mt 3,6)
  • Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen (Mk 1,11)
  • wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft (Apg 10,38)

3. Du die Quelle allen Lebens, du der Herr des Geistes bist, du das Haupt, von dem er nieder zu des Leibes Gliedern fließt und in unsre müden Herzen Hoffnung und Erquickung gießt.

  • Denn bei dir ist die Quelle des Lebens (Ps 36,10)
  • Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. (Kol 3,15)
  • …, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geiste (Röm 15,13)
  • Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. (Mt 11,28)

4. Lass uns, Christus, deine Gäste bei dem Mahl der Freude sein! Wandle unsrer Mühsal Wasser wiederum zu bestem Wein, dass wir deine Glorie schauen und uns deines Glanzes freun!

  • Dort sollt ihr vor dem HERRN, eurem Gott, das Mahl Ihr sollt fröhlich sein, ihr und eure Familien, aus Freude über alles, was eure Hände geschafft haben. (5 Mo 12,7)
  • Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. (Joh 2,9)

5. Du lässt uns beim Hochzeitsmahle ruhen von der Erde Mühn: sieh, in ungezählten Scharen die Erwählten zu dir ziehn, tragen singend deinem Throne ihres Lobes Gaben hin.

  • Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist! (Offb 19,9)
  • Danach sah ich und siehe, eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. (Offb 7,9)
  • Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron … (Offb 14,3)

6. Betet an und bringet wieder Weihrauch unserm großen Gott! Huldigt ihm mit reinem Golde, wie man es dem König bot! Weiht der Myrrhe heil’ge Gabe seinem Grab und seinem Tod!

  • Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. (Mt 2,11)

AE: Ich hatte damals nicht gesehen, wie Albert Höfer beispielhaft die Intention der Herausgeber erfüllte, neue Liedtexte zu schaffen, die direkt aus der Bibel schöpfen und den Bezug zum Menschen herstellen. Eine Frage noch: Wie hast es in der kurzen Zeit vom 29. Dezember bis jetzt geschafft, die Zitate aufzuspüren?

AS: Das Internet und BibleServer.com machen es möglich. Man findet dort sogar die Einheitsübersetzung 2016. – Jetzt musst du mir aber erzählen, wie du beim Komponieren vorgegangen bist.

AE: Nach Robert Schumanns Haus-und Lebensregeln ist der erste Einfall der beste. Mir jedenfalls fiel damals, als ich den Text las, sofort die Melodie der Moritat von Mackie Messer ein.

Mackie Messer g

AS: Ah, ich sehe schon. Du hast nur den Anfang und den Schluss der Melodie benutzt.

AE: Ohne den balladenhaften punktierten Rhythmus und die drehleierartigen Wiederholungen. Dafür mit Imitationen und im Schlussteil mit Umkehrungen des Motivs. Es war immerhin ein Teil eines Ohrwurms, von dem Martin Luther auch gesagt hätte, man dürfe ihn nicht dem Teufel überlassen.

AS: War dir damals schon klar, dass du damit eine Melodie im II. Modus geschrieben hast, die am Erscheinungsfest im Introitus „Ecce advenit dominator Dominus“ (Sie, es kommt der Herrscher, der Herr) und im Alleluia „Vidimus stellam eius“ (Wir sahen seinen Stern) verwendet wird? Da hast du also mit der Tonart voll ins Schwarze getroffen, obwohl Adam von Fulda im 15. Jahrhundert behauptete, der II. Modus sei nur für die Traurigen.

AE: Hinterher ist man immer schlauer. Aber sag, was hast du eigentlich mit diesem Lied zu tun?

AS: Das will ich dir erklären. Das „Kirchenlied II“ fand nach seinem Erscheinen 1967 keine große Verbreitung, weil bereits 1975 das „Gotteslob“, das gemeinsame Gesangbuch für alle Diözesen, erschien. Im Bistum Hildesheim wurde das Lied „Herr der Könige der Erde“ als einziges deiner Lieder in den Diözesaneigenteil aufgenommen. Bei der Neuauflage 2013 blieb es erhalten und ich durfte einen Orgelsatz dazu anfertigen. Ich hoffe, er findet deine Zustimmung.

Herr der Könige der Erde (Stingl)

AE: Na ja, ein bisschen traditionell ist er schon! Aber ich höre auch Anklänge an Hindemith. Sehr schön, dass sich der Bass meist schrittweise bewegt und im viert- und drittletzten Takt Imitationen der Melodie zeigt.

AS: Es ist gleich zwölf Uhr. Womit wollen wir auf das Neue Jahr anstoßen? Die Weisen aus der sechsten Strophe hatten nur Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei, aber nichts zum Anstoßen.

AE: Nehmen wir doch den Gutedel, den unser komponierender Vater so gerne trank. Auf dem Etikett stand der schöne Spruch: “In allen Lebenslagen trink Wein von Zirlewagen!“

AS und AE: Auf die vergangenen 63 Beiträge und darauf, dass uns im Neuen Jahr möglichst viel Kunst und wenig Kitsch begegnen!