Ein Haifisch im II. Modus

In der Silvesternacht 2017 treffen sich der 77jährige AS und sein 26jähriges Alter Ego. Sie sprechen in Fortsetzung der „Silvestergespräche eines Sechsecks“ über sieben Lieder, die AE im Jahre 1966 für das das „Kirchenlied II“ komponiert hat. Dieser zweite Band sollte das legendäre „Kirchenlied  I“ von 1938 mit neuen Psalm- und Christusliedern ergänzen und das Liedgut im Gemeindegottesdienst bereichern.

AS: Erzähl mir doch, wie es zu diesem Auftrag gekommen ist.

AE: Mit der Familie des Herausgebers Josef Diewald war ich gut befreundet. Als die Auswahlkommission jemanden suchte, der ihr die eingesandten Lieder vorsingen und vorspielen konnte, fiel die Wahl auf mich. Als nicht alle Kompositionen bei der Kommission allgemeinen Beifall fanden, wurde ich um meine Meinung gebeten. Das Ergebnis war, dass ich schließlich sieben Texte bekam, denen ich ein neues musikalisches Gewand geben sollte. Das erste der sieben Lieder war „Herr der Könige der Erde“ zum Fest der „Erscheinung des Herrn“.

AS: Ich erinnere mich, dass ich im Beitrag „Meine Gesangbücher“ über diese Geschichte bereits berichtet habe. – Wusstest du damals, wer der Mann war, dessen Text du vertont hast?

AE:  Nein. Ich habe nur den Text daraufhin kontrolliert, ob der Rhythmus in allen Strophen stimmt und der Höhepunkt immer an der gleichen Stelle liegt, was bei einem Strophenlied wichtig ist.

AS: Da kann ich dir also noch etwas Nachhilfeunterricht geben. Albert Höfer stammt aus Salzburg, hat zunächst in Salzburg Philosophie und Theologie, später in München u.a. bei Romano Guardini, in Wien und Graz ebenfalls Theologie studiert und wurde 1959 zum Priester geweiht. Es folgten 1963 die Promotion und 1966 die Habilitation mit dem Thema „Biblische Katechese“. In dieser Zeit entstanden die Liedtexte für das Kirchenlied II.  Nach seiner vollständigen Erblindung 1977 arbeitete er als Gestaltpsychologe.

AE:  Gestaltpsychologe?

AS: Ein wichtiger Satz in der Gestaltpsychologie ist: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

AE: Aha! Wenn du so fleißig recherchiert hast, dann hast du sicher auch herausgefunden, worauf sich der Text von Albert Höfer stützt.

AS: Ja, er bezieht sich fast ausschließlich auf die Bibel. Ich habe zu jeder Strophe die Bibelzitate aufgelistet, die zum Text einen Bezug haben.

1. Herr der Könige der Erde, dein ist die Gewalt und Macht; Herrschaft ruht in deinen Händen, Ruhm und königliche Pracht; und durch eines Sternes Strahlen machst du helle unsre Nacht.

  • Herrscher über die Könige der Erde. (Offb 1,5)
  • Ihm … gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt. (Jud 25)
  • Preist den HERRN, …, an jedem Ort seiner Herrschaft.(Ps 103,22)
  • Deine Mauern nennst du Heil und deine Tore Ruhm. (Jes 60,18)
  • Hoheit und Pracht ist sein Walten. (Ps 111,3)
  • Wir haben seinen Stern aufgehen sehen. (Mt 2,2)

2. Sei gepriesen, der mit Sündern zu dem Bad der Taufe zieht! Du bist unter deines Vaters Wohlgefallen aufgeblüht: Dich hat er mit Kraft gesalbet, mit des Geistes Glanz durch­glüht.

  • Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. (Mt 3,6)
  • Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen (Mk 1,11)
  • wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft (Apg 10,38)

3. Du die Quelle allen Lebens, du der Herr des Geistes bist, du das Haupt, von dem er nieder zu des Leibes Gliedern fließt und in unsre müden Herzen Hoffnung und Erquickung gießt.

  • Denn bei dir ist die Quelle des Lebens (Ps 36,10)
  • Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. (Kol 3,15)
  • …, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geiste (Röm 15,13)
  • Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. (Mt 11,28)

4. Lass uns, Christus, deine Gäste bei dem Mahl der Freude sein! Wandle unsrer Mühsal Wasser wiederum zu bestem Wein, dass wir deine Glorie schauen und uns deines Glanzes freun!

  • Dort sollt ihr vor dem HERRN, eurem Gott, das Mahl Ihr sollt fröhlich sein, ihr und eure Familien, aus Freude über alles, was eure Hände geschafft haben. (5 Mo 12,7)
  • Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. (Joh 2,9)

5. Du lässt uns beim Hochzeitsmahle ruhen von der Erde Mühn: sieh, in ungezählten Scharen die Erwählten zu dir ziehn, tragen singend deinem Throne ihres Lobes Gaben hin.

  • Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist! (Offb 19,9)
  • Danach sah ich und siehe, eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. (Offb 7,9)
  • Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron … (Offb 14,3)

6. Betet an und bringet wieder Weihrauch unserm großen Gott! Huldigt ihm mit reinem Golde, wie man es dem König bot! Weiht der Myrrhe heil’ge Gabe seinem Grab und seinem Tod!

  • Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. (Mt 2,11)

AE: Ich hatte damals nicht gesehen, wie Albert Höfer beispielhaft die Intention der Herausgeber erfüllte, neue Liedtexte zu schaffen, die direkt aus der Bibel schöpfen und den Bezug zum Menschen herstellen. Eine Frage noch: Wie hast es in der kurzen Zeit vom 29. Dezember bis jetzt geschafft, die Zitate aufzuspüren?

AS: Das Internet und BibleServer.com machen es möglich. Man findet dort sogar die Einheitsübersetzung 2016. – Jetzt musst du mir aber erzählen, wie du beim Komponieren vorgegangen bist.

AE: Nach Robert Schumanns Haus-und Lebensregeln ist der erste Einfall der beste. Mir jedenfalls fiel damals, als ich den Text las, sofort die Melodie der Moritat von Mackie Messer ein.

Mackie Messer g

AS: Ah, ich sehe schon. Du hast nur den Anfang und den Schluss der Melodie benutzt.

AE: Ohne den balladenhaften punktierten Rhythmus und die drehleierartigen Wiederholungen. Dafür mit Imitationen und im Schlussteil mit Umkehrungen des Motivs. Es war immerhin ein Teil eines Ohrwurms, von dem Martin Luther auch gesagt hätte, man dürfe ihn nicht dem Teufel überlassen.

AS: War dir damals schon klar, dass du damit eine Melodie im II. Modus geschrieben hast, die am Erscheinungsfest im Introitus „Ecce advenit dominator Dominus“ (Sie, es kommt der Herrscher, der Herr) und im Alleluia „Vidimus stellam eius“ (Wir sahen seinen Stern) verwendet wird? Da hast du also mit der Tonart voll ins Schwarze getroffen, obwohl Adam von Fulda im 15. Jahrhundert behauptete, der II. Modus sei nur für die Traurigen.

AE: Hinterher ist man immer schlauer. Aber sag, was hast du eigentlich mit diesem Lied zu tun?

AS: Das will ich dir erklären. Das „Kirchenlied II“ fand nach seinem Erscheinen 1967 keine große Verbreitung, weil bereits 1975 das „Gotteslob“, das gemeinsame Gesangbuch für alle Diözesen, erschien. Im Bistum Hildesheim wurde das Lied „Herr der Könige der Erde“ als einziges deiner Lieder in den Diözesaneigenteil aufgenommen. Bei der Neuauflage 2013 blieb es erhalten und ich durfte einen Orgelsatz dazu anfertigen. Ich hoffe, er findet deine Zustimmung.

Herr der Könige der Erde (Stingl)

AE: Na ja, ein bisschen traditionell ist er schon! Aber ich höre auch Anklänge an Hindemith. Sehr schön, dass sich der Bass meist schrittweise bewegt und im viert- und drittletzten Takt Imitationen der Melodie zeigt.

AS: Es ist gleich zwölf Uhr. Womit wollen wir auf das Neue Jahr anstoßen? Die Weisen aus der sechsten Strophe hatten nur Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei, aber nichts zum Anstoßen.

AE: Nehmen wir doch den Gutedel, den unser komponierender Vater so gerne trank. Auf dem Etikett stand der schöne Spruch: “In allen Lebenslagen trink Wein von Zirlewagen!“

AS und AE: Auf die vergangenen 63 Beiträge und darauf, dass uns im Neuen Jahr möglichst viel Kunst und wenig Kitsch begegnen!

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