Ist Jesus Christus noch der Herr?

Der Hymnus aus dem Philipperbrief, Kapitel 2, Verse 6-11 hat im Gotteslob 2013 seinen Platz gewechselt. 1975 wurde das Canticum seines Inhalts wegen an den Beginn der Gesänge von der Passion gesetzt (Nr. 174), 2013 schob man es an seinen liturgischen Platz in der Sonntagsvesper (Nr. 629,6). Außerdem hat man hier im Gegensatz zu anderen Stellen die neue Einheitsübersetzung verwendet, die zum Zeitpunkt der Bearbeitung des Gesangs (2008) noch gar nicht veröffentlicht war, sie kam erst 2016 auf den Markt. Daraus ergab sich die Konsequenz, dass die Bearbeitung von Walter Röder (1970) mit der alten Übersetzung nicht mehr verwendet werden konnte. Walter Röder ist übrigens das Pseudonym für einen Gruppe von Kirchenmusikern um Heinrich Rohr (1902‒1997). Mit dem alten Gesang verzichtete die GGB-Kommission, die für die neue Bearbeitung im Gotteslob verantwortlich zeichnete, auch auf den Kehrvers mit der zentralen Aussage des Hymnus „Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters“, der im Gotteslob 1975 als Rahmenvers vorgesehen war. In der neuen Fassung überlässt man den Vers am Ende der letzten Strophe dem Kantor. Anstelle des Rahmenverses wählte GGB als Kehrvers „Christus Sieger, Christus König“ mit der pseudogregorianischen Melodie von 1900, die man einen Ton tiefer setzte, um den Huldigungscharakter aus Hinkmars Lobgesang etwas abzuschwächen.

War es Zufall oder Absicht, dass die GGB-Vertonung in derselben Tonart steht wie 1975? Jedenfalls erleichtert es den Vergleich zwischen den beiden Fassungen ungemein. Dabei treten auch die Unterschiede der beiden Übersetzungen zu Tage. Da in der neuen Fassung der Kehrvers mit der zentralen Aussage wegfiel, musste zu Beginn der 1. Strophe das Personalpronomen Er durch Christus Jesus ersetzt werden. Diese zwei Worte stammen aus dem vorangehenden Vers 5 und sind notwendig, damit man versteht, um wen es hier geht. Die Walter-Röder-Gruppe (WRG) hatte im Vers 6 des Hymnus bei der Passage Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein Anfang und Schluss vertauscht. Die Gruppe war ebenso verantwortlich für die Auslassung des Pronomens er vor entäußerte sich.

In der 2. Strophe schwächte die GGB das starke Wort Kreuz in der neuen Einheitsübersetzung durch die die altertümelnde Wendung Kreuze.

Um eine eigene 3. Strophe zu profilieren, veränderte die WRG ohne Not den Schluss des Verses 9. Aus der größer ist als alle Namen wurde der jeden Namen übertrifft.

In der vierten Strophe hatte die WRG den Text nach Belieben umgestellt. Der ursprüngliche Text lautete in der alten wie in der neuen Übersetzung: damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt.

Die Textentstellungen der WRG können natürlich nicht entschuldigt werden. GGB dagegen hat aus guten Gründen am Anfang zwei Worte ergänzt. Musikalisch gesehen spricht aber vieles für das Konzept der WRG. Es verwendet für den Hymnus ein dreiteiliges Modell, das „nicht für Vorsänger gedacht“ ist, „sondern wie die Gemeindepsalmodie für den abwechselnden Gesang der Gemeinde: Vorsänger – Alle, Sängerchor – Alle oder rechte Seite – linke Seite“ (Werkbuch II/1 zum Gotteslob). Mit dieser guten Absicht hatte die WRG allerdings die musikalische Auffassungsgabe von durchschnittlichen Kirchenbesuchern wohl überschätzt. Aus diesem Grund hat GGB den Text des Hymnus vollständig einem Kantor übergeben. Bei der Vertonung fallen aber verschiedene Ideen negativ auf. An einigen Stellen hat GGB wissentlich oder unwissentlich die Melodie ihres Vorgängers übernommen:

1. war Gott gleich, hielt aber nicht da(ran); Menschen gleich.
2. eines Menschen;
3. Darum hat ihn Gott ü(ber) al(le erhöht); (al)le Namen.
4. ihre Knie beugen; und jeder (Mund) bekennt:

Bei einzelnen Worten versuchte man ihren Bezug zueinander durch eine Tonhöhenbeziehung zu interpretieren, was im Gregorianischen Choral, auf den hier unzweifelhaft Bezug genommen wird, unüblich ist:

1. wie Gott zu sein – entäußerte sich: im Quintabstand,
2. Menschen – Tod: im Quintabstand,
3. Namen verliehen – alle Namen: im Quintabstand,
4. Himmel – Erde: im Oktavabstand.

An anderen Stellen werden bedenkenlos Pes-Figuren aus der Gregorianik bei Worten verwendet, die besonders hervorgehoben werden sollen: Kreuze, Namen, Jesu, Christus.  Die Strophe des Kantors  schließt leider nie mit dem Anfangston des Kehrverses, sondern jedes Mal mit einem anderen Ton: g, f, b. Der letzte Teil ist im Verhältnis zu den anderen zu lang und sollte ebenso aufgeteilt werden wie im Gotteslob 1975. Diese Mängel weist auch das ebenfalls von GGB gebastelte Credo Nr. 178 auf.

Nach dem Motto „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21) habe ich die Fassung von 1970 durch Recycling (= Wiederaufbereitung) auf den Stand der Einheitsübersetzung von 2016 gebracht. Damit erhält „Jesus Christus ist der Herr“ wieder seinen angestammten Platz.

Anton Stingl jun.

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