Fröhliche Lieder?

Unter dem Titel „Das gesungene Lob“ veröffentlichte der Schweizer Theologe für Exegese des Neuen Testaments Dr. Robert Vorholz in der Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ Nr. 28 am 15. Juli 2018 einen Beitrag, der mit dem schönen Satz beginnt: „Zu Beginn der Eucharistiefeier wird meistens ein fröhliches Lied gesun­gen.“ Nach der Lektüre brauchte ich dringend frische Luft und brach zu einer Schwarzwaldwanderung auf. Unterwegs verdichtete sich das Gelesene zu einem Limerick.

Wie sollen wir Gott richtig loben,
zum Einzug ein Lied fröhlich proben?
Mit Schlager und Hit?
Ich mir das verbitt‘,
da werden die Völker doch toben! (Ps 2,1)

Die „Schlager″, die hier genannt werden (GL Nr. 477 oder 142), können mindestens musikalisch nicht als solche erkannt werden. Sie sind eher als Lückenbüßer zu sehen, wie jener Hinweis in den Antiphonarien des 8./9. Jahrhundert, wenn die Liturgie keinen passenden Text vorgab: « Quale volueris » ‒ „Was du willst“. Eigentlich ist „Zu Dir, o Gott, erheben wir die Seele mit Vertrauen“ (Nr. 142) der liturgiegemäße Einzugsgesang zum 1. Adventssonntag: Ad te levavi animam meam am Beginn des neuen Kirchenjahres. Das wird nicht immer so passen, aber man sollte möglichst oft das „Was du willst“ vermeiden und sich am lateinischen Introitus oder an den Lesungen des Tages orientieren. Die Kategorie „fröhlich“ taugt vielleicht für Kindergottesdienste (vgl. Martin Gotthard Schneider, Der Gottesdienst soll fröhlich sein, EG Nr. 169).

Die Formulierung „Wer es klassisch mag“ wird z.B. in der Welt der Küche, der Mode, der Musik, des Hundegeschirrs, der Schokolade, der Hotels und überall dort verwendet, wo es auf den Geschmack, also auf ein subjektives Werturteil ankommt. Wer auf den Gregorianischen Choral „schwört“, weiß sich einer Musik verbunden, die in dieser Form um  750 als Liturgiegesang der Kirche geschaffen und in ganz Europa verbreitet wurde. Nach dem allmählichen Niedergang des Gregorianisch Chorals begannen die Mönche von St-Pierre in Solesmes mit einer Restitution, die im Graduale von 1908 ihren Niederschlag fand. Das zweite Vatikanische Konzil (1963) setzte den Gregorianischen Choral erneut an den ersten Platz in der Liturgie und forderte eine kritische Ausgabe der zugehörigen Bücher. Diese Ausgabe wird mit dem Erscheinen von Band II des Graduale Novum im Oktober dieses Jahres abgeschlossen sein. So also sehen die „Bahnen einer altehr­würdigen liturgischen Tradition“ aus. Übrigens: „einen gregorianischen Choral“ gibt es nicht. Gregorianischer Choral ist ein Singulare tantum und wird ohne unbestimmten Artikel gebraucht. Die einzelnen Teile des Messpropriums werden bei ihrem Gattungsnamen gerufen.

Das Wort Introitus = Eingang, Eintritt, Einzug, Einmarsch, Zugang hat denselben Wortstamm wie introibo, aber nicht weil der Psalm 43 damit beginnt: „Hintreten will ich zum Altare Gottes, zum Gott, der froh macht meine Jugend.“ Dies ist auch nicht der Text eines Introitus, den „ein kleiner Chor [= die Schola] singt“, sondern er gehört zu einer Communio. Der Vers ist auch aus dem früheren „Staffelgebet“ (Stufengebet) bekannt, dem Schrecken aller Ministranten, die kein Latein konnten.

Die Verbindung zu Gott kann, ohne dass die „musikalisch-liturgischen Geschmacksfragen“ geregelt sind, nicht funktionieren. Wie kann Gott mit mir in Verbindung treten, wenn ein „Gospelchor“ mit hämmernder instrumentaler Unterstützung seine NGLs mir aufzwingt. Die Stelle mit den „Kindern und Säuglingen“ (Ps 8,2 eigentlich 8,3) wird im Übrigen sehr unterschiedlich übersetzt. Alfons Deissler: „[Besungen] wird dein Glanz am Himmel / von der Kinder und Säuglinge Mund.“ Erich Zenger: „Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen / hast du eine Festung errichtet / um deiner Widersacher willen, / um zum Aufhören zu zwingen Feinde und Rachgierige.“ Neue Einheitsübersetzung: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir ein Bollwerk errichtet / wegen deiner Gegner, * und zum Einhalten zu bringen Feind und Rächer.“

Anton Stingl jun.

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