Eine „Königin“ mit Imageproblem?

Davon ist Amelie Tautor, Redakteurin der katholischen Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ überzeugt. Der ökumenischen Ausrichtung der Zeitschrift folgend hat sie im „wunderschönen Monat Mai“ zum Thema Orgel diverse Artikel im Monatsmagazin „Zeitzeichen“, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft (Zz) gelesen und ihre Erkenntnisse in CiG (26/2018, S. 283f.) unter der Überschrift „Die Klangwelten einer ‚Königin‘“ zusammengefasst. Die Redakteurin beschäftigte sich in der Vergangenheit mit ganz unterschiedlichen Themen wie „Geld für alle“ (CiG 31-05-16), „Seichte Lieder oder brennende Herzen?“ (Musica sacra 2016/05), „Vom Reden und Schweigen in der Kirche“ (CiG 35/2016). Amelie Tautor studierte in München Politische Wissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Kommunikationswissenschaft und absolvierte anschließend ein Volontariat beim Evangelischen Presseverband für Bayern.

Im orgelgeschichtlichen Teil ihres Aufsatzes zitiert Amelie Tautor aus dem Artikel „Orgel historisch“ (Zz 31-05-18) des Kölner Germanistikprofessors Karl-Heinz Göttert, der unlängst ein Buch mit dem phänomenalen Titel „Die Orgel. Kulturgeschichte eines monumentalen Instruments“ herausgebracht hat.  Martin Hagen urteilt in SWR2 Cluster über das Buch: „Eine unterhaltsame Lektüre ohne Belehrung und wissenschaftlichen Ballast.“ Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass das Bilderbuch seit Weihnachten ungelesen auf meinem Nachttisch liegt. Zur Rolle der Orgel ergänzt Amelie Tautor die Ausführungen Götterts mit der Bemerkung „Daneben wird sie [die Orgel] aber auch genutzt, um durch ihre starken Klänge ein Gefühl der Festlichkeit zu erzeugen, etwa wenn der Klerus in die Kirche einzieht“. Das Gleiche gilt natürlich auch für den Auszug. Erzbischof Conrad Gröber in Freiburg „bestellte“ sich regelmäßig mitten im Gottesdienst über seinen Zeremoniar als „starke Klänge“ zum Auszug des Klerus die « Pièce héroïque » von César Franck bei seinem Domorganisten Dr. Carl Winter.

Aus dem Artikel die „Orgel als Weltkulturerbe“ des Heidelberger Professors für Musikgeschichte, Michael Gerhard Kaufmann (Zz 31-05-18) wird der Satz zitiert: „Wenn die Unesco als internationale Organisation, die weder religiös noch staatlich gebunden ist, die Orgel so wertschätzt, lässt sich gegenüber kirchlichen und kommunalen Verwaltungen ganz anders argumentieren“. Bei aller Freude, dass Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland dieselbe Würdigung erfahren hat wie die Pizzabäckerei, so vermute ich, dass Michael Kaufmann mit seinem Antrag an die Unesco handfeste Absichten hatte, die im Artikel von Tautor auch genannt werden: „Die Restaurierung einer Orgel sei teuer, und oft lockten ausländische Firmen mit Dumpingpreisen“. Germany first!

Kaufmann spricht auch das Nachwuchsproblem bei nebenamtlichen Kirchenmusikern an und vermutet, dass dies am Lebensstil der Menschen liegt, die sich nicht dauerhaft und verbindlich verpflichten wollen. Vielleicht liegt es aber auch an ganz praktischen Dingen. Wird von den Kirchen gratis Orgelunterricht angeboten? In den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ich in Bühl (im ländlichen Raum!) in einem Jahr 30 Anmeldungen zum kostenlosen Orgel-Kurs; 20 konnte ich neben meinem Schulunterricht annehmen. Doch ich musste die Orgelschüler leider im 20-Minuten-Takt wie am Fließband abfertigen. Werden auch genügend Übemöglichkeiten angeboten? Ich beobachte in meiner Kirche, dass übewillige C-Schüler vor der Kirche stehen, weil nicht rechtzeitig aufgeschlossen wird. Der Zugang zur Orgel sollte den Übenden offen sein. Ich persönlich erinnere mich an Konflikte mit Putzfrauen, Mesnern und sogar mit der Polizei, weil die Fenster nicht geschlossen waren und die Anwohner sich beschwerten. Interessant finde ich die Feststellung, „dass man eigens in die Kirche gehen muss, um Stücke einzuüben“. Man muss übrigens nicht „nur Stücke“ einüben, sondern auch die Liedbegleitung und die Bedienung der unterschiedlichen Liedanzeiger. Vor allem das „Strophen picken“ will gelernt sein. Zum Thema „jeden Sonntag früh aufstehen“ nur so viel:  Als Ministrant begann die Woche am Montag um 6.15 Uhr. Während meines Studiums hatte ich regelmäßig bei Seelenämtern um 7.00 im Freiburger Münster in Personalunion gregorianisch zu singen und mich zu begleiten. Bei meiner ersten Stelle in St. Ulrich/Bollschweil begann der Sonntag stets um 7.00 Uhr mit der Frühmesse und einem anschließendem Frühstück im Pfarrhaus, danach wurde um 10.00 Uhr regelmäßig das Amt mit dem Kirchenchor gefeiert. Heute hat sich die Bedeutung des Begriffs Frühmesse stark verändert. Der nächste Termin der Band „Frühmessler“ aus St. Martin in Sinzheim ist am 23.09.2018 um 10.30 Uhr!

Die wahren Ursachen für die mangelnde Wertschätzung der „Königin der Instrumente“ – nach Mozart „des Königs aller Instrumente” – kennt der Kirchenmusiker Daniel Stickan. Seine professionell gestaltete Website [http://stickan.org/] erklärt, was Stickan unter Neuer Kirchenmusik versteht. Ob aber seine Rezepte die Misere beheben, die Amelie Tautor unter der Überschrift „Organisten – fern der Gemeinde“ schildert, glaube ich nicht. Ich zitiere nur Stichworte: „typischer Gottesdienst am Sonntagmorgen, in den Bänken überwiegend nur eine Handvoll alter Menschen, Gesang kläglich, Organist weit entfernt auf der Empore, kein Kontakt zwischen Musiker und Gemeinde, beim Vorspiel wegen Fülle der Schnörkel und Triller Melodie nicht zu erkennen [Wenn die Autorin öfters hier wäre, würden sie die Melodie kennen!], leise und einfühlsame Töne fehlen, langatmiges Vorspiel ermüdet, Gemeindegesang verliert sich unter Orgelklängen, Gefühl der Unterdrückung unter bombastischen Brausen der Klänge, Gegenrezept: E-Piano im Altarraum.“ Abgesehen davon, dass diese Vorwürfe uralt sind, habe ich den Verdacht, dass Amelie Tautor noch einen weiteren Beitrag aus den „Zeitzeichen“ in ihrem Artikel verwertet hat: Konrad Klek und Stephan Kosch, Pro und Contra – Brauchen wir die Orgel im Gottesdienst? (Zz 27-05-18).

Für das Folgende sollten wir einmal zwischen Orgelmusik für den katholischen und den protestantischen Bereich und für Orgelkonzerte sauber trennen. Welche der im Artikel genannten zeitgenössischen Kompositionen Olivier Messiaen, Pierre Cochereau, Wofgang Rihm oder Isabel Mundry passen in welche Kiste? Entschuldigen Sie bitte, dass ich nur die katholische Kiste berücksichtigen kann, da ich nur wenige Gelegenheit hatte, in evangelischen Kirchen Vertretungen anzunehmen. Von Messiaen habe ich „Le banquet céleste“ zur Kommunion und „Apparition de l’Église Éternelle“ zum Auszug gespielt. Die übrigen Orgelwerke gehören wohl eher ins Konzert. Außerdem hat Messiaen selsr sehr traditionell in St-Trinité in Paris gespielt. Von Cochereau gibt es nur wenige Kompositionen, dafür zahlreiche Transkriptionen seiner Improvisationen, alle für den Konzertbereich. Die Orgelwerke von Wolfgang Rihm auf der letzten CD sind sicher nicht für die Liturgie entstanden (z.B. Siebengestalt für Orgel & Tamtam). Von Isabel Mundrys „Innenräumen“ habe ich bisher nichts gewusst. Der Beschreibung entnehme ich, dass es sich nicht um liturgische Musik handelt. Die Förderung moderner Komponisten in der evangelischen Martinskirche in Kassel, in der katholischen Kunst-Station Sankt Peter Köln und beim vom SWR gesponserten Festival Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd betrifft nur repräsentative Werke, mit denen man Staat machen kann, was für die Veranstalter wichtig ist.

Warum sind Orgelstücke von den fünf genannten Komponisten „zu beliebt und verlockend bequem“? Von den 220 Stücken von Bach fallen mir nur die Toccata d moll BWV 565 und die Bearbeitung von „Jesus bleibet meine Freude“ BWV 147, beide nicht bequem zu spielen. Ich trainiere z.Zt. Präludium („Bach-Walzer“) und Fuge C dur BWV 547. Welche von den 89 Orgelwerken des Dieterich Buxtehude beliebt sind, vermag ich nicht zu sagen. Ich spiele gerade Toccata F dur BuxWV 157. Bei Christian Heinrich Rinck muss ich passen. Der thüringische Enkelschüler von Johann Sebastian Bach ist mir nur in obskuren Sammlungen begegnet. Auch von Camille Saint-Saens kann ich in meinem Repertoire nichts finden. An Max Reger kommt keiner vorbei. Zumal er außer den großen und schweren Choralfantasien auch Stücke für die „zweite Reihe“ komponiert hat, wie Toccata und Fuge op. 59, Nr. 5 & 6.
[https://www.youtube.com/watch?v=qja_YELGOSA]
Was ist daran schlecht, wenn ich nach dem „Bach-Walzer“ als Postludium von Gemeindemitgliedern gefragt werde, „was war das für ein tolles Stück heute?“ Haben wir Organisten nicht nach Robert Schumann eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: „Schlechte Kompositionen musst du nicht verbreiten“?

Was soll also die Umerziehungsaktion zur zeitgenössischen „qualitativ hochwertigen“ Orgelmusik? Tautor zitiert selbst, es „bedarf einer gewissen Bereitschaft in den Kirchengemeinden erstens mental und zweitens intellektuell diese aufnehmen zu wollen“. Zu „mental“ bietet mir Word folgende Synonyme an: in Gedanken, geistesabwesend, verträumt und zu „intellektuell“: geistig, gebildet, intelligent, urteilsfähig, verstandesmäßig. Da Word kein Latein kann, muss man für „mental“ noch die Bedeutungen geistig, bedächtig und sinnlich hinzufügen. Tautor stellt also recht hohe Anforderungen an den Bildungsgrad einer Pfarrgemeinde. Doch nicht der IQ ist entscheidend für die Zugehörigkeit zur Gemeinde, sondern das Bekenntnis zum Glauben. Ein Totschlagargument, ich weiß! Aber was antwortet man, wenn ein Schüler nach dem Anhören von Dt 31,6 von Dieter Schnebel zu seinem Musiklehrer sagt: Wie kann man so etwas komponieren, wenn einem der liebe Gott gesunde Sprechwerkzeuge geschenkt hat? [https://www.youtube.com/watch?v=y4nX3mpIcWw]

So landen wir schließlich bei Pop und Jazz. Jazz ist für die meisten zu anspruchsvoll, gerade weil er sich laut Stickan für Experimente eignet: „Er ist eine globale Musik mit einer spirituellen Geschichte, die zu einer theologisch fruchtbaren Vision von Kirchenmusik taugt.“ Der Pop hat ja schon lange in den Kirchen Einzug gehalten, die vielen NGLs und die entsprechenden „Gospelchöre“ (früher schlicht „Singgruppen“) beweisen das. Das meiste davon ist leider Schrott, textlich wie musikalisch. Das abschließende Zitat von Stickan: „weniger Ideologie – mehr Experiment … Qualitätsbewusst, traditionsbewusst, aber auch mit Forschungsdrang und Neugier auf Gottes wehenden Geist“ bleibt leider frommer Wunsch, wenn nur Worthülsen produziert und keine konkreten Vorschläge gemacht werden.

Anton Stingl jun.

2 Kommentare zu “Eine „Königin“ mit Imageproblem?

  1. ‚etwa wenn der Klerus in die Kirche einzieht“‘. Diese Profanierung nervt mich jedes Mal. Nein: Christus zieht ein (und anschließend wieder aus, weswegen das Nachspiel zum Gottesdienst gehört. Bei uns fangen die Leute beim Nachspiel schon an zu schwätzen – das steigert sich bis zum Schreien, um die Orgel zu übertönen!), der „Klerus“ tapert nur hinterher. Was daran nur so schwer zu kapieren ist? Fehlt den Leuten die Phantasie? Feiern die nur mit, weil man das so macht, wie bei La Traviata in Verona, mit Stulle & Pulle?

    Guter Artikel – vom Praktiker für den Theoretiker.

  2. Guten Tag,

    stets erwarte ich Ihre Beiträge mit Neugier und ziehe aus ihnen oft Vergnügen und Erkenntnisgewinn. Dass Sie die behandelten Sachverhalte mit einer gewissen Streitlust und gelegentlich mit sarkastischem Unterton angehen, macht die Lektüre ja so unterhaltsam. Dafür meinen herzlichen Dank!

    Dass ich diesmal eine kleine Rückmeldung gebe, liegt daran, dass Sie in diesem Beitrag eine subtile Form gewählt haben, um der Autorin Kompetenz abzusprechden. Sie sagen ja nun nicht gerade, dass sie vom „Geschäft“ nichts versteht, sondern teilen das Ergebnis Ihrer Recherchen mit:

    „Die Redakteurin beschäftigte sich in der Vergangenheit mit ganz unterschiedlichen Themen wie „Geld für alle“ (CiG 31-05-16), „Seichte Lieder oder brennende Herzen?“ (Musica sacra 2016/05), „Vom Reden und Schweigen in der Kirche“ (CiG 35/2016). Amelie Tautor studierte in München Politische Wissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Kommunikationswissenschaft und absolvierte anschließend ein Volontariat beim Evangelischen Presseverband für Bayern.“

    Nun gewiss, keine Fachfrau für Kirchenmusik, sondern eine Journalistin, die (wie gut oder schlecht auch immer) ihre Alltagsarbeit macht. Bleiben Sie gerne der Mann der o f f e n e n Worte, als den ich Sie schätze.

    Freundliche Grüße
    K.St.Janosch

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