Drei ö-Lieder

Ferienzeit – Urlaubszeit auch für Organisten! Deshalb gab es für mich am 19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) Gelegenheit zu zwei Orgelvertretungen in anderen Kirchen. Auf dem Liedzettel standen statt der erwarteten Vorschläge zu Eröffnung, Gabenbereitung und Dank, die sich in erster Linie auf das Thema „Brot“ in den Lesungen des Sonntags beziehen sollten, zu meiner Überraschung drei Lieder mit dem Logo „ö“, die zufälligerweise alle drei auf evangelischen Kirchentagen bekannt wurden: Solang es Menschen gibt auf Erden 1975 in Frankfurt am Main, Gott gab uns Atem, damit wir leben 1983 in Hannover und Bewahre uns, Gott 1985 in Düsseldorf.

Mit seiner Melodie  von Tera de Marez Oyens-Wansink, die außer in der dritten Zeile nur aus fünf Tönen besteht, und seinen eleganten Synkopen ist das Lied Solang es Menschen gibt auf Erden mit dem Text von Huub Osterhuis seit seinem Erscheinen im Gotteslob 1975 einzigartig. In der Ausgabe von 2013 wollten die Herausgeber der zunehmenden Überalterung der Katholiken Rechnung tragen und setzten deshalb die Melodie einen Ton tiefer. Offenbar blieben aber die Bearbeiter des Orgelbuchs standhaft und ließen es bei der Originaltonart F dur. Das „Rufen“ in der 5. Strophe muss sich Gehör verschaffen. Es gibt sogar zwei Begleitsätze, als Satz B den Satz aus dem alten Orgelbuch, der so wunderbar zur Melodie passt, und einen neuen Satz A für diejenigen, die es etwas schärfer gewürzt mögen. In der stimmigen Übertragung von Dieter Trautwein, die das Evangelische Gesangbuch unter der Rubrik ‚Erhaltung der Schöpfung‘ einordnet, ist in der vierten Strophe sogar noch ein kleiner Bezug zur Sonntagsliturgie zu finden: Brot, das uns vereint.[1]

Den Bearbeiter der Liedvorschläge für den 19. Sonntag hat das Thema ‚Bewahrung der Schöpfung‘ offenbar besonders stark beschäftigt. So hat er mit Gott gab uns Atem, damit wir leben versucht, das Thema ‚Gabenbereitung‘ abzudecken. Gaben Gottes sind Atem, Augen, Ohr, Worte, Hände, Füße. Aber sind diese Gaben bei der Gabenbereitung gemeint? Etwas überraschend ist auch die Rede von der möglichen Zerstörung der Erde durch Gott. „Gut gemeint, aber poetisch nicht zu Ende gemachter Versuch.“[2]

Bei der Notation der Melodie fällt auf, dass die Taktstriche falsch gesetzt sind. Die Silbe nach dem Taktstrich trägt nach allgemeiner Überzeugung die stärkste Betonung. Obwohl ich bestimmt gottgläubig bin, liegen die Hauptbetonungen nicht bei Gott, sondern bei Atemleben / Augensehn / diesegegeben / ihrbestehn. Dann entfalten auch die rhythmischen Zutaten, die Bruckner-Triole in der zweiten Zeile und die beiden Synkopen in der vierten und sechsten Zeile, am rhythmisch richtigen Platz ihre Wirkung.

Mit Bewahre uns, Gott stammt das vorgeschlagene Danklied mit Text und Melodie aus der völlig falschen Kiste. Das Lied mit dem ursprünglich spanischen Text La paz del Señor entstand 1968 im Horizont der Friedensbewegung und ist von argentinischen Volksweisen beeinflusst. Die deutsche Übertragung von Jürgen Eckert ist besonders bei We-geeeeen, Lei-deeeeen, Bö-seeeeen und Se-geeeeen nicht gelungen. Die Zeile Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft hieß ursprünglich Sei Willen und Kraft, die Frieden schafft. Diesen grammatikalischen Fehler konnten Germanisten nicht dulden. Da schafft sich auf Kraft reimen muss, musste Willen weichen. Willen hätte viel besser die Verbindung dieser Zeile zur Vaterunserbitte gezeigt: sei mit uns vor allem Bösen.

Auch wenn das Lied bei der öffentlichen Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs in Winnenden am 11.03.2009 gesungen wurde, ist es aus drei Gründen als Danklied der Messe ungeeignet. Der Text ist kein Danklied, wie man in der Rubrik ‚Lob, Dank und Anbetung‘ von Te Deum laudamus – Großer Gott, wir loben dich bis Erde, singe nachprüfen kann. ‒ Vorsicht! Unter den Liedern sind zwei blinde Passagiere aus der Schubert-Messe versteckt. ‒ Zweitens verkörpert das Lied den Typ des Segensliedes – Gib Herr, uns deinen Segen –, der in der Zeit der Aufklärung in den deutschen Singmessen verkörpert wurde und der heutzutage nicht mehr zur Messliturgie gehört. Und drittens, wenn bei Bewahre uns, Gott im Spanischen der Optimismus eines Aufbruchsliedes herrscht, dann ist im Deutschen die Stimmung wehmütig wie vor einem schweren Weg.[3] Da nützt auch der Sonntagsgruß des Priesters nichts mehr.

Anton Stingl jun.

[1] Mehr zu diesem Lied – eines meiner Lieblingslieder – findet sich im Artikel von Michael Pfeifer in: Die Lieder des Gotteslob, S. 1030ff.

[2] Ansgar Franz und Elke Liebig in: Die Lieder des Gotteslob, S. 376.

[3] Christiane Schäfer und Hermann Kurzke in: ‚Die Lieder des Gotteslob‘, S. 80ff.

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