O Herr, wenn du kommst (GL 233)

  1. O Herr, wenn du kommst, wird es Nacht um uns sein,
    drum brennt unser Licht, Herr, und wir bleiben wach.
    Und wenn du dann heimkommst, so sind wir bereit.
    O Herr, wir warten auf dich.
  1. O Herr, wenn du kommst, jauchzt die Schöpfung dir zu,
    denn deine Erlösung wird alles befrein.
    Das Leid wird von alle deiner Klarheit durchstrahlt.
    O Herr, wir warten auf dich.
  1. O Herr, wenn du kommst, hält uns nichts mehr zurück,
    wir laufen voll Freude den Weg auf dich zu.
    Dein Fest ohne Ende steht für uns bereit.
    O Herr, wir warten auf dich.

Welches „Kommen“ meint Helga Esther Poppe (geb. 1942) in ihrem Lied von 1975 eigentlich, das adventliche oder das endzeitliche? Mit der Nacht in der zweiten Strophe könnte zwar die Weihnacht gemeint sein, aber das brennende Licht, deutet doch eher auf das Gleichnis von den klugen Jungfrauen hin, die wachend den Herrn erwarten (Matthäus 25).

Dem Urteil „Aus einem Guss“ im Handbuch „Die Lieder des Gotteslob“ (Seite 919) bleibt doch noch einiges anzufügen, was die einzelnen Formulierungen betrifft. In der ersten Strophe störte mich zunächst die Zeile und darum erheben wir froh unser Haupt einerseits, weil das erhobene Haupt auch den Hochmut bezeichnen kann, andererseits wegen des Anfangs und darum. Als ich aber den Song „Und darum Herr Richter steh ich heute hier“ von Gunter Gabriel hörte und die Headline „Fußball ist Kult – und darum Kultur!“ las, dachte ich: na gut. In der zweiten Strophe verstörte mich die Wendung wenn du dann heimkommst. Ich dachte immer, der Herr kommt und holt uns in sein Reich heim. Man kann doch nur in seine Heimat heimkommen. Was sind die paar Jahre auf Erden gegen die Ewigkeit? Am Problem in der dritten Strophe sind die Herausgeber schuld. Die dritte Zeile hieß ursprünglich so:

Jetzt erklingt auf dem melodischen Höhepunkt nicht mehr die Klarheit und alles gehört nicht mehr zu Leid, sondern wird zum Füllwort all degradiert. Unwillkürlich denkt man an die Verhunzung vieler Lieder als Folge von geschlechtergerechter Sprache. In der vierten Strophe passt das Wort laufen ohne Zweifel in unsere laufwütige Gegenwart. Aber die klugen Jungfrauen „gingen mit ihm in den Hochzeitssaal“. War bisher der Wortvorrat durchaus bürgerlich, so greift die Autorin zum guten Schluss doch noch zur Jugendsprache. Seit dem Buch von Frère Roger, Prior von Taizé (1975) „Ein Fest ohne Ende“ hat sich dieser Begriff – auch nur mit seinem zweiten Teil – epidemisch verbreitet: „Fulda feiert ohne Ende“, „Leben ohne Ende“, „Party ohne Ende“.

„Die freudige Bewegung der Melodie im Sechsvierteltakt ist durch die Tonart a-Moll etwas gedämpft, wird jedoch jeweils in der Schlusszeile durch die Erhöhung der Sexte und Septime zu Melodisch Moll aufgehellt (Die Lieder des Gotteslob, Seite 920).“  Wenn mit „dämpfen“ eine zurückhaltende Lautstärke gemeint ist, dann hat das Handbuch Recht. Zur „aufgehellten“ Schlusszeile möchte ich einen Vorschlag machen, da nur Beethoven und Konsorten Schlüsse wiederholen dürfen.

Für alle anderen empfiehlt sich ein einmaliger Schluss. In diesem speziellen Fall bewährt sich zuvor ein die Dominante umspielendes „Warten“, bis die Melodie am Schluss „kreuzweise“ zur Tonika aufsteigt.

Dass man das Thema „Kommen des Herrn“ auch ganz anders sehen kann, zeigt das Lied „Heimkehr“ mit dem Text von Georg Thurmair (1909‒1984) von 1959 und der Melodie von Adolf Lohmann (1907‒1983) von 1961 in: Kirchenlied II (1967)

  1. Wir suchen dich mit Bangen in dem Gewirr der Zeit;
    o Herr, lass uns gelangen ins Reich der Ewigkeit!
    Lass uns in deinen Feuern als treu erfunden sein;
    hol uns in deine Scheuern als gute Ernte ein!
  1. Du hast dein Wort gegeben, wirst immer bei uns sein;
    schließ unser ganzes Leben in deine Liebe ein!
    Zeig uns, wie wir vertrauen, des Vaters Angesicht,
    dass wir ihn ewig schauen in seiner Glorie Licht!

Obwohl der Text dieses Liedes nur etwa 15 Jahre früher entstanden ist, zeigt er eine Sprache, die weit in die Vergangenheit zurückweist. Heil der Frommen beispielsweise stammt aus dem achtzehnstrophigen Lied „Die Zeit ist nunmehr nah“ von Paul Gerhardt. Auch Gewirr der Zeit und Glorie Licht sind Begriffe, die mindestens ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Hier geht es nicht um Freude und Fest, sondern um Bangen und in Feuern treu erfunden. Vertrauen und Liebe sind Voraussetzung für die Schau des Lichtes, bei Poppe wird dies alles ganz selbstverständlich erreicht. Für die christliche Wohngemeinschaft von jungen Frauen, die sie damals leitete, war dieser Ton sicher richtig. Das Lied von Thurmair/Lohmann war dagegen „für Einkehrtage, für eine Volksmission, zur Beichtvorbereitung und für die Fastenzeit“ gedacht.  Die Richtung des Wortes „Heimkehr“ im Titel ist hier klar: Die „Party ohne Ende“ findet im Himmel statt.

Anton Stingl jun.

Zum Schluss noch ein Tipp für ein Weihnachtsgeschenk: