„Kirchenlied“ verboten

1. Januar 2019

Gestern vor 76 Jahren erblickte meine Schwester Veronika das Licht der Welt. Aus diesem Anlass hatte mein Vater Heimaturlaub von seinem Militärdienst in Frankreich und weilte in Freiburg. Zu seinem Schrecken musste er  dort feststellen, dass Erzbischof Conrad Gröber das „Kirchenlied“ für den Gottesdienst verboten hatte, jenes Gesangbuch, das mein Vater in seinem Aufsatz „Kunst und Kitsch im Kirchenlied“ ausdrücklich „von Herzen“  gelobt hatte. Nach seiner Rückkehr in Frankreich schrieb er an Erzbischof Gröber den folgenden Brief.

An Erzbischof Gröber                                                                                                 Januar 1943

Hochwürdigster Herr Erzbischof, Exzellenz!

Als ich anlässlich der Geburt meines zweiten Kindes ein paar Tage in Freiburg auf Urlaub war, erfuhr ich zufällig, dass Euer Exzellenz das „Kirchenlied“ im öffentlichen Gottesdienst verboten haben. Ich konnte zunächst nichts denken und empfand einfach nur den Schmerz über die Beraubung der Jugend um ihre Lieder, die sie mit Begeisterung und tiefer Freude gesungen hat, wo immer das „Kirchenlied“ im Gebrauch war. Dann raffte ich mich auf und entschloss mich, sobald ich wieder in Frankreich ankam und es meine Zeit nach Dienst zuließ, Ihnen Exzellenz zu schreiben und das „Kirchenlied“ bei Ihnen als Musiker, Künstler und gläubiger Katholik zu verteidigen.

Glauben Sie mir, Exzellenz, dass sich die Jugend über das Erscheinen des „Kirchenliedes“ von ganzem Herzen gefreut hat, weil es sie viel mehr als die Lieder unserer Mütter und Großmütter, die wir sonst lieben und hochschätzen, zum Opfer Jesu Christi am Altar hinführte; viel mehr deshalb weil die Texte eine unmittelbare und echte Verbindung zur Frohbotschaft hatten und auch Worteinheit und -klarheit in ihnen war, viel mehr auch deshalb, weil den Melodien ein frischer neuer und zugleich reiner und herber, alter Hauch entströmte. Alles sprach die Jugend unmittelbarer an und nicht sosehr aus zweiter Hand, nach der Art von süßlichen Gipsmodellen, wie es so manches Lied aus den bisher gebräuchlichen Diözesangesangbüchern – ich spreche nicht nur vom „Magnifikat“ – an sich hatte. Ich möchte den Stil jener Gesangbücher vergleichen mit dem imitierenden und wenig ursprünglichen Stil der neuromanischen, neugotischen oder neubarocken Kirchen mit ihrem das religiöse Leben lähmenden Schablonenmaß und das „Kirchenlied“ mit dem Stil einer neuen Architektur, die wieder für wesentliche Raumfragen empfindlich geworden ist. In beiden, dem „Kirchenlied“ und der neuen Architektur kündigt sich ein Gemeinschaftsbewusstsein des religiösen Lebens an. Hier waren auch wieder Lieder, die jeder singen konnte, ohne rot zu werden über irgend eine Geschmacklosigkeit des Textes oder der Melodie, an die sich so manche gewöhnt haben, ohne sich Gedanken darüber zu machen.

Ich persönlich war sehr glücklich über das Erscheinen des Kirchenliedes. Es kam in der Auswahl der alten Lieder sehr meinem Urteil nahe, da es gerade die Lieder enthielt, die ich unter dem alten überlieferten Liedgut auch schätzte bis auf verschwindende Ausnahmen. Und auch die neuen Lieder enthielten schöne und wertvolle Beispiele lebendigen Liedgestaltens unserer Zeit, worüber wir uns freuen konnten. Über einzelne Dinge kann man natürlich immer streiten. Ich bin selber als Komponist nicht mit jeder Einzelheit restlos einverstanden. Ist doch das „Kirchenlied“ ein ganz neuer Versuch, etwas neu- und wieder zu gestalten. Es konnte selber noch auf keine „Vorbilder“ zurückgreifen. Eine spätere Auflage wird vielleicht manches ändern und erweitern. Aber in der Grundlinie konnte man sich doch freuen über die Reinheit der Auffassung und den künstlerischen und religiösen Ernst, der dahinter steckte und auch über den Versuch, die praktische Verbindung zum Altar zu wahren.

Manche Lieder sind auch darin, die nicht in das hl. Messopfer hineingehören, sondern in eine Andacht. Aber das wird jeder hierfür zuständige Pfarrer schon zu scheiden wissen.

Ich möchte in diesem Brief nicht auf einzelne Lieder eingehen. Das erlauben mir die Umstände als Soldat nicht, da mir hier die Zeit dazu fehlt. Ich will auch nicht einer radikalen Ausmerzung gewisser Lieder das Wort reden. Ich weiß, wie so manches liebe Mütterlein an so manchem Lied, das ich nicht schätze, hängt. Sie soll es ruhig weitersingen und ich lächle nicht über sie.

Es steckt da, wie ich erst in den letzten Jahren eingesehen habe, nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein religiöses und zugleich psychologisches Problem des Volkes und der Generationen dahinter, das ich nicht verkennen will. Aber ich bitte Sie, Exzellenz, die religiöse und psychologische Lage auch der Jugend nicht zu übersehen, die ein geschärfteres Ohr für diese Dinge hat, als Sie vielleicht annehmen. Sie wird es überhaupt nicht verstehen und es Ihnen sogar übelnehmen, vor allem der Teil, der jetzt draußen im Felde steht, wenn Sie ihr etwas nehmen, woran sie mit ganzer Seele hängt, weil sie es als ihr Gotteslob empfindet, da es aus Ihr herausgewachsen ist. Nehmen Sie lieber dafür ein paar Sorgen der äußeren Organisation des Gottesdienstes in Kauf, die sich vielleicht – ich kann das nicht so übersehen – aus dem gleichzeitigen Bestehen des „Magnifikats“ und des „Kirchenliedes“ ergeben.

Dieses wollte ich ihnen sagen, Exzellenz. Verzeihen Sie, wenn ich unbewusst eine Form in meinen Zeilen missachtete, was ich nicht beabsichtigte. Ich sprach lediglich aus der starken Sorge um eine sehr wesentliche Sache, die durch Ihre Maßnahme großen Schaden erleiden könnte.

In diesem Sinn grüßt Sie ergebenst

                             Soldat Anton S t i n g l
                             Feldpostnr.  17050 B.

Das „Kirchenlied“-Verbot des Erzbischof Gröber von 1938 hatte auf die Dauer keinen Erfolg, im Gegenteil: Das Erzbischöfliche Ordinariat Freiburg erteilte am 28. August 1961 eine Druckerlaubnis für das „Kirchenlied“. In das gemeinsame Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ , das 1975 erschien, wurden 79 der 140 Lieder des „Kirchenlied“ aufgenommen, wenn auch bei den meisten Liedern in einer textlich oder musikalisch überarbeiteten Form. Weitere 56 Lieder wurden in einzelne oder mehrere Diözesananhänge des „Gotteslob“ übernommen. In der Neuauflage 2013 wurden nur 6 Lieder entfernt. Somit hat sich der Wunsch meines Vaters voll und ganz erfüllt, „dass von diesem Geiste [des „Kirchenlied“] etwas in die künftigen deutschen Gesangbücher übergehen möge.“

Anton Stingl jun.

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