Luja sog i

Zur Diskussion, ob „Luja sog i“ vom „frohlockenden“ Engel Aloisius aus der humoristischen Satire „Der Münchner im Himmel“ von Ludwig Thoma stammt oder aus der bayrischen Mundart kommt, kann ich heute einen gewichtigen Beitrag liefern.

Im 10. und 11. Jahrhundert war es in Bayern üblich, an besonderen Tagen dem lateinischen Alleluia in der Messe eine auf dieselbe Melodie gesungene Prosula (Verkleinerungsform von Prosa) voranzustellen. Da musste der anschließende Stammtisch eben etwas später beginnen, zumal es zum erheblich längeren Alleluia-Vers ebenfalls eine Prosula gab. In zwei aus St. Emmeram in Regensburg stammenden Kantoren-Büchern, die zwischen 1024 und 1037 geschriebenen wurden, findet sich folgende Prosula zum Alleluia « Christus resurgens » ‒ Christus ist auferstanden.

Prosula Rex regum summe

‚Halle‘  Höchster König der Könige,  den jeder lobt im Himmel wie auf Erden, du hast mit der Schuld des Erstgeschaffenen Fleisch angenommen und uns dem gottlosen Feind entrissen, lasst uns miteinander singen: ‚luja‘.

Wer der Quadratnotation nicht mächtig ist, kann sich der Transkription in die „Eierkohlennotation“ bedienen.

Prosula Rex regum summe

Für die Prosula « Rex regum summe »wird das Wort Alleluia in zwei Hälften zerlegt. Die erste Hälfte steht wie eia (= auf!) als Aufforderung am Anfang, auf die zweite Hälfte am Ende führt der Text direkt hin: „Lasst uns miteinander singen: luja“.

Wir sehen also, dass „luja sog i“ ‒ hier im Singular im Unterschied zum Plural in der Prosula ‒ eine fast 1000jährige Geschichte hat. Allerdings wurde aus dem lateinischen langen ū, dessen Klang in der Prosula durch eine liqueszierende ‒ den Übergang von u nach i (j) markierende ‒ Verdoppelung noch verlängert wird, bei Aloisius ein kurz- und bündiger Vokal.

Die Tradition, die Melodie des Alleluia zu prosulieren [Verbum zu Prosula], hat sich nach dem 11. Jahrhundert auf Protest der Frauen, die zuhause mit dem Mittagessen warteten, rasch verloren. Vielleicht könnte man sie heute in der fünften Jahreszeit wieder aufleben lassen. Besonders geeignet erscheint mir zu diesem Zweck das im Gotteslob neu aufgenommene Halleluja des französischen Komponisten Alexandre Lesbordes (174,6).

GL 174,6

Entgegen der Vorschrift breit wird das Halleluja, wie im Beispiel auf YouTube zu hören ist, meist im etwas geschwinderen Schunkel-Tempo gesungen:

„Luja“-Prosula

Und so wird uns am Fasnachtsonntag, Entschuldigung, am Sonntag Septuagesima nach vorchristlicher, nein, vorkonziliarer Zählung ‒ das ist im Jahr 2019 der 8. Sonntag im Jahreskreis ‒ der Abschied vom Halleluja nicht mehr schwer fallen. Um gut über die hallelujafreie Zeit bis zur Osternacht zu kommen, lesen Sie am besten in meinem neuen Buch „Alleluia, dulce carmen“.

Anton Stingl jun.

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