Pfingsten in Bautzen

»Nächstes Jahr in Jerusalem« ist der traditionelle Wunsch am Schluss des jüdischen Sederabends. Dieses Jahr in Schmochtitz bei Bautzen findet vom 10. bis 15. Juni 2019 der 11. Kongress der Internationalen Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals (AISCGre) statt. Das Kongressthema lautet: Der Gregorianische Choral: Semiologie und Interpretation. Die Bedeutung der rhythmischen Artikulation.

Damit widmet sich der 11. Internationale Kongress einem zentralen Aspekt der Interpretation des Gregorianischen Chorals; die rhythmische Artikulation ist zugleich Grundlage und rhythmisch-musikalisch-ästhetischer Kontext für die Anliegen der gregorianischen Semiologie. Das Herzensanliegen der AISCGre steht somit im Zentrum des Treffens: die Fortführung der von Eugène Cardine begründeten semiologischen Ausrichtung des Gregorianischen Chorals, die sich nicht mit Beschreiben oder Analysieren zufrieden gibt, sondern ganz im Geiste Cardines, dessen Werk und Wirken die Verkündigung des gesungenen Gotteswortes zum Ziel hat.

Vorträge, Impulsreferate, wissenschaftliche Kurzreferate und viele Praxiseinheiten,  gemeinsame Proben und Workshops, werden sich abwechseln. Zum Programm gehören tägliche Gottesdienste. In zwei Konzerten werden die Choralscholen More Antiquo (Ltg. Giovanni Conti), Schola Resupina (Ltg. Isabelle Köstler), Schola Maastricht (Ltg. Hans Heykers) und Schola Canticum Cordium (Ltg. Mariusz Białkowski) auftreten.

In einem der Kurzreferate werde ich über den »Pressus« sprechen. Darunter versteht man zwei Noten auf gleicher Tonhöhe, deren Rhythmus von den Handschriften entweder sorgfältig bezeichnet oder einem »common sens« überlassen wird.

Weitere Informationen zum Kursprogramm finden Sie hier:

https://www.aiscgre.org/programm-kongress-2019/

Die reguläre Kongressgebühr beträgt 140 Euro, die ermäßigte für bestimmte Personengruppen 80 Euro. Anmeldeschluss ist am 30. April 2019.

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns beim Kongress nach »Pfingsten in Bautzen« wiedersehen bzw. kennenlernen.

Anton Stingl jun.

Wiederholung im Gotteslob

In der Fastenzeit soll man auf bestimmte Dinge verzichten, die einem „angenehm und lieb“ sind. Schon im Herbst hatte ich begonnen, diesen Vorschlag zu befolgen, als ich bei der Begleitung von »Ein Danklied sei dem Herrn« (GL 382) die Wiederholung des Schlussteils „ganz ohne Maß ist seine Huld und allbarmherzige Geduld“ schlichtweg vergaß. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass die Wiederholung im Gotteslob-Anhang für die Diözesen Freiburg und Rottenburg  38 Jahre lang nicht notiert war. Wenn ich es aber recht bedenke, war mir die Nichtwiederholung doch sehr „angenehm und lieb“. Denn gilt hier nicht auch die Redensart „getretener Quark wird breit wird, nicht stark“? Schon bei den Anmerkungen zum Adventslied »O Herr, wenn du kommst« (GL 233)  hatte ich bei der Wiederholung der Schlusszeile „O Herr, wir warten auf dich“ solche Bedenken. Wiederholungen am Ende sind nur den großen Meistern gestattet. Auf das Problem der Wiederholung wurde ich wieder aufmerksam, als ich am 17.02.2019 im SWR2 das Wort zum Sonntag hörte und Thomas Weiser über das Lied »Brot, das die Hoffnung nährt« (GL 378) sprach, das seiner Meinung nach durch Wiederholung zum Ohrwurm wird. „Lied, das die Welt umkreist“ ist aber eher wie ein Satellit, der auch im Absturz die Welt nicht erreicht, weil er vorher verglüht. „Brot, das sich selbst verteilt,“ ist einfach eine Utopie.

Besonders die Lieder aus Taizé rechnen mit der Ohrwurmwirkung, denn keines dieser Lieder im Gotteslob kommt ohne Wiederholung aus: »Bleibet und wachet mit mir« (GL 286), »Confitemini Domino« (GL 618,2), »Gloria, Gloria« (GL 168,1), »In manus tuas Pater« (658,1), »Meine Hoffnung und meine Freude«, (365), zwei »Kyrie« (GL 154 und 156), »Laudate Dominum« (GL 394), »Laudate omnes gentes« (GL 386), »Magnificat« (GL 390), »Misericordias Domini« (GL 657,6), »Ostende nobis Domine« (GL 634,2), »Surrexit Dominus vere« (GL 321), »Ubi caritas et amor« (GL 445), »Veni Sancte Spiritus« (GL 345,2), »Veni Sancte Spiritus, tui amoris« (GL 345,1), »Geist der Zuversicht, Quelle des Trostes« (GL 350). »Kyrie« hat wenigstens ein Vorbild in den gregorianischen Kyrie-Gesängen, bei denen zweimal (früher dreimal) dieselbe Melodie gesungen wurde. Auch die lateinischen Taizé-Gesänge sind nicht ohne die gregorianischen Psalmantiphonen zu sehen, die abwechselnd mit Psalmversen gesungen wurden. Hier aber werden sie zum Selbstzweck. Die Communauté von Taizé schreibt dazu: „Die Gesänge sollen eine Atmosphäre schaffen, in der man gesammelt beten kann“ und „Alle können ohne engeren zeitlich Rahmen der Erwartung Gottes Raum geben.“ Die einfache Mehrstimmigkeit der Gesänge verstärkt den Wohlfühleffekt. Der Verstand wird ausgeschaltet und nur das Gefühl wird angesprochen.

Wiederholungen treten bereits bei Liedern aus der Barockzeit auf. Im Weihnachtslied »Als ich bei meinen Schafen wacht« (GL 246) dienen sie den damals beliebten Echoeffekten, wie man sie auch aus den Orgelwerken der damaligen Zeit kennt. Leider sind die Echos im Gotteslob nicht vermerkt. Der Kommuniongesang  »Wir rühmen dich, König der Herrlichkeit« (GL 211), dessen Melodie auf »Es sungen drei Engel« von 1605 zurückgeht, beruht auf dem „call and response“ / Ruf und Antwort-Prinzip. Dazu gehört auch das Lied von Huub Oosterhuis »Wer leben will wie Gott auf dieser Erde« (GL 460).

Bei manchen Liedern wird die ermüdende Wirkung einer Wiederholung bewusst abgeschwächt, indem man Voltenklammern einführt. Bei der Prima-Volta-Klammer endet die Melodie noch nicht auf dem Grundton, der erst bei der Seconda-Volta-Klammer erreicht wird, wie bei »Engel auf den Feldern singen« (GL 250) und »Manchmal feiern wir mitten im Tag« (GL 472). Bei »Suchen und fragen« (GL 457) sind die Voltenklammern ausgeschrieben.

Ohne irgendeine Verschleierung der schlichten Wiederholung kommen die folgenden Lieder aus,  bei denen ich mich frage, warum überhaupt eine Wiederholung sein muss.  In »Gottes Stern, leuchte uns« (GL 259) hat man, wenn es beim ersten Mal mit der abtaktig beginnenden C-Dur-Tonleiter nicht ganz geklappt hat, eine zweite Chance. Falls man bei »Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen« (GL 400) von dem viermaligen Sextsprung noch nicht genug hat, darf man ihn bei der Wiederholung ein fünftes Mal singen. Selbst Franz Schubert greift bei »Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe« (GL 413) aus seiner Deutschen Messe zu diesem Mittel. In der Wiener Klassik war das ein zulässiges Stilmittel. Manchmal hat man den Eindruck, wie bei »Meine engen Grenzen« (GL 437), dass das Lied einfach zu kurz ist („meine kurze Sicht“) und deshalb eine Wiederholung braucht. Ähnlich könnte man auch bei »Bewahre uns, Gott« (GL 453) argumentieren. Da ist das letzte Lied »Es wird sein in den letzten Tagen« (GL 549) von ganz anderem Kaliber. 6/4-Takt, Tonart h-Moll, zwei Hemiolen, die räumliche Ausdehnung der Strophe, die melodische Verknüpfung der letzten Zeile mit dem Refrain und dessen Text „Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“ rechtfertigen allemal das Mittel der Wiederholung.

Aber, wie sagte schon Horaz: „Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen“.

Anton Stingl jun.