Lobe den Herrn, meine Seele

Ein lieber Kollege ist gestorben, Musiklehrer meiner Tochter in der Grundschule, Leiter des Kirchenchors der Nachbargemeinde und Mitglied der Freiburger Münsterschola, die ich zwölf Jahr lang leiten durfte. Darüber hinaus leitete er noch weitere Chöre, und es gab kaum einen Freiburger Chor, dem er nicht seine helle Tenorstimme lieh, auf Dauer oder zur Aushilfe. Kein Wunder, dass seine Familie auf die Todesanzeige die Zeilen von Edith Maria Bürger setzte:

Die letzte Strophe deines Liedes war verklungen,
als Er deinen Namen rief.
In uns jedoch wird‘s nie verstummen,
es singt ganz leise, seelentief.

Die Beerdigung in der evangelischen Dorfkirche war für mich in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung. Mir war die ganzen Jahre über nicht klar, dass mein Kollege sich mühelos zwischen den Konfessionen bewegte. Die Musik bildete offensichtlich das verbindende Band. Und dann waren da zwei Chöre und die Münsterschola zur Trauerfeier angerückt, um sich musikalisch von ihrem Leiter bzw. ihrem Sänger zu verabschieden. Der Pfarrer, der die Trauerfeier leitete, musste bei so viel Musik-Power die versammelte Trauergemeinde sogar mit der Aussicht beruhigen, dass sie sich auch noch mit einem Lied beteiligen durfte. Dieses Lied wurde aus dem neu erschienenen Anhang zum Gesangbuch der Evangelischen Landeskirche in Baden »Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder« gesungen.

https://www.youtube.com/watch?v=OX8ySlt2UQc

Das Lied kannte ich nicht. Mein Banknachbar zur Linken griff sich das letzte Gesangbuch in der Bank und machte keine Anstalten, mich hineinsehen zu lassen, weil er vieleicht merkte, dass ich von der anderen Fakultät war. Ich versuchte es dann mit einem Blick durch die Lücke zwischen dem Ehepaar in der vorderen Bank. Leider war mir die Schrift auf die Entfernung zu klein, sodass ich nur den Kanon-Refrain mitsingen konnte. Was mir beim Singen, vom elektronischen „Nudelbrett“ begleitet, besonders positiv auffiel, dass alle Anwesenden sehr rhythmisch im Takt sangen und den Text sorgfältig artikulierten.

Ich besorgte mir ein Exemplar des Anhangs und sah mir das Lied genauer an, vor allem den Text der Strophen, die ich in der Kirche nicht lesen konnte. Der Text ist nach Psalm 103 geformt und im Allgemeinen der Melodie gut unterlegt. Etwas merkwürdig klingen Formulierungen wie der mich von Krankheit gesund gemacht und Der Erd und Himmel zusammenhält. Dem Zwang des Reimens ist mit Psalmen und Weisen geschuldet. Tatsächlich reimt sich kein anderes Substantiv auf preisen. Man hat bei der Deutung die Auswahl zwischen Liedweisen oder weisen Männern. Genau an dieser Stelle befindet sich auch eine musikalisch gefährliche Stelle. Die Strophen beginnen interessanterweise in der zur Dominante von F-Dur parallelen Molltonart a-Moll, die statt des Tones b den Ton h verwendet. Um wieder zur Ausgangstonart zurückzukehren, moduliert in den letzten vier Takten die Melodie über C-Dur nach F-Dur zurück. Dabei bewegt sich die Melodie auf einer sehr kurzen Strecke von fünf Tönen von h zurück nach b. Schon in der Kirche war mir aufgefallen, dass hier manche strauchelten. Die Melodieführung in den beiden letzten Zeilen enthält außerdem bedingt durch die abwärtsführende Sequenz einen unsanglichen Septsprung abwärts. Offensichtlich haben die Herausgeber des Eigenteils der Erzdiözese Freiburg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart zum Gotteslob die Problematik der Strophen erkannt und nur den Kanon abgedruckt (GL 838).

Anton Stingl jun.

Psalmenbuch für »Arme«

Das jüngst erschienene »Psalmenbuch«, herausgegeben vom Deutschen Liturgischen Institut und dem Liturgiereferat des Bistums Würzburg in Kooperation  mit dem Referat für Liturgie & Kirchenmusik des Bistums Passau, hat sich eine Mammut-Aufgabe gestellt. Sämtliche, d.h. etwa 960 Antwortpsalmen des gesamten Kirchenjahrs wurden zum Singen eingerichtet. Da musste man notwendigerweise bestimmte Anforderungen reduzieren wie einst im Mittelalter bei der « Biblia pauperum » ‒ der „Armenbibel“. Das war eine Kurzbibel, die für Scholaren oder Kleriker gedacht war, die sich den Erwerb einer vollständigen Bibel nicht leisten konnten, bzw. eine bebilderte Bibel, die als Erbauungsbuch für jene diente, die kein Latein oder überhaupt nicht lesen konnten.

Wenn das Bibelwerk mit dem Slogan  »Das Psalmenbuch – für alle Lektoren und Kantoren« wirbt, dann kann wohl nicht gemeint sein, dass die Lektoren jetzt auch noch die Antwortpsalmen lesen sollen, denn diese Psalmen finden sich seit eh und je bereits in den Lektionaren. Es bleibt dann nur die zweite Möglichkeit, dass Lektoren, die bisher nur gelesen haben, mit Hilfe eines Buches befähigt werden, Noten zu lesen und über Nacht singen zu können. Wenn sie dagegen womöglich mit kirchlicher Hilfe Gesangsunterricht erhielten, dann wären sie echte Kantoren, die die Psalmen mit reiner und klarer Stimme intonieren könnten.  Die im Prospekt verwendeten Begriffe »Lektoren« und »Kantoren« gelten vermutlich auch für Frauen, die sich schon seit langem in diesen Ämtern bewährt haben.

Das »innovative Konzept« namens »Methode Kantorale simplex« (einfach), nimmt Bezug auf das « Graduale simplex » von 1967, in dem einfachste lateinische Responsorialpsalmen  mit zweiteiligen Psalmodiemodellen und kurzen Kehrversen veröffentlicht wurden. Denselben Ansatz verfolgte auch Godehard Joppich in seinen »Preisungen« von 1998, deren Gesangsmodelle sich ausdrücklich auf die sogenannten Urmodi beziehen. In dieser jetzt 50 Jahre alten Tradition verspricht das »Psalmenbuch« Lektoren und Kantoren »ohne große Anstrengung den Einstieg in den gesungenen Vortrag des Psalms« durch Psalmtonmodelle zu ermöglichen –  hier vorsichtigerweise Singweisen genannt –,  die wie Supermodels auf wenige Töne abgemagert sind. Der Verkaufsprospekt weist darauf hin, dass auf Beugungen und Kadenzen weitgehend verzichtet wird, was natürlich nicht möglich ist, denn jede auch noch so einfache Schlusswendung stellt eine Kadenz dar. Was tatsächlich fehlt, sind zweiakzentige Kadenzen, die dafür sorgen, dass der Psalmvortrag kein »teuflisches Geplärr und Geleier« (J. S. Bach), sondern ein adäquates Gewand für das Psalmwort wird. Auch ist in den wenigsten Fällen die »steile Fügung« berücksichtigt, die durch Hervorhebung mit leichter Dehnung vor einer weiteren betonten Silbe zu einer sinnvollen Gliederung des Psalms verhilft. Auch auf ein Initium, das den Übergang vom Kehrvers zum Rezitationston bildet, wurde verzichtet.

Die »kurzen, einprägsamen Kehrverse« helfen die Kosten des Buches niedrig zu halten, weil sie nicht aus dem Gotteslob stammen, weshalb auch keine Lizenzgebühren anfallen. Die »schlichten Neuvertonungen« wurden aus dem Tonvorrat des jeweiligen Melodiemodells »schlecht und recht« entwickelt. Um die treuen Anhänger der Gotteslob-Kehrverse nicht zu vergraulen, sind zusätzlich die Nummern von passenden oder unpassenden Kehrversen aus dem Gotteslob angegeben. Da die Kehrverse by heart/par cœur/a memoria/auswendig gesungen werden sollen, dürfen sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte ich experimentell nachweisen, dass man bis zu einer Zahl von 12 bis 13 Silben den Kehrvers nach einmaligem Hören erfassen kann. Das »Psalmenbuch« hält sich zwar  an diese Regel, aber leider wird sie zum Nachteil von Text und Melodie an vielen Stellen drastisch unterschritten.

Ein konkretes Beispiel soll die aufgezählten Mängel verdeutlichen. Auf der Suche nach dem Antwortpsalm zum Freitag in der 2. Fastenwoche findet man im Register I  (S. 14) die Angabe »Ps 105, 16-21 mit Kehrvers B«. Den Psalm 105 kann man erblättern oder auf der Seite 303 im Inhaltsverzeichnis die zugehörige Seitenzahl nachschlagen: Psalm 105 beginnt auf Seite 196. Dort stehen außer dem Kehrvers B noch zwei weitere Kehrverse, denn der Psalm wird mit unterschiedlicher Versauswahl noch an 13 anderen Tagen benötigt, wie z. B. am Fest der Hl. Familie und am  Mittwoch in der Osteroktav.

Kehrvers zu Psalm 105

Das Beispiel zeigt eine „Eierkohlennotation“, die auf die richtige rhythmische Interpretation des Textes vertraut. Die Melodie lässt erkennen, wie sparsam die Herausgeber mit dem Text und dem Tonvorrat des zugehörigen Psalmmodells umgegangen sind. Wenn sie den Vorschlag des Lektionars verwendet hätten, wären sie immer noch unter der Gedächtnisobergrenze geblieben: Gedenkt der Wunder, die der Herr getan!

GL 432

Als möglichen Ersatz für den hauseigenen Kehrvers wird aus dem Gotteslob die Nr. 432 angegeben. Die Melodie dieses Kehrverses hat zwar dasselbe Vorzeichen wie das Psalmmodell, aber die Melodie und vor allem der Text passen wie die Faust aufs Auge. In Ps 126,3 ist von Großem (Magnificavit) die Rede, in Ps 105,5a aber von Wunder (mirabilium).

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 7-8

Die gewählte Form, in der alle im Laufe des Kirchenjahrs erforderlichen Verse eines Psalms hintereinander aufgeführt werden, hat den Nachteil, dass erste Vers eines Antwortpsalms in den meisten Fällen nicht der erste Vers des Psalms ist, sondern innerhalb des Psalms möglicherweise auf den vorhergehenden Vers Bezug nimmt. Da der Hörer diesen Zusammenhang aber nicht kennt, muss der erste Vers des Antwortpsalms dieser Situation angepasst werden. Der erste Halbvers »Dann aber rief er den Hunger ins Land« muss zugunsten von »Er rief den Hunger ins Land« geändert werden. Auch wenn der Werbeprospekt verspricht, dass  »die Texte vollständig dem Wortlaut der revidierten Einheitsübersetzung entsprechen «, muss man sich die notwendigen Freiheiten zur Änderung nehmen, wenn sie dem Verständnis dienen. Da bei dem verwendeten »Singweise« jede Kadenz den Ton des nächsten Rezitativs vorwegnimmt, konnte man sich ein vermittelndes Initium sparen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 9-10

Wenn man auch der Beachtung des Kommas bei „Zeit, als“ und zusätzlich dem Zeilenumbruch vertraut, so wäre doch an dieser Stelle ein Dehnungszeichen hilfreich, um auf die „steile Fügung“ aufmerksam zu machen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 11-12

Warum ändert sich beim dritten Doppelvers innerhalb ein und desselben Antwortpsalms das Modell? Ist der König daran schuld, der sich aus der bisherigen Tiefe des Psalmvortrags befreien will? Abgesehen davon, wäre auch sehr von Vorteil, das Komma bei „König, der“ und „Völker, der“ im Notensystem zu markieren, ganz zu schweigen von der „steilen Fügung bei „Herrn über“, was von unerfahrenen Kantoren leicht übersehen wird. Die Schlusswendung zeigt eine besondere Schwäche, die im gesamten Buch immer wieder auftaucht: Der Schlusston wird über einen absteigenden Tetrachord erreicht, was außerhalb des Psalmenbuchs für „Arme“ sinnvollerweise nirgends vorkommt. Diese Wendung zeigt sich allenfalls innerhalb eines Stückes, aber nie am Ende.

Abschließend folgt eine Vertonung, die versucht, die gezeigten Schwächen zu vermeiden. Der Kehrvers bleibt mit 11 Silben im gesteckten Rahmen und schließt unisonisch an den Schlusston des Psalmverses an. Der Text des ersten Verses ist korrigiert. Das Modell verfügt in allen vier Teilen über Initium und Kadenz und die rhythmischen Besonderheiten sind berücksichtigt. Das gewählte Psalmtonmodell passt tonartlich zum Charakter des Textes.

Antwortpsalm am Freitag der 2. Fastenwoche

Abschließend soll noch auf die bescheidenen Schlussworte zum Konzept des Psalmenbuches hingewiesen werden: »Mit zunehmender Routine werden die Kantorinnen dann auf musikalisch anspruchsvollere Kantorenbücher zurückgreifen«. Also keine Rede mehr von Lektoren und Kantoren. Und die Herausgeber der anderen Kantorenbücher werden sich sich freuen.

Anton Stingl jun.